Crus Bourgeois starten neu durch

28.02.2015 - R.KNOLL

FRANKREICH (Bordeaux) - Beim Weinstichwort „Bordeaux“ fällt vielen Konsumenten erst mal „teuer“ ein. Aber das bezieht sich allenfalls auf die renommiertesten Gewächse der verschiedenen Regionen wie Médoc, St. Emilion, Graves und Pomerol und nicht auf „bürgerliche Weine“ wie die Crus Bourgeois des Médoc, die jetzt – auch mit einem Deutschen - neu durchstarten, nachdem sich die Vereinigung vor einigen Jahren frisch organisierte.

 

Hamburg, Berlin und München waren die Stationen für einen Auftritt auf dem wichtigen deutschen Markt. Die ProWein in Düsseldorf wird sich demnächst anschließen (Halle 11, Stand C10). Hier werden 135 Weine vorgestellt. Nicht ganz so viele waren es bei der Städte-Tour. Aber es ließ sich doch feststellen, dass eine Reihe von Betrieben mit einem sehr guten Preis-Wert-Verhältnis aufwarten, ebenso jedoch, dass die Zahl von heute 267 Châteaux aus sieben Appellationen mit dem Prädikat Cru Bourgeois etwas zu hoch ist, weil einige eher fragwürdige Weine aus den Jahrgängen 2010 bis 2012 entkorkt wurden.

Doch bleiben wir bei den positiven Beispielen. Zu nennen ist hier beispielsweise Château Ladignac, Bestandteil der Les Vignerons d’Uni Médoc (Preise ab Hof um 8 Euro), Ricaudet (um 10 Euro), du Breuil (12,50 Euro), Fontesteau (in Deutschland bei Bernard-Massard zwischen 18 und 20 Euro), Larose Trintaudon, Cissac (beide nicht ganz unbekannt, deshalb um 20 Euro), Capdet (etwa 7 Euro ab Hof), Saransot-Dupré (15 Euro), Le Crock (etwa 16 Euro) und Tour de Pez (um 17 Euro).

Ein gutes, unbekanntes Haus hatte eine nette Geschichte über die Namensgebung parat. Château Caroline (Appellation Moulis) gibt es erst seit 1966. Der Senior der Besitzerfamilie Chanfreau hatte damals einige Hektar von seinem Gut Lestage abgespalten und für seine 1964 geborene Enkelin Caroline reserviert, die heute feinmaschige, elegante Weine vorweisen kann.

Die schönste Story war allerdings die von dem Rheinländer und studierten Agrarwissenschaftler Stefan Paeffgen, der mit seiner Gattin Heike nach dem Ausstieg aus der internationalen Düngemittelindustrie als Unternehmer 2010 gleich drei Châteaux erwarb, Le Reysse, Lassus und Clos du Moulin (beides Crus Bourgeois). Insgesamt waren das 39 Hektar. Die Sprache war kein Problem, Paeffgen hatte länger in Belgien gelebt und sich hier Französisch angeeignet. Das weinfachliche Wissen vermittelte ihm der Vorbesitzer, der den „Jungwinzer“ zwei Jahre in die Lehre nahm. „Er zeigte mir alle Kniffe“, dankt der heute 51-Jährige. Nach vier Jahrgängen seit 2011 fragt er noch gelegentlich bei Oenologen um Rat, hat aber ansonsten alles im Griff. Lassus wird vor Ort an den Handel verkauft, für Le Reysse und Clos du Moulin hat er bereits einige deutsche Weinhändler gefunden, die über einen Paletten-Einkaufspreis von 6 Euro ab Hof glücklich sind (Endverbraucher um 10 Euro). Schützenhilfe gaben ihm einige Presseberichte und – jeweils für Le Reysse - ein Auftritt bei Master-Sommelier Hendrik Thoma im „Wein am Limit“ sowie eine Vorstellung bei stern-Blogger Dirk Würtz.

Der deutsche Neuzugang ist sicherlich eine Bereicherung für die Vereinigung der Crus Bourgeois; vielleicht wird Le Reysse auch noch den notwendigen Segen bekommen. Die Wurzeln des bürgerlichen Begriffes reichen zurück bis ins 15. Jahrhundert, als bestimmte Lagen rund um die Stadt Bordeaux so bezeichnet wurden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es im Médoc rund 300 Crus Bourgeois, deren Weinpreise über denen der einfachen Gewächse (Crus Artisans, Paysans) lagen. Einige waren sicherlich Kandidaten für eine Aufnahme in die berühmte 1855er Klassifikation des Gebietes gewesen. Aber am Ende wurden nur 61 Châteaux für die fünfteilige Rangordnung bestimmt, die bis heute mit einer Ausnahme (Mouton-Rothschild stieg 1973 zu den Premier Crus auf) festgefügt ist. 

So mussten sich die nicht berücksichtigten, aber ambitionierten Häuser selbst sortieren. So kam es 1858 zu einer Aufstellung mit 248 Crus Bourgeois, verteilt auf 34 Supérieurs, 64 Bons und 150 Ordinaires. 1932 stellten Weinmakler in Bordeaux unter der Ägide der Industrie- und Handelskammer Bordeaux und der Landwirtschaftskammer der Gironde eine Liste mit 444 Crus Bourgeois auf. 99 wurde der Status Supérieurs zuerkannt, sechs Châteaux bekamen sogar die hohe Weihe Supérieurs Exceptionnels. 

1962 wurde ein Winzerverband gegründet, der zweimal eine interne Klassifizierung organisierte, um den Wettbewerb anzufachen. Mit der Zeit wurden die Regeln undurchschaubar. Mal gab es nur mehr 92 Châteaux unter dem Dach der Crus Bourgeois, dann wieder 101 bis hin zu einer Inflation. Im Jahr 2002 nahmen über 600 Erzeuger diesen Status für sich in Anspruch. Eine neue Klassifikation musste her. Eine Experten-Kommission überprüfte 490 Kandidaten und anerkannte 247 als Crus Bourgeois. Einige wurden als Exceptionells vorangestellt, nämlich Chasse-Spleen, Haut-Marbuzet, de Pez, Phélan-Segur, Potensac, Siran, Lez Ormes de Pez, Labégorce-Zédé und Poujeaux. Aber nachdem zahlreiche zurückgewiesene Betriebe Widerspruch einlegten, weil einige der Besitzer von Crus Bourgeois Mitglied der Experten-Kommission, wurde die Klassifikation von 2003 vier Jahre später von einem Verwaltungsgericht einkassiert.

Es kam zu einer Neuordnung, die von mehreren Instanzen schließlich 2009 abgesegnet wurde. So hat die Alliance des Crus Bourgeois heute 267 Mitglieder, auf die etwa 30 Prozent der gesamten Produktion des Médoc entfallen. Beim Jahrgang 2012, der jetzt aktuell ist, waren das 29 Millionen Flaschen. 

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