Europa-Premiere für chinesischen Eiswein

13.03.2012 - R.KNOLL

DEUTSCHLAND (Düsseldorf) - Eine Raubkopie europäischer Produkte, wie man sie aus dem Fernen Osten häufig kennt, ist das nicht. Denn die Erzeugung von Eiswein ist in allen Weinländern der Welt zugelassen, auch in China. Und man kann neuerdings fast sagen: Vor allem in China. Denn hier schickt sich Changyu, die größte Kellerei der aufstrebenden Weinnation (bereits 490 000 Hektar Rebfläche) an, die weltweit führende Eisweinnation Kanada zu übertreffen.

 

Während in Deutschland und in Österreich die Produktion von Eiswein sehr von der Natur abhängig ist, waren die Kanadier schon früher mit System am Werk. In ihren Breitengraden (41. bis 45.) stellen sich die frostigen Temperaturen häufiger und fast selbstverständlich ein. Als Erster erkannte das der deutsche Einwanderer Walter Hainle, der 1973 den ersten kanadischen Eiswein machte. Gelegentlich sollen die Kanadier später, wenn es nicht kalt genug wurde, mit der auch in Frankreich für Süßweine praktizierten, aber recht umstrittenen Kryoextraktion (Frostung mittels einer Art Tiefkühltruhe) nachgeholfen haben. Aber das ist seit etlichen Jahren wohl nicht mehr der Fall. Mit Hilfe der Natur wird in Kanada inzwischen durchschnittlich genug Eiswein erzeugt, um jährlich rund 450 000 Flaschen füllen zu können.

Damit kann die chinesische Konkurrenz locker mithalten - Kanada sei Dank. Denn Experten aus diesem Land waren behilflich, als es darum ging, spezielle Flächen in China nur für die Produktion von Eiswein anzulegen. Man fand sie auf dem nördlichen 41. Breitengrad am Huanlong Lake in der Provinz Liaoning. Auf den 340 Hektar (!) wächst eine einzige Sorte, die ihre Bewährungsprobe in Kanada schon lang bestanden hat. Vidal ist eine winterharte Rebe. Die Kreuzung aus Ugni blanc und der Hybridsorte Rayon d’Or (Seibelrebe) liefert fruchtige, säurebetonte Weine, das geschmackliche Idealbild für Eiswein oder Ice wine.

Changyu ist eine Kellerei, die in großen Dimensionen denken kann. Das Unternehmen wurde 1892 von Zhang Bishi, der lang im Ausland gelebt hatte, gemeinsam mit dem österreichischen Freiherren August Wilhelm von Babo (1827-1894), gegründet. Der in Weinheim bei Baden gebürtige Oenologe brachte das fachliche Know how ein. Davon war reichlich vorhanden. Schließlich hatte Babo 1860 die Leitung der Wein- und Obstbauschule in Klosterneuburg bei Wien übernommen und viel Akzente im österreichischen Weinbau gesetzt. Zudem war er der Mann, der das Rezept gegen die Reblausplage des 19. Jahrhunderts fand, nämlich die Aufpropfung europäischer Sorten auf amerikanische Unterlagen. 1893 verabschiedete er sich freiwillig in den Ruhestand, vielleicht, weil er sich mehr um die chinesische Neugründung kümmern wollte. Aber bereits ein Jahr später verstarb er.

Changyu war das erste Weingut in China, das seine Produktion industrialisierte. Heute ist das Haus, das ein Viertel der Weinerzeugung des Landes unter seinen Fittichen hat, in Produktionsmenge und Umsatz führend (2010 wurden 785 Mio. Dollar umgesetzt) und liegt deutlich vor den Verfolgern Great Wall und Dynasty. Sechs Weingüter sind in unterschiedlichsten Regionen aktiv.

Auf der ProWein in Düsseldorf ging man erstmals mit Eiswein in die Offensive. 2009 war der vierte Jahrgang. Die Menge, die dahinter steht, ist beachtlich. Man darf von einigen hunderttausend Liter ausgehen, so dass die durchschnittliche Flaschenzahl der Kanadier wohl deutlich übertroffen wird.

In seinem Charakter entspricht der Wein mit Zitrusaromen, Würze und einer merklichen Säure durchaus einem klassischen Eiswein. Geerntet wurde der 2009er Ende Dezember bei Minus 8 Grad und Schnee in den Reben. Zwei Versionen (Vidal Golden Diamond, Vidal Blue) gibt es für den Exportmarkt. Die Golden-Ausführung liegt im Regalpreis bei knapp 25 Euro (0,375 l), der Blue kostet etwa 20 Euro mehr.

Für den Vertrieb zuständig ist das deutsche Importhaus txb finewine, mit dessen Chef sich gewissermaßen ein Kreis schließt. Laurenz Moser entstammt der österreichischen Weindynastie der Mosers aus Rohrendorf. Lenz Moser (1905 – 1978) besuchte die Weinbauschule in Klosterneuburg, die von Babo, dem chinesischen Weinaufbauhelfer gegründet worden war. Er führte die Hochkultur im Weinbau ein und ermöglichte damit eine Mechanisierung der Arbeit in den Reben.

Enkel Laurenz setzt jetzt gewissermaßen als Importeur die Entwicklungshilfe seines Landsmannes, des Freiherren von Babo, fort. Ob von Dauer, weiß man bei txb noch nicht. „Die Resonanz auf der ProWein war sehr gut, die Leute waren begeistert von dem Eiswein“, ist zu hören. „Aber ob ein Jahrgang nachrücken wird, ist unbekannt.“ Schließlich bedeuten positive Kommentare auf einer Messe nicht unbedingt einen längerfristigen Verkaufserfolg.

Scheint fast so, als ob Laurenz Moser mehr auf die rote Sorte Gernischt setzt, die einst Babo mitbrachte. Die Kreuzung aus Cabernet Sauvignon und Cabernet Franz, die auf 1100 Meter Höhe wächst, ergibt einen charmanten, weichen, geschmeidigen Rotwein, der sich deutlich besser präsentiert als noch vor einigen Jahren. „Ich habe bei meinen Reisen ein paar Tipps gegeben“, klopft sich Moser auf die Schulter. Ein Vorteil dieser Sorte: sie ist deutlich preiswerter als der Eiswein (im Handel um 7,50 Euro).

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