Vin de Garde

Begehrenswerte Bordeaux

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 24. Juni 2019


FRANKREICH (Bordeaux) – Jeder Weinkenner weiss, dass gerade die Jahrgänge bei den Bordeaux maßgeblich für deren herausragende Qualität, Preis und Wertsteigerung sind. Die Weinregion im Südwesten Frankreichs, auf französisch Bordelais, gehört zu den größten zusammenhängenden Weinzonen der Welt für Qualitätswein. Die Weingüter hier im Departement Gironde nennen sich Châteaux – einige von ihnen sind weltberühmt. Viele von ihnen führen ihre Gründung zurück auf das 19. Jahrhundert – damals die Blütezeit dieser Weinregion, als die klassizistischen und historistischen Schlossbauten entstanden. Im Bordelais herrscht ein gemäßigtes ozeanisches Klima mit kühlenden Westwinden dank der unmittelbaren Nähe zum Atlantik. Ungeachtet dieser relativen Kühle können die Sommer extrem heiß sein, da die Region an die feuchte, subtropische Klimazone grenzt.

Dass die Weine der Châteaux auf der linken Seite von Medoc aus im Nordwesten der Gironde nach Süden entlang der Garonne bis Bordeaux Superieur und auf der gegenüberliegenden rechten Seite von Entre-Deux-Mers im Süden entlang der Flüsse Garonne, Dordogne, Isle und Dronne bis zur Côte de Blaye im Nordosten der Gironde altern können, einige über Jahrzehnte, ist allgemein bekannt. Ein Grund für eine genauere Betrachtung der wirklich herausragenden Jahrgänge.

Trotz Einigkeit der internationalen Weinszene bedingt die Wahl klassischer Jahrgänge der vergangenen 100 Jahre letztlich der eigene Geschmack. Nun sind außergewöhnliche Top-Jahrgänge nicht alltäglich. Wenn man die letzten Jahrzehnte betrachtet, so wird im Bordelais scheinbar alle zehn Jahre ein Jahrhundertjahrgang ausgelobt, jedenfalls ist dies ein Zeichen dafür, dass die großen Jahrgänge selten sind. Gerade in großen Jahrgängen werden Weine produziert, die viele Jahre der Reife benötigen, um ihren Höhepunkt zu erreichen. Außerdem ist deren Alterungspotential beachtlich. In der Betrachtung solcher vinophilen Highlights sind fünf Jahrgänge bzw. Gruppen von Jahrgängen des Bordelais herausragend.

1945 – Der größte Jahrgang des Jahrhunderts?

Wir verzeichnen das Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Alliierten hatten die deutschen Besatzer schon aus weiten Teilen Frankreichs zurückgedrängt. Im Mai herrschten starke Nachtfröste. Es folgte ein Sommer mit übermäßiger Hitze einhergehend mir Dürre. Weinbergsarbeit und Vorbereitung im Keller verliefen normal – es kamen keine neuen Eichenfässer zum Einsatz, alles sehr traditionell. Die Weine des Jahrgangs 1945 zeichnen sich aus durch ihre Konzentration, Reife und Kraft. Die echten Schätze dieses ersten herausragenden Jahrgangs des 20. Jahrhunderts haben so berühmte Châteaux wie Mouton-Rothschild, Petrus, Leoville-Barton oder Gruaud Larose produziert. Wenn überhaupt, so sind einzelne Flaschen nur noch auf Auktionen zu finden, die meisten dürften aber längst verkostet sein oder schlummern in privaten Sammlungen.

1961 – Schon mäßige Weine bieten großartige Geschmackserlebnisse

Auch dieser Jahrgang verzeichnet Frost im Frühling, dazu gesellte sich eine lang anhaltende Regenzeit, die bis in den Juli hinein andauerte. August und September waren heiß und sonnig. Dieser Jahrgang gebar wirklich große Weine, was aber nicht für alle Produzenten galt. Obwohl ein Teil der Standardweine dieses Jahrgangs ihren Höhepunkt heute längst überschritten haben, gehören die Großen unter ihnen heute noch zu begehrten Tropfen für Weinliebhaber und Weinsammler. Für den Fall, dass Sie einen Wein dieses Jahrgangs besitzen oder sich einen wo auch immer ergattern können, sollten Sie ihn bald verkosten, denn deren Zenit ist erreicht. Zu den besten Erzeugern dieses Jahrgangs gehören die Châteaux Latour, Palmer, Petrus, Lafleur und Mouton-Rothschild. Es gibt aber noch weitere, die beachtenswerte Qualitäten dieses Jahrgangs in die Flasche brachten, dazu gehören die Châteaux Figeac, Brane Cantenac und Lynch-Bages.

