Weinernte in Deutschland: Wenig, aber überraschend gut - Positive Stimmen aus dem VDP

01.11.2010 - R.KNOLL

DEUTSCHLAND - Norbert Weber, der Präsident des Deutschen Weinbauverbandes, wirkt etwas gereizt, wenn er auf die Qualität des Weinjahrgangs 2010 angesprochen wird und schimpft zunächst einmal über die „Besserwisser, die jetzt eines Besseren belehrt sein sollten.“ Man habe den Jahrgang schon vor der Ernte schlecht geredet und schlecht geschrieben. Die Jahrgänge 2000 und 2006 seien laut Weber viel problematischer gewesen. Diesmal sei die Qualität am Ende gut bis sehr gut. Nur die Menge ist gering.

 

Weniger als die zuletzt geschätzten rund sieben Millionen Hektoliter gab es zuletzt 1985 (damals nur 5,4 Mio. Hektoliter bei einigen tausend Hektar weniger Rebfläche). Damit werden es unter dem Strich 2010 etwa 30 Prozent oder 300 Millionen Liter Wein weniger sein als in einem Normaljahr. Preissteigerungen können nicht ausbleiben. Allerdings kann sich kein Erzeuger als Ausgleich eine Erhöhung in der Dimension des Ernteminus erlauben. Denn vor allem der LEH und die Discounter, über die mehr als die Hälfte des Weines in Deutschland vermarktet werden, reagieren beim Preis sehr sensibel.

Auch von den Nachbarn ist kein großer Konkurrenzdruck zu erwarten. Die Österreicher haben ein ähnliches Minus wie die Deutschen (rund 1,8 Mio. hl gegenüber dem Schnitt von 2,5 Mio. hl). In Italien wurden gut 10 Prozent weniger als normal geerntet. Frankreich und Spanien sind im Vergleich zum Vorjahr zwar knapp im Plus, aber doch leicht im Minus, wenn man das langjährige Mittel als Vergleich heran zieht.

Verantwortlich für die geringe Ernte in deutschen Landen sind Verrieselungsschäden und Hagel (die Pfalz war allein auf 6000 Hektar betroffen) sowie der extrem nasse August, der eine radikale Selektion am Stock notwendig machte, damit gesundes Traubenmaterial eingebracht werden konnte.

Ein Kennzeichen des Jahrgangs werden merklich höhere Säurewerte sein, oft ist von 10 und mehr Promille auch bei normalem Most die Rede; in der Flasche werden die Weine dann durch Behandlung im Keller oder die Lagerung schon etwas weniger grimmige Werte haben.

Die Befürchtung, dass es kaum sehr gute oder bedeutende Weine geben wird, zerstreuen Mitglieder des Verbandes der Prädikatsweingüter mit ihren Aussagen. Engpässe erwarten sie allenfalls bei den Brot-und-Butter-Weinen, mit denen Geld verdient wird, während die Edelsüßen und die Großen Gewächse, die es nur in kleineren Auflagen gibt, vor allem für die Reputation gut sind.

RHEINGAU: Darüber freute sich zum Beispiel Wilhelm Weil im Rheingau: „Das grandiose Oktoberwetter bescherte uns eine sensationelle Reifeentwicklung mit absoluter Vollausreifung, guten Mostgewichten bei gesundem Lesegut und herzhaften Säuren, die sich durch den Weinsteinausfall selbst einstellen werden.“

Auch Schloss Schönborn meldet im Rheingau „viele Spitzenweine und Trockenbeerenauslesen aus den Toplagen“. Rowald Hepp von Schloss Vollrads erwartet „einen einzigartigen Jahrgangscharakter in positiver Hinsicht“ und hofft, dass im Endspurt noch Eiswein möglich ist.

RHEINHESSEN: Für Klaus-Peter Keller aus Rheinhessen begann der Jahrgang gut. Am ersten Lesetag, dem 23. September, erntete er schon eine Trockenbeerenauslese mit 200 Öchsle und 18 g/l Säure. In der Pfalz herrscht Freude über „etwas leichtere Weine, die dem Zeitgeist entsprechen, nicht erschlagen, sondern anregen und durch ihre Eleganz und Aromatik bestechen.“

MOSEL: An der Mosel erzählt Reinhard Löwenstein vom Weingut Heymann-Löwenstein in Winningen von einer sehr hochwertigen Qualität, obwohl der Jahrgang in Bezug auf Lese und Verarbeitung sehr anspruchsvoll ist. Die hohen Mostgewichte seien nur bedingt der Botrytis zu verdanken. Er habe gesunde Trauben mit 110 Grad Öchsle geerntet. Das habe er bislang nicht für möglich gehalten.

Vom anderen Ende der Mosel aus dem Trierer Raum vermeldet Annegret Reh-Gartner vom Weingut Reichsgraf von Kesselstatt: „Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen. Wir haben fruchtige, konzentrierte Weine mit lebendiger Weinsäure.“

FRANKEN: In Franken berichtet das Haus Castell von einer „eleganten, frischen Kabinett-Charakteristik.“ Bei den trockenen Spitzenweinen gebe es nur kleine Mengen. Horst Kolesch vom Juliusspital sieht den Silvaner als Gewinner, „sowohl im Gesundheitszustand als auch im Mostgewicht.“ Im Keller mache der Jahrgang viel Arbeit, aber jetzt schon viel Spaß.

WÜRTTEMBERG: In Württemberg freut sich Michael Graf Adelmann über „kernige Weißweine mit gut abgepufferter Säure“. Beim Spätburgunder habe er jahrgangsbedingt „runter geschaltet auf Rosé“. Beim Lemberger reichte es für das Große Gewächs. Der Regionalvorsitzende des VDP, Gert Aldinger, vermisst zwar in der Basis „Rahm in der Butter“, freut sich aber zumindest in der Spitze über „tolle Qualitäten.“

BADEN: In Baden jubelt Andreas Stigler (Kaiserstuhl) über hohe Öchslegehalte und eine gute Säurestruktur sowie Jungweine mit feiner Frucht. Großes Gewächs-Potenzial sei vorhanden. Konrad Schlör aus dem badischen Norden im Taubertal hat erstmals zwei Weine im Keller, die Grundvoraussetzung für das Große Gewächs haben. „Jetzt hoffe ich, dass es bei der Prüfung klappt und vorher im Keller alles optimal läuft.“

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