Brexquisit

Topschäumer aus England

Text: Thomas Vaterlaus

Spätestens seit das Champagnerhaus Taittinger in der Grafschaft Kent 70 Hektar Land gekauft hat, um hochwertige «English Sparklings» zu produzieren, gilt der Süden Englands als der neue Hotspot für Topschäumer. Zu Recht. Das beweisen Produzenten wie Gusbourne, Ridgeview und Camel Valley.

Wer im grossen englischen Wetter-Roulette das seltene Glück hat, bei Sonnenschein von Calais aus über den Ärmelkanal in Richtung England zu tuckern, sieht bald am Horizont ein schneeweiss glänzendes Band zwischen Meer und Himmel. Die vielbesungenen «White Cliffs of Dover» sind nichts weniger als das eindrücklichste Kreide-Naturmonument der Welt. Für Weinfreaks sagt allein dieser Anblick schon alles. Es ist exakt derselbe Boden, der den Champagner-Crus ihre unnachahmliche Finesse verleiht. Tatsächlich gehören sowohl die Champagne als auch die englischen North Downs, also jener Höhenzug, der sich von Kent aus über 160 Kilometer in westlicher Richtung erstreckt, zum Anglo-Pariser Becken, das aus einer bis zu 3000 Meter tiefen Schicht aus fossilen Skeletten besteht.

Ebenso interessant ist der Faktor Klima. Die Durchschnittstemperatur in Südengland ist gegenwärtig rund 1,5 Grad Celsius tiefer als in der Champagne. Dies entspricht exakt dem Klima, das in der Champagne vor 35 Jahren gemessen worden ist, also bevor dort die Klimaerwärmung eingesetzt hat. Die Konsequenz: Während in der Champagne die Topproduzenten früher ernten und auf den Säureabbau verzichten, dauert in Südengland der Vegetationszyklus für die Schaumweintrauben rund vier Wochen länger, und die Grundweine haben selbst nach dem Säureabbau noch eine mehr als knackige Säure.

Dank Amerikanern zum Erfolg

Der Boom der englischen Schaumweine hat massgeblich zur Ausdehnung der Rebfläche auf heute 2000 Hektar beigetragen, was einer Verdoppelung innerhalb von nur zehn Jahren entspricht. Rund zwei Drittel dieser Rebgärten dienen heute zur Schaumweinherstellung. Zwar gab es schon Anfang der 90er Jahre gute englische Schäumer wie beispielsweise den Rock Lodge Impresario von David Cowderoy. Dieser galt damals jedoch als Ausnahmeerscheinung. Schliesslich war es das amerikanische Ehepaar Stuart und Sandy Moss aus Chicago, das den «English Sparklings» in wenigen Jahren zum internationalen Durchbruch verhalf. 1992 kelterten sie in ihrem kurz zuvor gegründeten Nyetimber Estate in West Sussex die ersten Schäumer, die sich in Vergleichsverkostungen sofort auf Augenhöhe mit den Top-Cuvées aus der Champagne zeigten. Nyetimber setzte nicht nur auf die bewährten Champagner- Gewächse, also Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier, sondern auch auf Consulting aus der Champagne und zeichnete damit ein Modell vor, das schnell auch anderen englischen Sparkling-Produzenten zum Erfolg verhalf. Zum Beispiel Ridgeview in East Sussex, das 1995 vom früheren IT-Unternehmer Mike Roberts gegründet worden ist und heute von seinen Kindern geführt wird. Die Basis seiner reintönigen und frischen Crus ist das von Beginn an durchdachte Anpflanzungskonzept. So werden dort insgesamt 13 Klone von Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier auf drei verschiedenen Unterlagsreben kultiviert.

Ebenfalls eine klassische Familienstory steht hinter dem Erfolg von Camel Valley in Cornwall. Der ehemalige Militärpilot Bob Lindo und seine Frau Annie pflanzten schon 1989 die ersten 8000 Rebstöcke an. Viel Schub bekam das Gut, als Sohn Sam, der zuvor in Neuseeland als Winemaker tätig war, in den elterlichen Betrieb einstieg. Camel Valley steht heute für eigenständige, charaktervolle Schäumer wie den Jahrgangs-Rosé aus Pinot Noir mit feiner Kirschenfrucht und herber Frische im Gaumen. Wegweisend ist das Konzept seines geradlinigen, ja knackigen Jahrgangs-Brut, der zu 60 Prozent aus Seyval Blanc und zu jeweils 20 Prozent aus Pinot Noir und Chardonnay besteht.

Der 2004 von Andrew Weeber in Kent gegründete Gusbourne Estate orientiert sich wiederum ganz am Vorbild Champagne. Das Projekt hat viel Schub erhalten durch den kürzlichen Einstieg des konservativen Politikers und Geschäftsmannes Lord Ashcroft, der rund 10 Millionen Pfund in die Gusbourne Winery investieren will. Die Dynamik in der jungen, boomenden südenglischen Schaumweinszene mit zahlreichen Betriebsgründungen, Übernahmen und Umstrukturierungen macht es schwierig, den Überblick zu behalten. Qualitativ geht es aber rasant in die richtige Richtung.

Drei britische Topschäumer

Camel Valley

Cornwall Brut 2013 | Cuvée aus Seyval Blanc (60%), Pinot Noir und Chardonnay (je 20%).  | 2016 bis 2018

Ein Jahr auf der Hefe gereift. Zurückhaltende, aber auch sehr frisch wirkende Aromatik, mit Noten von Zitrusfrüchten, Blumen und Kräutern. Im Gaumen geradlinig und knackig, wird von einer prägnanten, aber saftigen Säure getragen.

 

Gusbourne Estate

Blanc de Blancs 2012 | 2016 bis 2022

Dieser reinsortige Chardonnay reifte in einer Lage mit sandhaltigem Lehm und wurde 36 Monate auf der Hefe ausgebaut. Intensives helles Gelb, komplexe Aromatik mit Noten von Hefegebäck, Nüssen und frischen Kräutern. Im Gaumen dicht und klar strukturiert. Wirkt erfrischend im Abgang.

 

Ridgeview

Rosé de Noirs 2013 | 2016 bis 2020

Eleganter Roséschäumer aus den klassischen Champagner-Sorten Pinot Noir und Pinot Meunier, dessen Grundwein nach dem Saignée-Verfahren hergestellt wurde. Aromen von roten Beeren, vor allem Erdbeeren und Kirschen. Im Gaumen kräftig, mit viel Zug und Charakter. Sehr guter Essensbegleiter.

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