Trollinger

Die Zeit für einen modernen „Trolli“ ist da!

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 25. Januar 2020


DEUTSCHLAND (Heilbronn) – Er ist der Inbegriff des schwäbischen „Viertele“ und gleichzeitig ein Synonym für die bodenständige Weinkultur des „Ländle“. So weit, so gut. Doch ausserhalb der württembergischen Weinzone und überhaupt steht man dem Trollinger eher skeptisch, eher ablehnend gegenüber. Das heutige Württemberg ist seit etwa Mitte des letzten Jahrtausends die deutsche Heimat dieser Rebsorte, die aber erst im Laufe des 18. Jahrhundert die Bezeichnung Trollinger erhielt. Hier im „Ländle“ ist der Trollinger aktuell mit rund 2300 Hektar Rebfläche kultiviert und steht damit noch vor dem Lemberger und Schwarzriesling flächenmässig auf dem ersten Rang. In Württemberg auch als „schwäbisches Nationalgetränk“ betitelt, belegt der Trollinger in anderen deutschen Anbauzonen zusammen gerade mal 30 Hektar.

Erwähnenswert wäre da noch eine spezielle „Ländle-Kombi“, die sogenannte hellrote „TL“ (eine Mischung aus Trollinger und Lemberger), die im Glas gefällig, leicht, eher lieblich daher kommt. Württembergers Erzeuger, die sich von solchem Wein distanzieren wollen, nutzen das Lemberger-Synonym Blaufränkisch, einfach um keine Verbindung aufkommen zu lassen.

Dies macht klar, dass der Trollinger schon mit seinem Ruf zu kämpfen hat. Begründet ist dies auch, weil diese Sorte mit bis zu 100 Hektoliter pro Hektar äusserst ertragreich ist und Winzer oftmals keine Ertragsreduktion fahren. Warum auch – im „Ländle“ erfährt der leichte, hellrote Trollinger durchaus grossen Zuspruch. Eine Abart, und das ist nicht abwertend gemeint, sind aus dem Trollinger gekelterte Blanc de Noir. Aber auch das hilft dem Image nur marginal auf die Sprünge.

Wer jetzt meint, dass die Winzer des „Trollinger-Reichs“ eingeschlafen wären oder ihnen Fantasie fehle, der täuscht sich, denn es rührt sich was im „Ländle“. Was schon in der letzten Dekade begann, wird jetzt zunehmend deutlicher – einige mutige Vorreiter sind auf dem Weg, dem Trollinger ein neues Profil zu geben. Eigentlich hätte dies schon viel früher sein können, hätte man dem Trollinger die gleiche Aufmerksamkeit wie anderen roten Sorten geschenkt, mittels Ausdünnen vor der Ernte und Ertragsbeschränkung, statt Maischeerhitzung gegenüber einer klassischen Vergärung auf der Maische und nicht zuletzt ausreichende Reifezeit im traditionellen Holzfass.

Trollinger Grossmeister

Wie so oft sind es ambitionierte Winzer, die das Ruder herumreissen – beispielsweise der Fellbacher Rainer Schnaitmann. Seine Trollinger geraten zu zarten, nach Mandeln duftenden, gut strukturierten, saftigen Rotweinen mit viel Trinkspass. Klar ist, dass solche Trollinger nicht wie Burgunder, Merlot oder Cabernet daher kommen. Schnaitmanns Trollinger stehen für die Wende, weil er dieser Sorte viel Aufmerksamkeit schenkt und behutsam wie gekonnt daraus ein neues bemerkenswertes und beispielgebendes Profil erarbeitet hat. Erfolge beim Deutschen Rotweinpreis, wo die Szene ihn seither unter vorgehaltener Hand als „Trollinger-Grossmeister“ bezeichnet, belegen dies.

SINE

Andere Winzer tun es ihm nach. So widmen sich die Aldinger-Jungs (Gert, Hansjörg und Matthias), ebenfalls in Fellbach beheimatet, seit Jahren ihrem „Sine“. Die Bezeichnung des Aldinger-Trollingers steht für „ohne“. Ausdrücken will man damit: keine Entrappung, kein Zusatz von Hefen, keine Anreicherung, keine Schwefelung, keine Filtration und keine Farbaufbesserung mit der Zugabe tiefdunkler Sorten, wie beispielsweise dem Dornfelder. Die Trauben des „Sine“ stammen von alten Reben, deren Saft darf sieben Monate in gebrauchten Barriques ruhen. Daraus entsteht ein manchmal nur 10 Volumenprozent enthaltener beeriger, saftiger und charaktervoller Rotwein mit schönen Kirsch- und Mandelaromen – weit entfernt von herkömmlichen Trollingern. Mit seiner geringen „Voltzahl“ liegt der „Sine“ ausserdem im Trend hin zu „leichten“ Weinen.

