Winzerlegende Werner Schönleber, Monzingen

Schönlebers Weinhimmel

Text: Eva Maria Dülligen, Fotos: www.medienagenten.de, Emrich-Schönleber / Medienagenten, Anthony Rose

Besessenheit ist per se kein schönes Wort. Es sei denn, sie bringt sensationelle Früchte hervor. So wie Werner Schönlebers Grosse Gewächse aus den Monzinger Einzellagen Halenberg und Frühlingsplätzchen. Da, wo der Nahewinzer den Weinbau obsessiv betreibt, legt er privat umso mehr Gelassenheit an den Tag.

Zum Lammgulasch gibt es heute selbstgemachte Haselnussknöpfle. Hanne Schönleber rührt das Fleisch in der Pfanne, von der Küche aus sieht man durch eine gläserne Schiebetür, wie Werner Schönleber die Teller auf dem Wohnzimmertisch verteilt. Daneben Sohn Frank, der eine Flasche Sekt vom Korken befreit – Plopp: der gutseigene Riesling-Schaumwein, Jahrgang 2015, wartet darauf, unsere Mägen zu öffnen. «Was wir hier auf den Tellern haben, ist Familien-Lamm», erklärt Werner Schönleber später. Sein Vater ging einst der Schafzucht nach, trieb die Herde von der Schwäbischen Alb bis ins wärmere Nahe-Tal, wo er in den Mischbetrieb seiner Ehefrau einheiratete. Ein Cousin Schönlebers führt die Zucht mit 1000 Merino-Schafen fort und tauscht das Lammfleisch mit den Gewächsen seines Vetters. Eines davon – eine Riesling-Spätlese aus dem Jahr 2002 – versetzt den Knöpfle und dem geschmorten Lamm exotenhafte Spritzigkeit. «Ein toller Jahrgang», schwärmt der Altwinzer, «wie er die Säure gehalten hat, fantastisches Alterungspotenzial.» Man hat nicht das Gefühl, als spräche jemand mit geschwellter Brust über das eigene Werk. Der 67-jährige Monzinger würde einen gut gemachten Riesling von Kollegen mit derselben Begeisterung loben. Beim Geschirrspülen gibt Hanne Einblicke in die Welt der Schönlebers.

«Wenn Frank zwei Jahre unter dem alten Niveau bliebe, käme gleich der Shitstorm»

Seit der Übergabe an Sohn Frank vorletztes Jahr befänden sie sich in einer Lernphase, vom Gaspedal runter und sanft abbremsen. Man mache weiter mit, aber ohne die ganze Verantwortung auf den Schultern. «Wenn wir mit unseren Freunden, den Dönnhoffs oder Rita und Clemens Busch, zusammensitzen, ist das Hauptthema momentan: Wie habt ihr das mit der Übergabe an die Kinder gemacht?» Es sei eine sensible Phase, legt der Gatte hinterher: «Wenn Frank zwei Jahre erkennbar unter dem alten Niveau bleiben würde, käme gleich der Shitstorm: Man merkt, dass der Alte nicht mehr dabei ist.» Das Winzerpaar selbst ging Anfang der Achtziger ein grosses Risiko ein, als es sich für den reinen Weinbau entschied, denn die Weinwelt hatte die Nahe noch längst nicht auf ihrer Landkarte. Halenberg und Frühlingsplätzchen, heute Namen, die weltweit die Ohren klingeln lassen, waren grossteils Buschland, das mitunter 30 Jahre brachgelegen hatte: «Es war keine leichte Entscheidung, in die Steillagen zu gehen, die lagen herum wie sauer Brot», sagt Werner Schönleber. «Aber das hat uns eine ganz andere Aufmerksamkeit gebracht.» Diese Aufmerksamkeit reicht heute bis in 25 Länder. Insgesamt ein Viertel der jährlich 140 000 produzierten Flaschen landet auf dem Exportmarkt mit dem Fokus UK, Russland, Schweiz und Österreich.

