Eiswein: Kontrolle, Schutz oder Kriminalisierung?

04.02.2012 - R.KNOLL

DEUTSCHLAND (Würzburg) - Demnächst beginnt in Südafrika und anderen Ländern der südlichen Hemisphäre die Ernte des Weinjahrgangs 2012. Aber gleichzeitig sind deutsche Winzer noch Anfang Februar damit beschäftigt, die letzten 2011er einzubringen. Wie das geht? Mit spätem Eiswein. So etwas beschäftigt auch das auf diesem Feld offenbar etwas verwirrte oder eingefrorene, aber gleichwohl für Weinbau zuständige Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten in Rheinland-Pfalz.

 

„Ministerin Ulrike Höfken schützt Eisweinerzeuger“ war eine Pressemitteilung überschrieben. Wer dachte, sie würde angesichts der derzeitigen Minus-Temperaturen höchstpersönlich bei der Eisweinlese am frühen Morgen Glühwein ausschenken, sah sich getäuscht. Das Weinbau-Ministerium kündigte vielmehr an, dass man seine Eisweinkontrollen verschärft habe. Eiswein sei ein hochwertiges Naturprodukt aus Rheinland-Pfalz, wurde ausgeführt - und damit eigentlich behauptet, dass man in Sachen Eiswein entweder ein Alleinstellungsrecht beansprucht oder die Badener, Württemberger, Franken und Rheingauer keine hochwertigen Eisweine zustande bringen.

Sortieren wir das mal unter „unbedachte Wortwahl“ ein und verfolgen weiter, warum und wie die Ministerin mit Kontrollen Eisweinproduzenten schützen will. Ein Anlass dafür waren scheinbar die Anmeldungen für Eisweinerzeugung in den letzten Wochen. 150 Winzerbetriebe hätten 408 000 Liter Eiswein angekündigt, 90 Prozent dieser Ernte würden aus Rheinhessen kommen. Sinn der Kontrollen sei es, Konsumenten vor Täuschungen zu schützen. „Zudem liegt es uns daran, dass die Winzerinnen und Winzer, die aufgrund der feuchten Witterung im Dezember auf die Eisweinlese verzichtet haben, keine Nachteile erleiden.“

Oje, Frau Ministerin. Im alten Jahr musste niemand verzichten. Da war es angesichts von Frühlingstemperaturen schlicht unmöglich, auch nur einen Gedanken an die Eisweinerzeugung zu verschwenden, für die bekanntlich mindestens 7 Grad Minus, am besten noch ein paar Frostgrade mehr, notwendig sind. So kalt wurde es Mitte Januar (YOOPRESS berichtete über die damalige Eiswein-Flut) und in den letzten Tagen wieder. Aber für das rheinland-pfälzische Weinbauministerium gilt: „Die wenigen Frostnächte waren für die Eiswein-Lese kaum ausreichend.“

Ergo müssen nach dieser Sprachregelung Winzer (und natürlich, Frau Ministerin, auch Winzerinnen) irgendwie getrickst haben. Deshalb verstärkte Kontrollen. Aber „Schutz der Eiswein-Erzeuger“? Das ist wohl eher eine Art Kriminalisierung, weil unterschwellig behauptet wird, es sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen.

Tatsache wird sein, dass viele Produzenten trotz der feucht-warmen Witterung nach der Normalernte Trauben hängen ließen, in der Hoffnung, dass es im neuen Jahr bitter kalt wird. Es ist nicht ungewöhnlich, dass noch im Januar oder sogar Februar Eiswein geerntet wurde. Den Rekord hält hier das Weingut Bauer in Flein mit der Ernte eines 1982er Gewürztraminers am 19. Februar 1983, gefolgt kurz zuvor von der Heuchelberg-Kellerei Schwaigern (17. Februar) und dem Staatsweingut an der Hessischen Bergstraße (16. Februar). Am Rande bemerkt: alles Betriebe außerhalb von Rheinland-Pfalz (!)

Zu befürchten ist, dass vielfach das Traubenmaterial durch die vorhergegangene Witterung trotz Abdeckung nicht mehr in Ordnung war. Das immerhin ist auch dem Ministerium bekannt. Ausgeführt wird: „Ein guter Eiswein sollte aus möglichst gesunden Trauben hergestellt werden. Die Fäulnis des aktuellen Erntejahrgangs ist weit fortgeschritten. Das führt zwar zu hohen Oechslegraden, aber in vielen Fällen ist der Eisweincharakter nicht mehr erkennbar.“

Bekannt ist in der Szene freilich auch, dass solche von Fäulnisaromen geprägte Eisweine in vielen Jahren von Kontrollinstanzen durchgewunken werden. Hier ist der Hebel anzusetzen. Es darf nicht mehr jeder Wein, der als „Eiswein“ eingereicht wird, aber seine Macken hat, toleriert werden. Das freilich ist leider Praxis bei der Qualitätsweinprüfung, deren meiste Prüfer viel zu viel Ehrfurcht vor diesem Prädikat haben, um den Finger zu senken.

Vor rund zehn Jahren war mal besonders große Toleranz angesagt. Damals wurden gewaltige Mengen vom seinerzeit begehrten, hoch bezahlten Dornfelder eingebracht. Die Erzeuger ließen dafür Weißweinsorten wie Müller-Thurgau hängen, um die gesetzliche Höchstgrenze für den Ertrag nicht zu überschreiten. Als es dann doch noch eisig wurde, kamen die gefrorenen, aber verschimmelten Trauben trotzdem in die Kelter. Denn die geringe Menge, die abfloss, konnte in der Bilanz verkraftet werden. Ein paar Monate später stand Billig-Eiswein im Supermarkt. Und seriöse Winzer taten sich schwer damit, ihrer Kundschaft hohe Eisweinpreise zu erklären… mal sehen, wann der erste 2011er Eiswein aus Rheinland-Pfalz beim Discounter für 5,99 Euro in der 0,5-Liter-Flasche auftaucht.

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