1982 – Ein Meilenstein des 20. Jahrhunderts

Dieser Jahrgang wurde als bedeutender „Vin de Garde“ ausgerufen. Die klimatischen Bedingungen und Wetterverhältnisse waren ideal. Keine Fröste, keine übermäßigen Regenfälle. Auf eine frühe Blüte folgte ein heißer und trockener Sommer mit besten Bedingungen zur Erntezeit. Der Kommentar von Jean-Bernard Delmas, damals verantwortlich bei Haut-Brion, ging in die Analen ein: „Wir erlebten einen Sessel-Sommer, heiß, trocken, keine Krankheiten waren auszumachen, ebenso kein Insektenbefall, alles verlief bestens, wir hatten keinerlei Sorgen.“ Die Weine dieses Jahrgangs strotzen vor Kraft und Eleganz. Zudem verfügen sie über ein hervorragendes Alterungspotential. Dieser Jahrgang symbolisiert auch den Anfang der Karriere des US-Weinkritikers Robert Parker und einhergehend den ersten großen Hype auf die En-Primeur-Kampagnen in den USA. Sofern noch ein „echter“ 1982er Bordeaux angeboten wird, erzielen diese edlen Tropfen Höchstpreise. Sofern Sie an 1982er Bordeaux interessiert sind, erkundigen Sie sich intensiv. Auch auf internationalen Auktionen, vor allem in den USA und im asiatischen Raum sind Tropfen aus diesem Jahrgang schon mal gefälscht worden. Zu den bemerkenswerten Erzeugern dieses Jahrgangs gehören die Châteaux Lafleur, Latour, Mouton-Rothschild und Gruaud Larose. Aber es gibt eine Fülle von weiteren Größen dieses Jahrgangs. Zu nennen sind hier die Châteaux Grand Puy Lacoste, Pichon-Lalande und La Lagune.

1990 – Der Höhepunkt der Trilogie 1988, 1989, 1990

1990 war das vollkommene Jahr einer Folge von drei sehr guten Jahrgängen direkt hintereinander. Alle Jahre erlebten einen warmen Frühling, einen übermäßig heißen Juli – in 1990 der heißeste seit 1947, trocken und warme Perioden beherrschten den August und ebenfalls leichte Regenfälle im September, die den Reben den letzten Schub gaben und die Trauben bestens ausreifen liessen. Warum der Jahrgang 1990 lange unterbewertet blieb, ist nicht so recht auszumachen. Jedenfalls kam dieser Jahrgang im weltweit wirtschaftlichen Aufschwung auf den Markt – Handel, Weinliebhaber und Sammler akzeptierten die Preise, die damals in unvorstellbare Höhen stiegen. Lange wurde der Jahrgang 1989 dem von 1990 vorgezogen. Doch Weinkenner hatten eine andere Meinung. So bestätigte damals beispielsweise Jancis Robinson, dass „derzeit der 1990er Bordeaux in vielen Fällen noch besser abschneidet als der 1982er.“ Zu den herausragenden Châteaux dieses Jahrgangs zählt man Margaux, Montrose und Petrus sowie Latour, Lynch-Bages und Haut-Brion.

2000 – Der Millenium-Jahrgang

Dieser Jahrgang war eine reine Zitterpartie und es wurde vielerorts im Bordelais gebetet. Die Vegetationsperiode war bis in den Frühling hinein unvorhersehbar. April und Mai waren viel zu feucht. Was dann den Jahrgang rettete – die Gebete wurden offensichtlich erhört – war ein sonniger, trockener Sommer mit anschließender gemäßigter Schönwetterperiode über die Erntezeit hinweg. Gelobt wurde der Jahrgang von der internationalen Weinszene, allen voran Robert Parker, der ihn als „phänomenal“ beschrieb und der zu den „größten Jahrgängen gehöre, die Bordeaux je produziert habe.“ Robert Parkers 100-Punkte-Bewertungen erhielten die Châteaux von La Mission Haut-Brion, Margaux, Pavie, Lafleur und Petrus. Aber auch die Tropfen von Léoville las Cases und Evangile sind hervorragend gelungen. Ein Wermutstropfen hat dieser so gelobte Jahrgang – er nähert sich heute seinem Höhepunkt. Aber wer traut sich schon, so einen Wein zu verkosten …

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