Handschrift mit frischen Akzenten

Ehrgeiziges Ziel von Sohn Frank ist es, den internationalen Bekanntheitsgrad noch weiter nach oben zu schrauben. Seit 2018 ist der 40-Jährige Betriebsleiter über 20 Hektar. Als Kellermeister führt er die klassische Handschrift des Vaters fort und setzt spürbare Akzente mithilfe der Stückfässer aus dem Hunsrück und dem Pfälzer Wald. Dem Grauburgunder etwa, den Grossvater Wilhelm bereits 1969 als Erster im Raum Monzingen gepflanzt hat, verpasst Frank neue deutsche Eiche. «Er verpackt das Holz besser, junges Holz steht ihm gut. Unser Grauburgunder ist schlanker, delikater als andere.» Besessen sind beide vom Wein, ohne sich dabei in die Quere zu kommen. Werner Schönleber ist der personifizierte Weinberg, beschreibt seine Parzellen wie Kunstwerke, wenn er mit dem Zeigefinger die Monzinger Gemarkungen auf der Luftaufnahme nachzeichnet, er die Waderner Schichten – grauviolett bis braunrot erscheinende Felsformationen – erklärt, denen Hunsrückschiefer und Quarzit beigemengt sind und die mineralische Facetten in die Weine bringen. Der Mann in verwaschener Levis zittert ein wenig, wenn er sich an Katastrophen wie im Jahr 2017 erinnert, als ein einziger Apriltag durch Frost so viele Knospen an den Rebstöcken im Halenberg tötete, dass nur 70 Prozent der durchschnittlichen Ernte herauskamen. So wie der Altmeister mit seinen Einzellagen verschmolzen scheint, scheint der Nachwuchs es mit dem Reifekeller zu sein, ein Duo, das sich über die Jahre aufeinander eingespielt hat: «Mittlerweile bin ich hier der Rentner und habe offiziell nichts mehr zu melden – aber ich rede mit», grinst der Vater. «Als Frank einstieg, war ich mit den Jahrgängen 2001, 2003 und 2004 gerade in meiner Hochphase. Er hätte grössenwahnsinnig sein müssen, die Revolution einzuläuten.» Revolutionärer Wind weht auf dem Monzinger Weingut mitnichten. Gut 25 Jahre nahm die fruchtsüsse Spätlese ein Drittel des Sortiments ein. Obgleich sich der Trend von dieser Prädikatsstufe wegbewegte, hielten die Schönlebers an ihr fest. Nicht um jeden Preis – heute sind es noch zehn Prozent – aber man weiss um das sinnliche Potenzial einer schön gereiften Spätlese. Und: «Spätlese gehört einfach zum Gesicht deutscher Rieslinge.» Vom Naturkork rücken Vater und Sohn nicht ab, da er das bessere Alterungspotenzial biete. Und Orange Wine sei dem Riesling nicht gerade auf den Leib geschrieben: «Ausserdem sind wir als Klassiker etabliert.» Auch zum rein ökologischen Anbau verhalten die beiden sich gemässigt. Das Thema fasziniert sie, man schaut sich ab, was sinnvoll erscheint, setzt Pheromone gegen Traubenwickler ein, vermeidet weitestgehend Fungizide und kompostiert mit eigenem Trester. Aber zertifizieren lassen wollen sie das Weingut nicht. Man bleibt konventionell und agiert organisch. Letztlich sei der CO2-Abdruck im Weinberg bei ihnen nicht grösser als bei Öko-Winzern.

