Winzerlegende aus Nemea in Griechenland

Yiannis Paraskevopoulos ist der autochthone Meister

Text: Miguel Zamorano, Fotos: z.V.g.

  • Yiannis Paraskevopoulos mit seiner Tochter Leto (beide links), Biochemikerin und Nachwuchswinzerin.

Vor über 25 Jahren schuf Yiannis Paraskevopoulos den modernen trockenen Santorini-Weisswein. Der Winzer zählt seitdem zu den Persönlichkeiten, die zur verheissungsvollen Wiedergeburt der Weinnation Griechenland beigetragen haben. Was ihm auf Santorini glückte, möchte er auf dem Festland wiederholen: die Neuerfindung einer griechischen Rebsorte.

Eigentlich ist jetzt für Yiannis Paraskevopoulos Reisezeit angesagt. Der griechische Weinmacher wäre jetzt auf Promotiontour, um die neuen Jahrgänge seines Gaia-Weinguts zu präsentieren. Vielleicht in den USA, in Kanada oder in Japan. Doch im Frühjahr 2021 ist alles anders. Sich dieser gestandenen Winzerpersönlichkeit Griechenlands anzunähern, ist aufgrund der Covid-19-Pandemie nur aus der Ferne über einen Videocall möglich.

Paraskevopoulos sitzt auf seinem Weingut Gaia in Nemea. Wie wohl das Wetter derzeit auf der peloponnesischen Halbinsel ist? Der Winzer Paraskevopoulos steht vom Schreibtisch auf, er läuft ans Fenster und richtet die Laptop-Kamera auf das, was sich ausserhalb des Gebäudes abspielt: sanfte, fast karge Hügel sind zu sehen, überall lose, niedrige Buschvegetation und mittendrin die Weinberge, die zu dieser Jahreszeit kaum Knospen tragen. Es ist eine klassische mediterrane Szenerie, man riecht fast die Wärme der Mittagssonne; den trockenen Staub, der aufwirbelt, wenn ein Wagen an der Seitenstrasse vorbeifährt.

So ruhig sich die Landschaft präsentiert, so ruhig ist es um den Winzer Paraskevopoulos nicht. Einem wie ihm geht wohl nie die Arbeit aus. Neben seinem Job als Weinmacher bei Gaia ist er auch Professor für Önologie an der Universität Athen, er betreibt zudem zwei kleine Brauereien, eine auf Santorini, eine weitere auf der Insel Mykonos.

Laufend läutet das Telefon, er schaut auf den Bildschirm seines Smartphones, stöhnt dabei: «Nicht schon wieder diese Leute, sie gehen mir so auf die Nerven.» Dann grinst er schelmisch. Yiannis Paraskevopoulos, Jahrgang 1959, verheiratet, eine Tochter, sagt dann: «Es ist bitter, dass der Tag nur 24 Stunden hat. Er müsste eigentlich 48 Stunden lang sein.»

Die Intuition von den Besten abgeschaut

Irgendwie muss Paraskevopoulos dem Tag mehr als die offiziellen 24 Stunden abgerungen haben. Als er, 28-jährig und nach seinem erfolgreichen Önologie-Studium in Bordeaux, auf die Mittelmeerinsel Santorini kommt, heuert er beim Weingut Boutari an. Schnell gerät er in den Fokus der Kellereichefs, die ihm einbläuen: «Sei nicht arrogant, lerne, auf deine Intuition zu hören», erzählt Paraskevopoulos. Für die Boutaris war das einfach, sie hatten die Erfahrung mehrerer Generationen im Blut, sie hatten überall in Griechenland das Geschehen in den Weingebieten massgeblich mitgeprägt. «Ich hingegen war ein Kind der Stadt. Dorf- und Inselgemeinschaft haben in mir zunächst immer einen verwöhnten Lümmel gesehen. Ich musste mir jedes Gramm Anerkennung hart erarbeiten».

Wie der Festland-Grieche das macht? Er setzt das moderne Weinmacher-Repertoire ein, das zu jener Zeit in Griechenland nicht überall angewendet wird. «Kaltgärung, ausgewählte Hefen, Batonnage...», erklärt Paraskevopoulos, «das war alles zwar bekannt, wurde aber nicht zwingend praktiziert.» Sein Ziel: «Ich wollte unbedingt die besten Eigenschaften unserer griechischen Rebsorten in den Weinen präsentieren.»

Und davon gibt es im kleinen, knapp 51'000 Hektar grossen Weinland Griechenland eine Menge, um die 300 eigene Sorten wachsen am Meer und in den bergigen Anbaugebieten. «Die Welt benötigt nicht griechischen Chardonnay oder Cabernet Sauvignon», sagt der in Bordeaux ausgebildete Önologe. Paraskevopoulos setzt zu Beginn seiner Karriere seine gesamte Energie auf die lokale Rebsorte Assyrtiko und verpasst ihr ein modernes Antlitz. Trocken ausgebaut ist sein Thalassitis nach wie vor ein Beispiel dieser griechischen Moderne – anders als viele der vorwiegend süssen Santorini-Weine, die seit dem Mittelalter den Ruf der Mittelmeerinsel bestimmt haben.

