Weine aus dem Riesling-Canyon

Magie der Mosel

Fotos: Heinz Peierl, z.V.g.

Seit Jahrhunderten lieben Menschen die Weine aus der Moselregion. Was ist so magisch an dieser Gegend?

Um ein Rätsel zu lösen, sollte man sich einfach vor Ort umschauen. Das gilt jedenfalls für die Mosel. Denn der Fluss und die Weine, die an seinen Ufern wachsen, zählen zu den grossen Klassikern der Weinwelt. Und wer die Region zwischen Schengen und Koblenz betrachtet, versteht das sofort. Die Landschaft entlang der Mosel ist atemberaubend – von den steilen Weinbergen und den Wanderwegen auf den Mosel-Höhen eröffnen sich spektakuläre Blicke in diesen Wein-Canyon.

Schliesslich befindet sich hier das grösste Steillagen-Weinbaugebiet der Welt. Insgesamt 243 Kilometer erstreckt sich dieses Spektakel der Rebschluchten vom Dreiländereck bei Perl an der Grenze zu Frankreich und Luxemburg bis zum Deutschen Eck. Viele Weinberge sind auf Terrassen angelegt, da die Hänge so stark abfallen. An manchem Winzer-Arbeitsplatz sollte man unbedingt schwindelfrei sein, zum Beispiel im Calmont, dem steilsten Weinberg der Welt mit fast 70 Grad Hangneigung.

Für die Winzer bedeutet das eine Arbeit unter extremen Bedingungen. Sie haben meist keine andere Wahl, als in Handarbeit und unter Einsatz ihrer Waden die Reben zu pflegen. Doch die Anstrengung zahlt sich aus: Durch die starke Neigung bekommen die Trauben maximale Sonneneinstrahlung.

Die Steillagen sorgen zudem für unzählige Mikroklimata entlang des Flusses. Während in flachen Gegenden alle Pflanzen die gleichen Bedingungen haben, überrascht die Mosel nach jeder Windung mit einer neuen Szenerie. Jede Parzelle hat eine eigene Konstellation aus Sonneneinstrahlung, Boden und Mikroklima – dadurch ist die Mosel ein Füllhorn an Individualität. Profis können sogar einzelne Lagen erschmecken. Es gibt sehr wenige Gebiete auf der Welt, wo Weine derart eigenständig und unverwechselbar sind.

Doch es lohnt sich, auch unter die Reben zu schauen: An vielen Stellen der berühmten Weinlagen glitzert der Boden silbern. Warme Plättchen aus Gestein bedecken die Rebwurzeln. Der von Silbergrau bis Blau und Rotbraun changierende Schiefer ist ein wichtiger Faktor im Mosel-Mosaik. Er wärmt sich tagsüber auf und strahlt nachts die Wärme ab. Das sorgt nicht nur für ein besonderes Mikroklima, das Reben schützt und perfekt ausreifen lässt. Viel wichtiger: Die Weine bekommen durch diesen besonderen Boden eine feine Würzigkeit im Aroma, die weltweit einzigartig ist. Mal erinnert sie an getrocknete Kräuter, mal an feine Gewürze. Dieser unverkennbare Feinschliff steht vor allem jener Rebsorte, die hier Königin ist: Riesling. Über 60 Prozent im Anbaugebiet Mosel sind mit Riesling bestockt. Denn hier in der Moselregion findet die Rebsorte ein Terroir vor, das ihr zu unvergleichlicher Grösse verhilft. Im Dreiklang aus Klima, Steillagen und Schiefer entwickelt diese Sorte einen einmaligen Geschmack. Ein genussvolles Puzzle aus Würze, Frische und intensivem Fruchtbouquet. Die Aromatik reicht häufig bis in den exotischen Bereich hinein: Mango, Pfirsich, Ananas – all das findet sich in vielen Moselrieslingen, stets kombiniert mit feiner Schiefernote.

Gerade im Zusammenspiel mit Restsüsse entsteht dadurch eine Spannung im Mund, die den Weinen enormen Trinkfluss verleiht. Das gilt vor allem für den Mosel-Klassiker Kabinett, aber auch für die weltberühmten Spät- und Auslesen. An der Mosel sind die Bedingungen für edelsüsse Weine so gut wie kaum irgendwo sonst in Deutschland. Denn hier gibt es das notwendige herbstliche Wechselspiel zwischen Morgennebel und intensiver, warmer Sonneneinstrahlung. So entwickeln die Trauben harmonische Zuckerwerte und honigduftende Aromatik. Die Vorteile des Rieslings treten dann besonders hervor. Denn durch die typische Säure behalten selbst solche intensiv-süssen Elixiere eine Lebhaftigkeit und Leichtigkeit. So sind die Mosel-Auslesen trotz opulentem Charakter für ihre Saftigkeit weltberühmt. Diese Jugendlichkeit hält sich häufig über Jahrzehnte, weshalb die Weine auch gerne gelagert und zu hohen Preisen gehandelt werden. Doch es lohnt sich, auch abseits der Raritäten zu schauen. In den vergangenen Jahren sind die trockenen Rieslinge der Mosel aus dem Schatten der Süssweine hervorgetreten. Sie profitieren besonders vom Klimawandel, ohne dabei ihre Typizität abzugeben. Sie kombinieren geschmackliche Fülle und mineralische Tiefgründigkeit mit Feinheit und Eleganz. Moselweine sind die eigenständigsten aus Deutschland: tänzelnd, hocharomatisch, unterstrichen von der feinwürzigen Schiefernote, dazu meist mit einem relativ niedrigen Alkoholgehalt.

Entlang der vielen Moselkilometer gibt es aber immer wieder Neues zu entdecken: Mancherorts stehen die Reben überwiegend in Terrassen, wie zum Beispiel im nördlichen Teil der Mosel. Im Südwesten des Mosellandes setzt man dagegen verstärkt auf Burgundersorten und lokale Spezialitäten. Dort, auf den Muschelkalkböden im Dreiländereck mit Luxemburg und Frankreich, werden aus der alten Rebsorte Elbling frische, spritzige Weissweine und feine Crémants erzeugt. Der grösste Zufluss der Mosel, die Saar, ist etwas kühler als die grosse Schwester und bringt Weine mit besonders lebendiger Säure und Mineralik hervor. Ähnliches gilt für die Ruwer. Die Weine von dort haben ein ebenso animierendes Gerüst und sind gleichzeitig etwas üppiger im Bouquet. 

Doch trotz aller Unterschiede haben die Weine der Mosel eine Gemeinsamkeit: Sie machen Vorfreude auf den nächsten Schluck. Denn alle Moselweine haben diese innere Spannung, die sich aus dem Wechselspiel von Schieferwürze und Fruchtaromatik ergibt. So gleichen die Weine letztlich genau ihrer Landschaft: Sie sind spektakulär und zart zugleich. Sie sind fein und gleichzeitig kraftvoll. Sie sind extrem und angenehm. Doch vor allem sind sie eines: unverwechselbar. 

Weitere Informationen zur geschützten Ursprungsbezeichnung Mosel und den Weinen: www.weinland-mosel.de 

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