Weinhimmel unter dem Dach

«Wir haben nicht die Aura der Biodynamiker, sind keine reinen Ökologen. Das ist heute gleichbedeutend mit dem Verzicht auf ein Vermarktungsargument.» Umso überzeugender geben sich vor allem die Grossen und Ersten Gewächse mit kühler oder wärmerer Mineralik, eleganter Frucht oder herbalen Anklängen. Dabei ist der Weg an die Spitze alles andere als mit Honig bepinselt gewesen. Werners Vater kam von der «Viehseite», trank gern sein Glas Wein, aber zum passionierten Winzer wurde er erst später. Seine Rebfläche betrug damals ein Zehntel von der heutigen und die Arbeitsspitzen lagen in dem einstigen Mischbetrieb noch nebeneinander. Mentor des Sohnes war der Kellermeister vom Staatsweingut Bad Kreuznach. Erst als Wilhelm Schönleber erkannte, wie viel Winzerblut im Nachwuchs steckt und dass sich der Weinbau rentiert, gab er grünes Licht für den Kauf weiterer Rebflächen. «Ich habe mich als Jungwinzer nicht hingestellt und gesagt: ‹Ich will an die nationale Spitze›; aber irgendwann merkte ich, wir mischen die Weinwelt auf», so Werner auf dem Weg in den Weinhimmel. Den klimatisierten Raum über der Vinothek würden andere «Schatzkammer» nennen, er nennt ihn seinen «Weinhimmel». Nostalgie lagert hier neben Wertschätzung und ein wenig Trotz: gesammelte Top-Gewächse aus Bordeaux und dem Burgund und eigene aus den 1970ern bis heute, die immer wieder vertikal verkostet werden. Dazwischen geleerte Flaschen, die besondere Freude gemacht haben, und unterschätzte Qualitäten ambitionierter Weinmacher. Das hier sei aber kein Museum, die meisten Flaschen würden noch zu seinen Lebzeiten geleert. Dann nimmt Werner Schönleber schmunzelnd eine Jahrgangs-Cuvée von Vega Sicilia aus dem Regal, einen Unico Reserva Especial: «Davon hat Frank mir bei der Weingutsübergabe einen Karton geschenkt – ein guter Deal, wie ich finde.»

Zeitloses aus der Steillage

Dass Werner Schönleber einst die besten Stücke in den steilsten Lagen in Monzingen aufkaufte, sorgt heute für Jubel in der Presse. Die von verwittertem Schiefer dominierten Parzellen bringen ihre Fingerprints 1:1 ins Glas.

Mineral Riesling 2018

17 Punkte | 2020 bis 2026

Heisst nicht nur so, weil er aus dem von Blauschiefer und Quarzit geprägten Halenberg stammt – er schmeckt auch nach Mineral. Ausgesprochen verspielt, trotz Jugend schöne Säurestruktur. Meersalznote. Prädestinierter Speisenbegleiter. Zum rosa gegarten Lamm geht er noch tiefer in die mineralische Dimension.

Halenberg -R- Reserve Riesling 2016

17.5 Punkte | 2020 bis 2028

Im Duft wirkt er wie Zitronensaft über einem Stück Eisen. Nach Belüftung treten Nuancen von Estragon und Salbei hinzu. Trockene Frische, messerscharfe Textur. Der Gaumen wird von einer Welle Grapefruitsaft erfasst. Filigraner Körper, angenehm metallisch bis ins Finish.

Reserve Grauburgunder 2016

17 Punkte | 2020 bis 2025

Duftet nach gegrilltem Camembert, daneben hauchfeine Noten von Estragon. Der Ausbau im Stückfass hat Andeutungen von rauchiger Kräuterwürze forciert. Aalglatte Oberfläche, die von Grapefruitsaft durchtränkt ist. Geschliffen und elegant.

Halenberg VDP.Grosse Lage Riesling 2018

18.5 Punkte | 2020 bis 2035

Zunächst verhalten, nach einer Weile Blütenstaub von weissen Frühlingsblumen im Bouquet. Verspielt in der Mundhöhle; Veilchenblätter auf Schiefer, subtile Fruchtsüsse, etwas exotisches Obst, reifer Pfirsich, enorme Energie, rund und ausgewogen. 

Frühlingsplätzchen VDP.Grosse Lage Riesling 2018

18.5 Punkte | 2020 bis 2033

Hier wetteifern kräuterwürzige Facetten in der Duftspirale. Eine feine Feuerstein-Note reiht sich ein, komplex, ohne wuchtig zu sein. Feiner Schmelz, der Grapefruit und reifen Cox Orange ummantelt, schmiegt sich an den Gaumen, präzise Säureader, packende Balance. Die mineralische Komponente hält bis ins Finale.

Halgans Riesling 2018

18 Punkte | 2020 bis 2030

Den Namen hat er von den Halgänsen, die die Thermik des Halenberg-Hanges nutzen, um sich darüber zu schrauben. Frische, kräuterwürzige Riesling-Nase, am Gaumen viel Zitrusfrucht, am Rand etwas Maracuja. Schmelzige Textur.

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