Der Laute

Christoph Hammel

Text: Patrick Hemminger, Fotos: Alex Kraus, gettyimages / Adrian Vidal, z.V.g.

«Damit ein Sauvignon Blanc bei den Kritikern gut ankommt, muss er heute nach Schiesspulver und abgebrannten Streichholzköpfen riechen, schmecken muss er nach Salzzitrone und Mineralität. Daraus ist mein Wein aber nicht gemacht!», sagt Christoph Hammel. «Mein Wein ist aus Trauben und das soll man im Glas auch merken!»

Hektar vor 20 Jahren und aktuell
58 ha Zukauf - 45 ha plus 58 ha Zukauf
Anzahl der Weine
Damals 40 heute 40
Günstigster Wein
Weingartencuvée in Rosé und in Rot 4,85 Euro / Anzahl Flaschen 30'000
Meistverkaufter Wein
Sophie Helene Rosé 6,50 Euro / Anzahl Flaschen 150'000
Teuerster Wein
Kleinkarlbacher Herrenberg Spätburgunder 25 Euro / Anzahl Flaschen 1500 Flaschen

Das ist Hammels Erfolgskonzept: Er macht Weine, die schmecken und dabei kein bisschen leise sind. «Meine Weine sind wie ich!», ruft Hammel. Die Freaks vermissen das Subtile, die leisen Töne und die feinen Nuancen in seinen Weinen. Alle anderen lieben sie.

Aber bis dahin war es ein weiter und steiniger Weg. Und um den zu verstehen, sagt Hammel, müsse man zurück gehen in seine Jugend. Er führt das Weingut in achter Generation. Und für seine Eltern war immer klar, dass er ebenso Winzer wird, wie sie es waren, ebenso seine Grosseltern und deren Vorfahren. «Ich habe es gehasst!», ruft Hammel. «Wein machen, das waren für mich alte, mürrische Männer, die im Keller Schläuche von links nach rechts ziehen, um Wein von rechts nach links zu pumpen!»

Das war nicht seine Welt. Hammel wollte Abitur machen, Theaterwissenschaften studieren und rauf auf die Bühnen dieser Welt. Alles Flausen, sagten die Eltern, die Stimmung zuhause war durch den Konflikt so schlecht, dass Hammel freiwillig nach Klosterneuburg bei Wien ging, um das Winzerhandwerk zu lernen. Lern erstmal etwas Anständiges, dann kannst du immer noch machen, was du willst, verlangten die Eltern. Heute ist Hammel ihnen dankbar. Denn in Klosterneuburg passierte es, er entdeckt seine Liebe zum Wein. «Dort habe ich gemerkt, dass Wein machen saugeil ist! Man kann total kreativ aus Trauben einen Wein formen, der den Menschen schmeckt. Wie mit Knetmasse!», sagt Hammel. Seit damals ist er kein Freund des kontrollierten Nichtstuns, mit dem manche Winzer gerne kokettieren. «Ich tue gerne ganz viel mit dem Wein. Ich habe die Menschen im Kopf vor mir, die ihn trinken und dann schneidere ich den passend. Holz, ja oder nein? Kaltmazeration, ja oder nein? Was für Rebsorten? Wie reif müssen die Trauben sein? Was für Reinzuchthefen?»

«Christoph Hammel macht Weine, die die Menschen lieben. Dafür wird er verehrt und verachtet.»

Anfang der 1990er Jahre ging Hammel für drei Jahre nach Südafrika. Bald war er dort als Head- Winemaker für 550 Hektar Reben verantwortlich. Und die Weine, die es dort gab, faszinierten ihn. «Deutscher Wein war damals sowas von uncool. Wer Feuilleton buchstabieren konnte, der trank Italien oder Elsass. Und in Südafrika bekamst du Weine zu trinken, die sind explodiert vor Frucht und Trinkfreude», erzählt Hammel.

Gemeinsam mit Bruder und Schwester brachten sie den Betrieb wieder in die Gewinnzone

Als er zurückkam ins elterliche Weingut, stand es vor dem Ruin. «Mein Vater hat den Betrieb in die Grütze geritten», sagt er. Gemeinsam mit seinem zehn Jahre älteren Bruder - dem Finanzgenie der Familie - und seiner inzwischen verstorbenen Schwester brachten sie ihn wieder in die Gewinnzone. Sieben Tage Arbeit in der Woche waren normal. Langsam setzte Hammel seine Idee von Wein in die Tat um. Dazu gehörte zum einen der Geschmack. Klare, saubere und fruchtbetonte Weine, wie er sie machte, waren damals hierzulande noch eine Seltenheit. Dazu das Unkomplizierte: Hammel schmiss konsequent die Lagenbezeichungen von den Etiketten. «Ich habe lieber ein schönes Bild drauf gemacht, um die Menschen zu emotionalisieren », sagt er. Ausserdem ein schöner Name oder einfach die Rebsorte und gut war’s.

Facebook half bei der Vermarktung

Es ging aufwärts mit dem Weingut Hammel. Und dann richtete ihm seine Frau vor ein paar Jahren einen Facebook-Account ein, damit Hammel besser mit seinen Freunden in Österreich, Südafrika und Neuseeland in Verbindung bleiben konnte. Das tat er auch. Aber mit einem Mal hatte Hammel die Bühne, auf die er vor vielen Jahren verzichtet hatte. «Auf einmal hatte ich ein Sprachrohr», sagt er. «Durch Facebook haben wir unsere Produktion in ein paar Jahren von 600.000 Flaschen auf 1,2 Millionen gesteigert.»

Jetzt, wo Hammel am Höhepunkt angelangt ist, wird er sich mit seinen 57 Jahren zurückziehen. Geschäftsführer bleibt er und laut wird er sicher auch bleiben. Aber im Weingut treffen nun andere die Entscheidungen. Sein Neffe, dessen bester Freund, eine junge Kellermeisterin und ein Aussenbetriebsleiter - alle unter 30. «Die sind so gut ausgebildet, wie ich es nie war. Wenn die mich fragen, werde ich meine Meinung sagen. Aber ich treffe nicht mehr die letzte Entscheidung», sagt Hammel. Stillsitzen wird er trotzdem nicht. Er hat so einige Pläne, von denen man sicher hören wird. Denn leise sein ist Hammels Sache nicht.

Weingut Hammel (Pfalz)
Sophie Helene Rosé 2019

15 Punkte | 2021 bis 2022

Duftet kräftig nach hellroten Früchten. Vollmundig und lang, auch am Gaumen Aromen roter Früchte, allen voran Himbeere. Eignet sich gut als Essensbegleiter.

6,50 Euro | www.weinhammel.de

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