Lohnendes Potential

Lagrein: ein einzigartiger Rotwein-Schatz des Südtirols

Text: Harald Scholl, Foto: Südtirol Wein/Tiberio Sorvillo

Die Südtiroler Weinlandschaft hat sich in den letzten 30 Jahren geradezu dramatisch verändert. Noch in den 80er Jahren vornehmlich bekannt für süffig-unkomplizierte Rotweine, wurde man mit viel Einsatz und Können zum Weissweinproduzenten Nummer eins Italiens. Dabei wird gerne übersehen, dass man an Talfer und Etsch nebenbei über einen weltweit einzigartigen Rotwein-Schatz verfügt: den Lagrein, einen engen Verwandten von Teroldego und Vernatsch.

Um das Thema Verwandtschaft gleich mal abzuarbeiten: Laut einer Studie aus dem Jahr 2010 ist Lagrein eine natürliche Kreuzung von (Edel)Vernatsch und Teroldego. Das klingt im ersten Moment durchaus überraschend, ist doch Lagrein als tiefdunkler, tanninreicher und oftmals rustikaler Wein bekannt. Was man zumindest vom Elternteil Vernatsch nur bedingt behaupten kann, dem ja Fröhlichkeit, Unkompliziertheit und ein gewisser Sauffaktor zugeschrieben werden. In Verbindung mit der ätherischen Frische, den Graphit-Noten und der Lorbeerwürze des Teroldego wird aber doch ein Schuh daraus. Denn Lagrein verbindet genau all die Charaktereigenschaften beider Elternrebsorten in sich. Unter den mächtigen Gerbstoffen, die aber weich, kühl und feinkörnig sind, hat er eine immer lebendig und frisch wirkende Säureader, die ihn bei aller Wucht immer angenehm trinkig erscheinen lässt. Best of both worlds, auch wenn man solche Anglizismen bei seiner Entdeckung kaum verwendet haben dürfte. Denn immerhin ist die Rebsorte seit mehreren hundert Jahren in Südtirol beheimatet. Vom «bonum Lagrinum» ist in einer Urkunde in Tramin schon 1379 die Rede, 40 Jahre später taucht der «lägrein wein» urkundlich in Bozen auf. Der Superlativ «Älteste autochthone Rebsorte Südtirols» dürfte dem Lagrein daher sicher sein. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass es sich damals um einen weissen Wein handelte. Bis ins 18. Jahrhundert war mit «Lagrein» meist der weisse Lagrein gemeint; ob er wirklich weiss war oder nur hell gekeltert wurde, ist nicht eindeutig belegt. Wohl aber, dass er seit dem Mittelalter bis in die Neuzeit hinein die wahrscheinlich bedeutendste Südtiroler Rebsorte war. Das änderte sich in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, als Lagrein immer weniger gefragt war und in Vergessenheit zu geraten drohte. Sein Anteil an den in Südtirol kultivierten Sorten war nur noch marginal, Spötter attestierten ihm lediglich Lokalkolorit mit Tradition. Denn auch international war Lagrein gänzlich unbekannt.

Aus der Nische ins Rampenlicht

Aber Zeiten ändern sich. In den 90er Jahren setzte ein Sinneswandel im italienischen Weinbau ein. Begriffe wie Herkunft, Qualität und Originalität gewannen an Bedeutung, daran war sicher auch die von Norditalien ausgehende Slow-Food-Bewegung nicht ganz unschuldig. Davon profitierte der Lagrein und wurde als autochthone und authentische Rebsorte gefeiert, die Rebsorte – bis dahin zumeist als anonymer Verschnittwein im Einsatz – war wieder als Solist gefragt. Dazu kam natürlich auch, dass die Winzer lernten, dem Lagrein neue Facetten zu entlocken. Vor allem der Ausbau im Barrique sorgte für mehr Struktur und Tiefe, die sorgfältige Mengenbegrenzung tat ein Übriges. Heute findet man Lagrein mehr oder weniger überall in Südtirol, die wichtigsten und besten Standorte hat er aber erwiesenermassen in Bozen, international bekannt sind die Lagen im Stadtteil Gries. Das ist allerdings auch das Problem des Lagrein. Denn noch rarer als sandig-schottrige Böden, die der Lagrein besonders liebt, ist Baugrund in der boomenden Metropole Bozen, Stück für Stück verschwinden einstige Rebflächen und werden zu Baugrundstücken umgewidmet. Gerade die letzten 50 Jahre haben– durch die ausufernde Stadterweiterung – dem Lagreinanbau stark zugesetzt. Daran ist er selbst nicht ganz unschuldig – denn er ist eine kleine Diva. So dunkel und kraftvoll er auch im Glas daherkommen mag, ohne passende Böden und aufmerksame Pflege wird er nicht mehr als ein ruppig-rustikaler Geselle. Er braucht leichte, poröse, eher steinige Böden, die ihn durch die weniger verfügbaren Nährstoffe am ungezügelten Wuchs hindern. Die aber andererseits Wärme gut speichern können, denn wärmebedürftig ist Lagrein auch. Eben genau solche Böden, wie sie die Talfer in hunderten von Jahren in Bozen angeschwemmt hat, sind ideal. Seine Eigenarten machen Lagrein in Zeiten des Klimawandels auch für andere Weinregionen attraktiv. So wird in der Pfalz wie an der Mosel ausprobiert, ob der Lagrein auch weiter nördlich seine Trümpfe ausspielen kann. Nicht schlecht für eine (beinahe) totgesagte Rebsorte.

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