Alvaro & Rafael Palacios

Helle Köpfe

Text: Thomas Vaterlaus

Niemand hat die spanische Weinszene in den letzten 30 Jahren so geprägt wie die Palacios-Familie. Alvaro und Rafael Palacios haben Priorat, Bierzo und Valdeorras aus ihrer Lethargie befreit, die Rioja neu interpretiert und beweisen, dass in Spanien auch weisse Grand Crus reifen.

Gerade in der Rioja, ihrer Heimat, zeigt sich heute, wie weit die Palacios-Brüder ihrer Zeit voraus waren. Wobei das Wort «voraus» nicht ganz zutrifft. Denn die ausserordentlichen Weine, die Alvaro und Rafael Palacios keltern, beruhen ganz und gar nicht auf Anbiederung an den Zeitgeist, sondern auf ihrer ausgeprägten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. «Manche weinbautreibenden Mönche im Mittelalter wussten besser als wir heute, was eine sehr gute von einer guten Weinberglage unterscheidet. Ihre Kenntnisse basierten auf individuellen Erfahrungen mit der Rebbergsarbeit über Generationen. Sie waren sensible Beobachter und hatten wohl weniger Ablenkung als wir heute», sagt Alvaro Palacios, der sich seit 30 Jahren für eine Ursprungsbezeichnung nach burgundischem Vorbild einsetzt. Seine Recherchen beruhen auf historischen Aufzeichnungen. Heute wird seine Idee allmählich mehrheitsfähig. So hat etwa der Kontrollrat der Rioja vor wenigen Monaten beschlossen, neue Bezeichnungen für Weine aus Einzellagen (Viñedos singulares), Grosslagen (Vinos de zona) und Ortsweine (Vinos de pueblo) einzuführen. 

Zudem predigen die Marketingleute der Rioja heute bei jeder Gelegenheit, dass die Region nicht nur die mithin besten Rotweine in Spanien produziere, sondern auch ein vorzügliches Terroir für weisse Crus sei. Auch das wussten die Palacios schon vor 20 Jahren. 1994 kam Rafael Palacios nach einem längeren Australien-Aufenthalt in die Bodega seines Vaters José Palacios Remondo zurück und kreierte den Prototyp eines frischen, geradlinigen und doch vielschichtigen weissen Rioja aus der damals zu Unrecht verschmähten Sorte Viura. Mit dem Jahrgang 1997 kam der Plácet Valtomelloso erstmals auf den Markt. Ausgewählte Lagen, reduzierter Ertrag und die Vergärung in grossen, Holzfässern («was mir vorschwebte, war ein Wein aus dem Holz, aber ohne jeglichen vordergründigen Holzgeschmack») war das Rezept für dieses aussergewöhnliche Gewächs. Danach wollte er mehr, und realisierte schnell, dass er seine Vision eines «spanischen Montrachets» nur an einem Ort realisieren konnte, nämlich in Valdeorras, wo alte, 50- bis 100-jährige Godello-Stöcke in einem kühlen, weil schon vom nahen Atlantik geprägten Klima in kargen Böden, teilweise aus purem Granit wurzeln. 2004 startete er hier sein Projekt und bringt seither mit seinen beiden Selektionen Sorte o Soro und As Sortes die wohl beeindruckendsten Weissweine der iberischen Halbinsel hervor.

Im Weingut geboren

Die Story gäbe genug Stoff für eine ganze Fernsehserie. Der heute 54-jährige Alvaro Palacios und sein Bruder, der 47-jährige Rafael, wachsen im östlichsten Zipfel der Rioja Baja auf, wo ihr Vater José die bis ins Jahr 1651 zurückreichende Weinbautradition der Familie weiterführt und 1948 in der Nähe von Alfaro die Bodega Palacios Remondo gründet. Die Grossfamilie (Rafael ist das jüngste und Alvaro dass drittjüngste von neun Kindern) lebt über der Bodega, wo auch alle Kinder zur Welt kommen. Beide studieren in Frankreich, reisen viel, lernen auch den Weinbau in der Neuen Welt kennen. Beide kehren in die Rioja zurück, arbeiten in der Bodega ihres Vaters, erkennen aber, dass sich in den starren Strukturen der Rioja ihre Vision vom ultimativen Wein nach Vorbild der französischen Crus nur schwerlich realisieren lässt. Alvaro macht sich Mitte der 80er Jahre auf die Suche. Irgendwann erhält er einen Anruf von René Barbier, seinem Freund und Mentor, Seine Botschaft: «Ich habe den Platz gefunden, komm her und schau es dir an!» So emigriert Alvaro 1989 nach Katalonien, ins Priorat. 

«Die spanischen Mönche im Mittelalter wussten besser als wir, was eine grosse von einer guten Lage unterscheidet.»