Damit beschritt Gaia Neuland und ging ein enormes Risiko ein. Landsmann und Master of Wine Konstantinos Lazarakis schreibt in seinem Buch «The Wines of Greece» (2005): «Thalassitis ist nach lokalen Marktstandards so mineralisch und säurehaltig, dass viele Griechen wohl keinen zweiten Schluck davon nehmen würden.» Gaias und damit auch Paraskevopoulos’ Glück liegt darin, dass sein Assyrtiko im Ausland viele Weinfreunde begeistert. Gut 30 internationale Märkte beliefert Gaia mit seinen Weinen.

Mit dieser konsequenten Ausrichtung fällt Gaia allerdings auch nur in den Blickwinkel von Weinfreaks. Ein Schicksal, dass das Weingut mit anderen griechischen Erzeugern teilt, wie Paraskevopoulos glaubt: «Wir werden nie die Marktdurchdringung anderer grosser Weinnationen erreichen. Unsere Grösse zwingt uns, in der Nische exzellent zu sein.» Und mit Assyrtiko ist den Griechen genau das gelungen.

«Assyrtiko hat uns einen Platz auf der globalen Weinkarte gesichert.»

Diesen Platz zu sichern, ist allerdings alles andere als einfach. Um dies zu zeigen, schildert der Winzer folgende Szene: In Norwegen, da wurde einst der staatliche Händler, der das Monopol auf den Alkoholhandel hält, auf den Thalassitis Wild Ferment aufmerksam. Eine kleine Allokation war im Nu ausverkauft, 7000 Flaschen nach nur 90 Minuten, wie Paraskevopoulos erzählt. «Die Norweger wollten dann fast dreimal so viele Flaschen haben, doch als wir 80 Cent pro Flasche mehr verlangten, haben sie uns ausgelacht.»

Ob das französischen Kollegen auch passiert wäre? Paraskevopoulos ringt jetzt um die richtigen Wörter: «Mit uns kann man es ja machen. Wir sind Griechen, am Rande des Balkans, wir sind fast nicht mal mehr Europa. Und wir werden nicht nach dem bemessen, was in unseren Flaschen schlummert. Das ist nicht fair.»

Gelingt der zweite Coup?

Paraskevopoulos lässt sich jedoch nicht unterkriegen. Mit der roten Sorte Agiorgitiko will er den grossen Wurf, der ihm auf Santorini gelungen ist, wiederholen: auf der peloponnesischen Halbinsel, im Weinbaugebiet Nemea, wo er die rote Rebsorte anbaut und damit den reinsortigen Gaia Estate auf die Flasche zieht.

Um sein Vorhaben zu verdeutlichen, holt Paraskevopoulos nochmal aus: «In Bezug auf die Art, wie wir unsere Weinberge pflegen, sind wir noch nicht im 21. Jahrhundert angelangt.» Nach wie vor wüssten die griechischen Weinmacher nicht, mit was für Bedingungen sie es im Terroir zu tun hätten. «In der Toskana haben die Weinmacher diesbezüglich ihre Hausaufgaben schon vor 40 Jahren gemacht.»

Gaia selbst kämpft im eigenen Weinberg mit einem Anteil von virenbefallenen Agiorgitiko-Rebstöcken. «Wir werden diese sukzessive gegen gesunde Pflanzen austauschen». Dann werden die Weine noch mehr Konzentration und Aromendichte präsentieren. Kompromisse bei der Qualität geht der Winzer heute schon nicht mehr ein. Der Erstwein Gaia Estate wurde etwa 2018 nicht erzeugt – das Rebmaterial war dem Winzer nicht gut genug. «Die Trauben haben wir stattdessen für den normalen Agiorgitiko 2018 verwendet», erklärt er nun, «an diesem Wein werden viele ihre Freude haben.»

Seine Winzerkollegen auf der peloponnesischen Halbinsel starren Paraskevopoulos hin und wieder argwöhnisch an. Als er 2007 etwa Agiorgitiko mit Syrah verschnitt und so die Cuvée Gaia S kreierte. Er folgte dabei dem Beispiel der einstigen Weinrebellen aus Italien, die den Supertoskaner erschufen. Paraskevopoulos schämt sich nicht für seinen Super Nemea und paraphrasiert die italienischen Kollegen: «Was kümmern mich die Vorschriften einer DOC? Ich will einfach einen verdammt guten Wein machen.»

Fokus auf autochthone Sorten

Gaia konzentriert sich auf der Mittelmeerinsel Santorini auf die weisse Sorte Assyrtiko, während auf der peloponnesischen Halbinsel der Akzent auf Agiorgitiko liegt.

RangBeschreibung
1
18,5/ 20
Punkte
Santorini, Ägäis-Inseln, Griechenland
Gaia Wines
2
18,0/ 20
Punkte
Santorini, Ägäis-Inseln, Griechenland
Gaia Wines
3
18,0/ 20
Punkte
Nemea, Peloponnes und Ionische Inseln, Griechenland
Gaia Wines
4
17,5/ 20
Punkte
Peloponnes und Ionische Inseln, Griechenland
Gaia Wines
5
17,0/ 20
Punkte
Nemea, Peloponnes und Ionische Inseln, Griechenland
Gaia Wines
6
16,5/ 20
Punkte
Santorini, Ägäis-Inseln, Griechenland
Gaia Wines

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