TNT

Einen ausgesprochen eigenständigen Charakter hat auch der „TNT“, ein nonkonformistischer Trollinger vom Weingut G.A. Heinrich aus Heilbronn. Seine „Macke“ gleicht der des „Sine“. Beide sind nicht trollinger-typisch, womit sie bei der Weinprüfung anecken und dort kritisch beäugt werden. Der „TNT“ steht mit tiefdunkler Farbe im Glas. Am Gaumen tummeln sich Beeren, Kräuter und Hagebutte. Bei dem Namen wundert sich auch keiner, wenn dieser knackige Rote viel Spannung am Gaumen entfaltet. Die Heinrich-Jungs Björn und Tobias konstatieren: „Unser TNT hat 11,5 Volumenprozent, ist spontan vergoren, hat eine Maischestandzeit zwischen acht und zehn Tagen, wird im grossen Holzfass ausgebaut, erhält nur geringen Schwefel bei der Füllung – Punkt.“ Seniorchef Martin Heinrich ist sehr angetan von dem was seine Söhne mit dem „TNT“ in die Flasche bringen und gibt zu, dass er sich nie getraut hätte, so einen Trollinger zu machen.

Der Preis

Reden wir über den Preis. Herkömmliche „Trolli“ sind oftmals für unter vier Euro zu haben – schon irritierend, wenn man weiss, dass die Reben des „Trolli“ vielerorts in steilen Terrassen kultiviert sind. Dem geschuldet ist es weiterhin irritierend, dass es bisher kaum Trollinger mit hoher Qualität gab. Ein „TNT“ von G. A. Heinrich, ein „Sine“ von Aldingner und die „Alten Reben“ von Schnaitmann kosten deutlich mehr als die üblichen Trollinger-Brüder. Aber das ist die neue Interpretation deren „Trollis“ allemal wert.

Ursprung

Mit im Spiel in der Aufwertung des Trollinger ist auch die Heilbronner Genossenschaftskellerei. Mit ihren rund 1400 Hektar, einer der grossen Erzeuger in Deutschland. Auch die „Genossen“ wollen dem „Trolli“ unter die Arme greifen. Einen neuen Typ planten die Heilbronner seit geraumer Zeit, die davon überzeugt sind, dass es gelingen kann. Deren Argument scheint zu überzeugen: „Der neue Typ des Trollinger passt in unsere Zeit mit seinem moderaten Alkohol, seinem zurückhaltenden Tannin, seiner Fruchtigkeit. In Summe ist er unkompliziert und zu vielen Speisen passend ein angenehmer Begleiter mit schönem Trinkfluss", erläutert Justin Kircher, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaftskellerei. Fragt man nach, so hört man, dass von dem 2018er rund 20.000 Flaschen gefüllt wurden. „Bis zu 100.000 Flaschen könnten es einmal werden, wenn es gelingt, unseren modernen Trollinger im Markt zu etablieren“, sagt Kircher. Der auf den Namen „Ursprung“ getaufte Trollinger wurde auf der Maische vergoren und durfte im grossen Holzfass reifen. Allerdings kann auch Kircher ein Manko des „Ursprung“ nicht entkräften – mit 5,95 Euro ist er in Anbetracht seiner Qualität und aufwendigeren Machart gegenüber dem traditionellen Trollinger zu günstig. 

Bonne Chance!

Die Anstrengungen, dem Trollinger ein neues Profil zu geben, sind längst überfällig. Es ist ein vielversprechendes Projekt und es ist zweifellos als eine Bereicherung der Weine aus Württemberg zu werten. Dabei geht es vordergründig nicht um den Preis, sondern um die Qualität, um eine moderne, der Rebe angepasste Stilistik. Werden die Konsumenten den neuen „Trolli“ lieben? Ich bin davon überzeugt. Und ich bin auch davon überzeugt, dass sich das Wagnis der hier beispielhaft vorgestellten „Trollinger Pioniere“ lohnen wird, denn die Zeit für einen modernen Trollinger ist gekommen.

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