Domaine des Pères de l’Église, Rhône

Frischer Wind in alten Mauern

Text: Barbara Schroeder, Fotos: Rolf Bichsel

Die Domaine des Pères de l’Église gehört zu den aufstrebenden Weingütern der Appellation Châteauneuf-du-Pape im Süden der Rhône. Im Keller arbeitet ein munterer Blondschopf mit Visionen: Laetitia Gradassi.

 

Châteauneuf-du-Pape. Das ist doch… ja genau. Diese ominöse, legendäre Appellation in Südfrankreich, das Dorf mit Burgruine ganz oben auf dem Hügel, der Wein der Päpste, gemacht von listigen uralten Winzern mit knorrigen O-Beinen, roter Nase und auf dem Kopf festgeschraubter Baskenmütze. Und wie hiess doch noch gleich das Gut, das ich aufsuchen sollte? Ah ja, Domaine des Pères de l’Église, die Domäne der Kirchenväter. Vor meinem inneren Auge sah ich bereits eine Prozession in Ku-Klux-Klan-Kutten gekleideter, Litaneien singender Mönche auf mich zukommen, um mich mit stummem Schweigen und strengem Blick kreuzschlagend zu empfangen – ob Frauen da überhaupt zugelassen werden?

Eine fröhliche Stimme, eine blonde Sonne, ein strahlendes Lächeln fegten rasch alle schwarzen Gedanken von der inneren Leinwand. Nichts von Hexensabbat und schwarzen Mönchen. Mit den Worten «Bonjour, je suis Laetitia» hiess mich ein fesches Mädel mit kurzen Shorts und langen blonden Haaren auf einem unscheinbaren und ganz und gar weltlichen Bauernhof willkommen. Die Empfangsdame? Die Assistentin? Die Ferienvertretung? Nein, ganz einfach – die 30 Jahre junge Weinmacherin und Mitbesitzerin.

Winzerin wollte Laetitia Gradassi schon immer werden. Reben hatte die Grossmutter in ausgezeichneten Lagen, die vom Vater und von dessen um elf Jahre jüngerem Bruder bestellt wurden, die ihre Weine offen an den Handel verkauften – klassisch für viele kleinere oder mittelgrosse Güter in Châteauneuf-du-Pape im letzten Jahrhundert. Wein auf die Flasche brachten die Gradassis erst ab 2002 – in der Familie war man Winzer und wusste, was ein Terroir und was eine Rebe ist und wie man Wein absticht, von Marketing und Kommerz verstand man jedoch wenig. Doch da war ja die Kleine, und die wollte ins Geschäft einsteigen und hatte einen hellen Kopf – in jeder Beziehung.

Laetitia absolvierte ganz folgerichtig ein Wirtschaftsstudium und verbrachte zwei Jahre im Ausland – auf Weingütern in Australien und Neuseeland. «Die Konfrontation mit einer anderen Weinmachermentalität war für mich zukunftsweisend. Zuerst bewunderte ich den Professionalismus, die Effizienz, das technische Niveau, aber rasch erschreckte mich die Tatsache, dass Wein hier als Industrieprodukt wie jedes andere angesehen wurde, ganz anders als in der Heimat. Mir wurde bewusst, welche Chance es für mich darstellte, als Jungwinzerin in Châteauneuf einsteigen zu können, auf einem Gut mit weitem Horizont, wo so vieles noch möglich war.»

Mitte 2014 begann Laetitia auf der Domänezu arbeiten und kümmerte sich vorerst um die Kommerzialisierung der Weine. Nur ein paar Monate später verstarb völlig unerwartet der Vater. «Der Keller war sein Revier. Mein Onkel arbeitete im Rebberg – fast automatisch übernahm ich auch den Kellerpart.»