Rafael Palacios

Der Rest ist Geschichte. Seine Grand Crus wie L’Ermita, aber auch Finca Dofi sind Hommagen an jene wahren Werte des Weinlandes Spanien, die im inspirationslosen Pragmatismus der 70er und frühen 80er Jahre fast vollständig zerstört worden wären, weil damals niemand mehr einen Sinn darin sah, viel Arbeit in alte Reben zu investieren, die nur wenig Ertrag ergaben. Alvaro Palacios restaurierte diese Monumente und brachte sie dank biologischem Anbau wieder in Hochform. Seit 1998 setzt er seine Mission zusammen mit seinem Neffen Ricardo Palacios auch im kleinen Anbaugebiet Bierzo im nordwestlichsten Zipfel von Kastilien und León fort, mit klassischen Village-Weinen und Grand Crus aus der Sorte Mencia. Und nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2000 übernahm Alvaro Palacios auch die Verantwortung für den Familienbetrieb in der Rioja. Und schlug dort ebenfalls neue Wege ein. Er trennte sich von Traubenlieferanten, die seine Qualitätsvorstellungen nicht teilen mochten und stellte die eigenen Rebberge auf kontrolliert biologischen Anbau um. Und weil sich seine Begeisterung für die spanische Nationalsorte, den Tempranillo, stets in Grenzen hielt, weil sie seiner Meinung nach oft etwas grobschlächtige Weine ergibt, veränderte er die Assemblagen und machte die ihm bestens bekannte Sorte Grenache zum Leitgewächs der Palacios-Remondo-Weine – eigentlich ein logisches Konzept, denn nirgends sonst in der Rioja zeigt die Sorte ein so hohes Qualitätspotenzial wie in der warmen Subregion Baja. Weil Alvaro Palacios nicht nur ein grosser Winzer ist, sondern auch genialer Kommunikator, der seine Mission oft mit der Eindringlichkeit eines Predigers verkündet, steht Rafael Palacios, was die mediale Präsenz anbelangt, etwas in seinem Schatten, scheint sich dort aber ganz wohlzufühlen. Dabei ist er seinen Weg vielleicht sogar noch konsequenter gegangen. Liebäugelte Alvaro Palacios in seinen frühen Jahren nämlich durchaus mit internationalen Sorten wie Cabernet, Merlot oder Syrah, konzentrierte sich Rafael konsequent auf zwei alteingesessene weisse Sorten, zuerst Viura in der Rioja, dann Godello in Valdeorras. Wie sein Bruder hat er mit fast archäologischem Gespür rund 30 Top-Parzellen ausfindig gemacht und sorgsam restauriert. Wer die Weine der Brüder Palacios verkostet, kommt schnell zum Schluss, dass sich die beiden perfekt ergänzen. Alvarao ist der Zauberer in Rot, Rafael der Magier in Weiss.


Alvaro und Rafael Palacios

Seit mehr als 300 Jahren baut die Familie Palacios in Alfaro, in der Rioja Baja gelegen, Wein an. 1948 gründet José Palacios, der Vater von Alvaro und Rafael Palacios, hier die Bodega Palacios Remondo. Beide Brüder beginnen ihre Karriere im elterlichen Betrieb, gründen danach aber eigene Projekte, Alvaro 1989 im Priorat und ab 1998 in Bierzo (hier zusammen mit seinem Neffen Ricardo Palacios). Rafael gründet seinen Betrieb im Jahr 2004 in Valdeorras. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 2000 übernimmt Alvaro Palacios auch die Verantwortung für die Bodega in der Rioja, die rund eine Million Flaschen Wein pro Jahr produziert. Im Priorat werden ca. 350 000 Flaschen und in Bierzo 325 000 Flaschen hergestellt, in Valdeorras sind es rund 200 000 Flaschen.


 

Weine im Clubpaket

Bodega Palacios Remondo
Rioja Plácet Valtomelloso weiss 2016

2018 bis 2022

Reinsortiger, im Holz vergorener Viura. Aromen von Zitrusfrüchten und Wiesenblumen. Im Gaumen ausgewogen, geradlinig mit viel Zug und sehr animierend, getragen von einer präsenten, saftigen Säure.

Mariage:
Meeresfrüchte, Pouletbrust an Rahmsauce, Spargel, Weichkäse mit weisser Rinde.

 

Bodega Palacios Remondo
Rioja Propiedad Viñas Viejas rot 2011

2018 bis 2027

Reinsortiger Garnacha mit reifer, warm wirkender Beerenfrucht, auch leicht ätherische Noten. Im Gaumen im Auftakt feine Süsse mit einem Anflug von Mandelpaste und Linzertorte. Dann geprägt von einer griffigen Säure. Gute Länge.

Mariage:
Klassische Fleischgerichte wie Kalbsbraten oder Lammrückenfilet, Pilzragout oder reifer Hartkäse.

 

Rafael Palacios
As Sortes, Valdeorras weiss 2014

2018 bis 2028

Reinsortiger Godello. Leuchtendes, dichtes Gelb. Herrlich reif wirkende Aromen von Agrumen, auch gelben Früchten und eine Spur von Garrigue-Kräutern, Harz und Graphit. Im Gaumen vielschichtig und lebendig, saftige Säure, herrlicher Schmelz. 

Mariage:
Hummer, Fischragout mit Safransauce, milde asiatische Gerichte, Risotto mit Trüffel, Weichkäse


Insider-Tipp

Echaurren Ezcaray

www.echaurren.com 

Südlich der Rioja-Weinberge, nicht weit vom Pilgerweg nach Santiago, der die Rioja mit den Weinbergen in Galicien verbindet, befindet sich der Gourmettempel von Francis Paniego mit Hotel, in einem beschaulichen, typischen Rioja-Dorf gelegen. Eine Institution im nördlichen Spanien. 

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