Die besondere Vergleichsprobe: „Es gibt ein Leben nach dem Gault Millau“

04.08.2015 - R.KNOLL

DEUTSCHLAND (Mainz) - Sie haben einiges gemeinsam. Philipp Wittmann aus Westhofen und Hans Oliver Spanier aus Hohen-Sülzen gehören zu den Aushängeschildern des aufstrebenden Weinbaugebietes Rheinhessen. Sie sind leidenschaftliche Winzer mit hohen Ansprüchen an die eigenen Weine. Sie sind Familienväter, die jeweils eine sehr eigenständige Winzerin mit unabhängigem Weingut an der Seite haben. Bei Philipp ist das seine Eva, die das Weingut Ansgar Clüsserath in Trittenheim an der Mosel verantwortet. „HO“ bleibt in der Region mit Carolin Spanier-Gilllot, der Chefin des Weingutes Kühling-Gillot in Bodenheim. Sie sind gut befreundet, aber gelegentlich auch Konkurrenten – was zur vielleicht ungewöhnlichsten Vergleichsprobe des Jahres in Mainz führte.

 

Begonnen hat alles damit, dass der Schreiber dieser Zeilen im Sommer 2003, lang ist’s her, für den Gault Millau Weine aus Hohen-Sülzen verkostete, die er als „etwas gewöhnungsbedürftig“ bezeichnete und ihnen attestierte, „sie brauchen Zeit“. Damals stand Hans-Oliver Spanier noch ganz am Anfang einer sehr guten Entwicklung, experimentierte gern und war schon mit viel Ehrgeiz unterwegs. Einer seiner Weine stand für ihn besonders im Fokus, nämlich der Riesling Flörsheimer Frauenberg „R“. So etwas ist heute ein Großes Gewächs und durchaus ein bemerkenswerter Tropfen, der schon mal die 90-Punkte-Marke und mehr überwinden kann. 

Was indes damals mit diesem Wein passierte, schockierte „HO“. Als er im November 2003 den Weinführer aufschlug, konnte er zwar mit dem errungenen Träubchen in der Betriebsbewertung (stand für „zuverlässig“) gut leben. Aber die lediglich 84 Punkte für seinen nach eigener Einschätzung gelungenen Wein schmerzten. „Es gibt ein Leben nach dem Gault Millau“, sagte er sich – und erlebte den nächsten Schock, als er weiter blätterte, zur Seite des Weingutes Wittmann gelangte und dort einen Riesling-Literwein entdeckte, der mit 85 Punkten bewertet wurde. 

Rund zehn Jahre später öffnete er sein Herz endlich bei einem Weinabend in Mainz und erzählte, was ihn seitdem gewurmt hatte. Bei seiner Erzählung war viel Augenzwinkern dabei, aber auch unterschwellig die Einstellung „Jetzt erst recht“, die sich nach der Niederlage gegen den Liter-Riesling herausgebildet hatte. Philipp Wittmann saß ebenfalls am Tisch und bohrte den Finger noch etwas in die nicht ganz vernarbte Wunde: „Ich verstehe das. War damals auch ein toller Literwein, gegen den konnte ein Lagenwein nicht immer bestehen.“

Wir diskutierten lang, ohne uns gegenseitig die Häupter zu demolieren, lachten zwischendrin herzlich und beschlossen, dass irgendwann eine Vergleichsprobe gemacht werden muss. Kürzlich war es soweit, wieder in Mainz. Beide Winzer hatten zwei Flaschen dabei, was sehr nützlich war. Denn die erste Liter-Buddel hatte einen deutlichen Korkschmecker. Vorher wurde HO darauf angesprochen, dass er ein großes Risiko eingeht. Es könne ja eine nochmalige Niederlage drohen. „Das bin ich gewöhnt, das hat mich abgehärtet“, schmunzelte er mit Dackelblick. 

Ein paar Minuten später wurde sanft Abbitte geleistet für die einstigen 84 Punkte. Der Frauenberg 2002 hatte sich gut entwickelt, die einst störende Kohlensäure abgelegt und ließ jetzt bei viel Stabilität merkliche Feinheiten erkennen. Aber auch der Liter-Riesling zeigte keine Schwächen und machte damit deutlich, dass die damaligen 85 Punkte locker gerechtfertigt waren. Ausgetrunken wurde aber dann doch der ursprünglich sehr reduktive Frauenberg-Riesling, der an das Märchen vom hässlichen Entlein denken ließ, das sich zum stolzen Schwan entwickelte.

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