«Friedlicher Generationenkonflikt»

Doch der 30-jährige Blondschopf legte nicht einfach die Hände in den Schoss und profitierte von seiner neuen Pfründe. «Es gibt schon so etwas wie einen – gewiss friedlichen – Generationenkonflikt hier in Châteauneuf-du-Pape. Die Älteren erinnern sich noch an eine Zeit, wo Alkoholgrade und optimale Reife nicht selbstverständlich waren. Extrakt und Feuer sind für sie wie das Alte Testament. Für meine Generation ist das schon anders. Feuer und Extrakt schaffen wir heute mit links. Wir suchen daher nach mehr Ausdruck, grösserer Fruchtigkeit, optimaler Harmonie und Eleganz.»Weil das tüchtige Mädchen überzeugt davon war, dass die Qualität der Böden – die eigentliche Stärke des Gutes, das in der AOC 15 Hektar in verschiedensten Ausrichtungen besitzt, verteilt auf 25 Parzellen mit teils uralten Stöcken, ein unschätzbares Potenzial – noch nicht optimal genutzt wurde, bei allem guten Willen, zog sie externe Berater hinzu. Erster konkreter Schritt war der Kauf von drei kegelförmigen Gärtanks, die einen besseren Maischekontakt erlaubten – und damit fruchtigere Weine. Andere Schritte werden folgen.

«Winzer meiner Generation setzen weniger auf Feuer und Extrakt und stärker auf Fruchtigkeit und Eleganz.» 

Laetitia Gradassi Jungwinzerin

Der Onkel liess und lässt sie gewähren. «Das ist eine weitere Chance, die ich habe. Wir sind ein wirklich optimales Dreierteam. Ich profitiere von der Erfahrung von Onkel Serge und bringe neue Ideen ein. Serge lässt mich gewähren. Er bremst höchstens dann und wann sanft meinen Enthusiasmus, wenn ich allzu schnell vorgehen will oder allzu abgehobene Vorstellungen habe.»

Dritte im Bunde ist und bleibt Grossmutter Paulette, die Besitzerin der Reben, die sie nach wie vor an die Jungmannschaft verpachtet. «Sie ermutigte mich schon als Kind, meinen eigenen Weg zu gehen – was sie im Kopf hat, muss sie nicht in den Füssen haben, meinte sie damals – und heute ist sie stolz darauf, während der anstrengenden Erntetage für uns Mittagessen zukochen!», erzählt Laetitia strahlend.

Und die Weine? Um nicht als parteiisch beschuldigt zu werden, zitiere ich die Notiz von Rolf Bichsel aus der kürzlich durchgeführten Blindverkostung von über 200 Châteauneuf, die wir in der nächsten Ausgabe publizieren werden: «Superbe Aromatik von wilden Beeren, beeindruckende Mischung von Feuer und Mineralität, von morbider Eleganz und ungestümer Rasse.» Das tönt nach Spitzenterroir und Eigencharakter, nach Zusammengehen von Gestern und Heute. Wenn die Weine schon so klasse waren, bevor Laetitia das Ruder übernahm, lässt die Zukunft ja einiges erwarten.

Weine des Winzers

 

Côtes du Rhône 2014

80% Grenache, 20% Syrah | 2015 bis 2020

Aromen von schwarzen Beeren in der Nase. Im Mund: saftige, fruchtige Textur, gut abgerundetes Tannin, von mittlerer Statur und Länge. Würziger, ehrlicher, bodenständiger, fruchtiger, durch und durch bekömmlicher Wein für alle Gelegenheiten.

Mariage: Zu Rindfleisch, Grilladen, Lammkotelett mit Kräutern

 

Le Calice de Saint Pierre 2012

90% Grenache, 7% Syrah, 3% Mourvèdre | 2016 bis 2030 (15 Jahre)

Es handelt sich um die wichtigste Cuvée der Domäne. Verführerische Aromatik von wilden Beeren. Im Mund: beeindruckende Mischung von Feuer und Mineralität, von reifer Eleganz und ungestümer Rasse. Stilvoller Wein, langanhaltend. Der Alkohol ist gut eingebunden.

Mariage: Saucengerichte wie Gulasch oder Boeuf Bourguignon, reichhaltige, würzige mediterrane Speisen

 

Héritage 2012

95% Grenache, 5% Syrah und Mourvèdre | 2018 bis 2035

Diese Vorzeigecuvée wird nur in Kleinstaufl age produziert. Würzigfruchtiger Ausdruck mit Aromen von reifen Kirschen. Im Mund: Tannine von grosser Klasse, geschmeidig, dicht, kräftig; endet saftig und temperamentvoll und beeindruckend lang.

Mariage: Charaktervoller Wein, der selbst kräftige Speisen nicht scheut, zu Federwild und Hochwild oder Drosseln

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