Zehn erstaunliche Entdeckungen aus einem 200 Jahre alten Weinkeller – Teil-I

13.10.2016 - arthur.wirtzfeld

UK (Bristol) – Weinkenner Charles Foley teilt mit uns eine Auswahl eines unglaublichen Fundes aus dem Keller der Familie Avery. Es ist eine expansive Sammlung erlesener Weine von Generationen von Weinliebhabern. Der erste Besuch in einem beträchtlichen Weinkeller lässt Spannung und Verlockung gleichermaßen aufkommen. Wir sind hier auf dem Landsitz der Familie Avery, gelegen im ländlichen Somerset, ganz in der Nähe von Bristol, der Heimat des Weinhandelshauses Avery, gegründet im Jahr 1793.

 

Die steinernen Stufen hinabsteigend macht sich das volle Ausmaß der Leidenschaft für die dort lagernden Weine und deren außergewöhnliche Bandbreite und Vielfalt mehr und mehr bemerkbar. Der Zugang ist mit Regalen versehen und führt in den Hauptraum – das Allerheiligste. Hier stapeln sich die Regale in Doppelreinen an allen Wänden. In der Mitte des Raums sind Weinkartons gestapelt. Vom Hauptraum führt ein Gang in den "Kerker", ummauert von Ziegelsteinen und weiteren Regalen. Hier lagern bemerkenswerte Tropfen, die entdeckt werden wollen.

1945 Mouton Rotschild – der größte Mouton, den Premier Cru Classé Château jemals produziert hat

Er ist ein legendärer Tropfen, der zum Ende des zweiten Weltkrieges gekeltert wurde und seit der Füllung in die Flasche bisher im kühlen Keller der Familie Avery reifte. Der bekannte Weinkritiker Michael Broadbent konnte zuletzt diesen Jahrgang verkosten und gab diesem Wein sechs Sterne – seine seltenste und damit höchste Auszeichnung. Mit ihm sind viele Weinliebhaber der gleichen Meinung: es ist der größte Wein, den Bordeaux jemals hervorgebracht hat. Die Seltenheit spiegelt auch seinen Wert wieder – 151.744 Flaschen wurden in den endenden Kriegswirren produziert.

Broadbent, der vor 50 Jahren die Weinabteilung bei Christie´s etabliert hat, beschrieb den Wein als "Churchillian" und meinte damit den überlebenslangen Weinstil. Er begeisterte sich für das würzige Bouquet,  begleitet von Noten des Eukalyptus und einer erstaunlichen Anmutung von Mango-Chutney sowie seinem reichhaltigen, vollmundigen Anmutung am Gaumen gepaart mit seidigen Tanninen und großer Länge.

1969 Romanée-Conti, Domain de la Romanée-Conti – Die Perle von Burgund

Der Romanée-Conti ist eine Monopollage, zu einem einzigen Weingut gehörend, zurecht als "Perle von Burgund" bezeichnet. Dieser Wein ist bekannt für seinen intensiven Duft, seine formidable Finesse, seine prächtige seidige Textur und unvergleichlicher Komplexität.

Der Jahrgang 1969 ist einer der seltensten und fabelhaftesten des letzten Jahrhunderts und eine Flasche dieser Einzellage ist eigentlich nicht von dieser Welt, ähnlich einem glänzenden Juwel aus den Minen von König Salomon. Die Lage erwarb die Domain de la Romanée-Conti im Jahr 1760 von Prinz Conti, ein Prinz von Geblüt, also einem Thronanwärter und Cousin von Louis XV. Der tiefe königliche Farbton dieses Weins und seine feine Struktur wie sein eleganter Duft zeugen von der Abstammung des Hochadels der französischen Monarchie.

1970 Cabernet Sauvignon Heitz Cellars, Marthas Vineyard, Napa Valley – Die Benchmark für Kalifornien

Dieser Wein, getarnt von einem schönen gotischen Etikett, wurde berühmt nach einer Blindverkostung durch Weinexperten in Paris im Jahr 1976. Im Wettbewerb konnte er die Koryphäen der alten Weinwelt, einschließlich Château Haut-Brion, Château Mouton-Rothschild und Château Montrose, besiegen.

Es ist nun über 40 Jahre her, dass dieser Wein im Keller der Familie Avery lagert und auf das Entkorken wartet. Die Weine von Heitz Cellars werden als Champions der Einzellagenweine in den Vereinigten Staaten betrachtet. Dort produziert Marthas Vineyard seit 1966 auf 34 Morgen Rebflächen den Cabernet Sauvignon als Flaggschiff. Die Einzellage, die Tom und Martha May gehört, bringt Weine hervor, die der Weinkolumnist der New York Times, Frank J. Prial, als Maßstab für Cabernet Sauvignon aus Kalifornien bezeichnet, an dem sich alle anderen messen lassen müssen.

1931 Vintage Port Quinta do Noval – ein aufregender Tropfen

Der Quinta do Noval Jahrgang 1931 wurde von den Portweinhäusern nicht deklariert, um den Export nach Großbritannien zu steuern, denn die Lagerhäuser waren noch voll vom Jahrgang 1927. Dadurch wusste niemand über Jahre von diesem Jahrgang. Aber es war nicht zuletzt Michael Broadbent, der den Quinta do Noval in den 1960er Jahren entdeckte und verkostete, ihn bestens bewertete und somit zum überragenden Ruhm der Quinta do Noval beitrug.

Der Wein ist mit höchstem Genuss zu verkosten. Empfindliche Nelken- und Zimtaromen kitzeln die Nase. Seine karamellisierten Rosinen taumeln über pfeffrigen Pflaumenkompott. Sein praller, mundfüllender Stil ist mit einem feinen Netz an Säure überzogen.

1961 Pétrus – Schwarz wie eine ägyptische Nacht

Der geschätzte Wall Street Journalist und Kolumnist Jay McInerney vergleicht einen Schluck dieses äußerst seltenen Petrus Jahrgang 1961 mit Catherine Deneuve in "Belle de Jour": Verführerisch, charmant und ein wenig sündig. Und Michael Broadbent entgleitet eine wohl seltene Aussage beim Anblick dieses Weines: "Schwarz wie eine ägyptische Nacht".

Die Ausbeute dieses Jahrgangs war wegen der Dürre im August sehr klein, aber die Qualität der kleinbeerigen, dickschaligen Trauben war atemberaubend. Dieser Claret (Anm. d. Red.: Bezeichnung für einen Roten Bordeaux) war ein großer Favorit für den Sohn von Evelyn Waugh, der notierte, dass der Pétrus den großen Burgundern gleichzusetzen wäre. Dieser sinnliche und elegante Pétrus verfügt über eine filigrane Struktur und Aromen von orientalischen Gewürzen mit einem Hauch von Sumach, Paprika und schwarzem Pfeffer. Für Michael Broadbent ein unschlagbarer Tropfen, für McInerny der beste Rotwein, den er je verkosten durfte.

Roland Avery war der erste Importeur von Pétrus in Großbritannen. Es war in den späten 1940er Jahren, nachdem Avery seine Yacht in Libourne vertäut hatte, bestellte er sich ein Taxi, das ihn zuerst zu den Weinbergen von Antoine Moueix und dann zum Negociant J. P. Mouiex brachte. Hier probierte der die Weine von Pétrus und kaufte sofort Dutzende von Kisten, belud damit seine Yacht und segelte nach England.

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