Liebstedt in Thüringen: „Teufelsaustreibung“ in Sachen Wein

10.02.2011 - R.KNOLL

DEUTSCHLAND (Liebstadt) - Eine unendliche Wein-Geschichte im neuen Weinland Thüringen? Was sich in den letzten Wochen rund um eine Ordensburg im kleinen, verschlafenen 430-Einwohner-Ort Liebstedt abspielte, könnte ein Dauerbrenner werden. Die Vorgeschichte: Vor einigen Jahren wurde der in Sachsen mit dem Weingut Schloss Proschwitz in Zadel bei Meißen erfolgreiche Georg Prinz zur Lippe aus Weimar mit der Frage konfrontiert, ob er hier nicht ebenfalls mit Weinbau beginnen wolle, zwecks touristischer Belebung.

 

Lippe erkundete die weinbaulichen Möglichkeiten, die Finanzierung und begann schließlich vor gut drei Jahren mit der Bepflanzung, stellte Mitarbeiter ein und konnte im Herbst 2010 die erste Ernte einfahren. Diese reift derzeit im Keller in Zadel heran, was aber keine Dauerlösung sein kann. Denn das Weinrecht spricht eigentlich dagegen, dass Ernten aus Thüringen (zugeordnet dem Anbaugebiet Saale-Unstrut) in Sachsen vinifiziert werden. Ausnahmegenehmigungen sind zwar in solchen Fällen möglich. Aber der in Sachsen heimisch gewordene Prinz, der hier rund 80 Arbeitsplätze geschaffen hat, wollte auch in Thüringen Akzente setzen und nicht einfach nur ein schlichtes Kellereigebäude neben den Rebflächen errichten.

Ergo sah er sich nach passenden Örtlichkeiten um und wurde schließlich im einige Kilometer von seinen Reben entfernten Liebstedt fündig. Die dortige Ordensburg schien zu passen. Als der Schreiber dieser Zeilen im November 2010 mit Lippe die Räumlichkeiten und die Umgebung besichtigte, hatte dieser schon im Kopf, was wo entstehen könnte und ein Glitzern in den Augen, das an die Vorfreude der Kinder an Weihnachten erinnerte. Wesentliche Teile der mittelalterlichen Anlage der Kreuzritter-Ordensburg wären von seinen Plänen nicht betroffen gewesen. Er habe auch die feste Absicht, mit einem Verein, der die Burg betreut und Führungen durchführt, zusammenzuarbeiten, erzählte er. Meinen Hinweis, dass das angesichts des baulichen Zustandes einiger Gebäudeteile, die für das Weingut angedacht waren, verdammt viel kosten würde, konterte er mit einem Lachen: „Wir müssen eben am Anfang etwas improvisieren. Das wird schon klappen.“

Gelassenheit und Nervenstärke hatte er im Raum Meißen gelernt, wo er aus dem Nichts in knapp 20 Jahren ein prächtiges Weingut formte und nebenbei noch das alte Schloss der nach 1945 enteigneten Familie wieder zu einstigem Glanz aufpolierte. 

Eigentümer der Burg war und ist die Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen (LEG), die ihren Besitz europaweit zum Verkauf ausgeschrieben hatte. Lippe war unter den Bewerbern und konnte mit seinem Konzept offenbar überzeugen. Sein Angebot: 150 000 Euro für den Kauf, zugleich die vertragliche Verpflichtung, bis zu drei Millionen Euro zu investieren und damit 25 Arbeitsplätze schaffen. Er bekam den Zuschlag der LEG und unterschrieb den Kaufvertrag.

Eigentlich hätten die Liebstedter sich glücklich schätzen müssen. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Man machte mobil gegen den Prinzen, auf der Internet-Seite der Gemeinde, mit Plakaten und schließlich auf einer Bürgerversammlung, bei der Lippe als neuer Eigentümer sein Konzept vorstellen wollte. Aber er wurde hier ebenso niedergeschrieen wie wenige Befürworter, die aus der Masse der 350 Teilnehmer Schläge angedroht bekamen - Teufelsaustreibung a’ la Liebstedt offenbar. Angebliche Gründe waren die Befürchtung von Anwohnern, dass die Burg nicht mehr öffentlich zugänglich sein würde und es Lärmbelästigung geben könnte. Kenner der Szene vermuten indes, dass die Grundstimmung gegenüber einem „Wessi“ ausschlaggebend war. Sicher scheint, dass sich in Liebstedt niemand vorher die Mühe machte, mal zu erkunden, was Georg Lippe in Zadel für die Allgemeinheit erreicht hat.

Bürgermeister Heinz Sperlich verkündete dafür, dass die Gemeinde ihr in der Kommunalordnung verankertes Vorverkaufsrecht in Anspruch nehmen werde. Örtliche Unternehmer und eine Agrargenossenschaft könnten das Geld für eine Stiftung aufbringen und damit die erforderliche Summe von 150 000 Euro entrichten.

Was das forsche Gemeindeoberhaupt nicht bedacht hatte, war der komplette Vertragsinhalt. Die LEG wird sich wohl nicht lediglich mit der Kaufsumme abspeisen lassen, sondern auch Investment verlangen, wie es Lippe zugesichert hat. Bei dieser Auffassung sei man sich mit der Thüringer Landesregierung einig, hieß es aus der LEG. Die Situation ist damit momentan ziemlich verfahren.

Der in Liebstedt vorläufig ungeliebte Wein-Prinz hofft auf einen Stimmungsumschwung („als ich nach vor 20 Jahren nach Meißen kam, wurde ich auch nicht sofort mit offenen Armen aufgenommen“) und sieht sich ansonsten an den unterschriebenen Vertrag gebunden. Wenn sich die Sache freilich länger hinzieht, ist es durchaus denkbar, dass das ehrgeizige Projekt stirbt oder allenfalls noch auf Sparflamme weiter geführt wird. Die Liebstedter hätten eine Riesenchance verpasst, aus der Steinzeit in die Neuzeit zu springen. Und die Ordensburg wäre für die Öffentlichkeit vermutlich irgendwann ebenfalls nicht mehr zugänglich, weil zu baufällig. 

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