Piemont: Timorasso und Arneis
Die neue weisse Hoffnung
Text: Christian Eder, Fotos: Fotostudio Flash 2000, JEFF BRAMWELL, z.V.g.

Das Piemont gilt als Land grosser Rotweine. So dominieren dunkle Rebsorten wie Nebbiolo, Barbera und Dolcetto oder Freisa und Grignolino die piemontesischen Tische. Weissweine spielten lange nur eine Nebenrolle – mit wenigen Ausnahmen wie Moscato d’Asti oder Gavi DOCG. Dank den tief in der Region verwurzelten weissen Hoffnungsträgern Timorasso und Arneis ändert sich dies nun schlagartig.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten vollzog sich im Schatten der grossen piemontesischen Roten eine stille Revolution. Zwei autochthone Rebsorten stehen dabei im Zentrum: Timorasso und Arneis. Sie verkörpern eine neue weisse Identität des Piemont – selbstbewusst und terroirgeprägt. Ihre jeweilige Heimat ist ein ursprünglicher Teil des Piemont: Timorasso stammt aus den Colli Tortonesi im südöstlichen Teil der Region, nahe der Grenze zur Lombardei und zur Emilia-Romagna. Arneis kommt fast ausschliesslich im Roero südlich von Turin vor.
Timorasso war im 15. Jahrhundert bereits rund um Tortona bekannt. Die spätreifende Sorte ist schwierig zu handhaben: Sie ist anfällig für Botrytis, und die Weine daraus weisen kräftige Säure und Alkohol auf. Das führte dazu, dass viele Winzer auf ertragreichere und einfacher zu bewirtschaftende Sorten umgestiegen. So eroberte die Barbera nach dem Zweiten Weltkrieg die Rebberge der grünen Hügel um die Stadt Tortona. Timorasso war in den 1970er Jahren praktisch ausgestorben.

Die Wiedergeburt des Timorasso
Als Retter der Rebsorte und Prophet eines neuen Timorasso gilt Walter Massa. Seit fast 40 Jahren hat sich Massa in seinem Weingut im Dörfchen Monleale in den Colli Tortonesi darauf konzentriert, die Rebsorte aus alten Klonen wiederzubeleben. Timorasso sei einzigartig, meint Walter, während er mit Blick auf das Reb-Amphitheater von Monleale ein Glas des gerade zu Ende vergorenen neuen Weinjahrgangs schwenkt. Das habe er schon bemerkt, als er in den 1980er Jahren einen ersten Weisswein aus seinen 400 Timorasso-Reben produzierte. Gesunde Pflanzen und Trauben seien noch heute die Basis: «Vigna sana, uva sana, vino buono», resümiert er.
«Gesunde Rebe, gesunde Traube, guter Wein.»
Walter Massa, Winzer, Monleale
Vini buoni – gute Weine – aus Timorasso hat er eine Handvoll im Portfolio: Neben einem Piccolo Derthona (der regionalen Interpretation eines Petit Chablis von jungen Timorasso-Reben) und dem Derthona DOC (einer Selektion älterer Reben verschiedener Lagen) sind das die drei Einzellagenweine Costa del Vento, Montecitorio und Sterpi. Kreiert werden alle vier nach demselben Rezept: «Die Trauben mazerieren zwei Tage lang auf den Schalen, und nach der spontanen Vergärung folgt ein Jahr Reife auf den Feinhefen mit regelmässiger Batonnage», erzählt Walter, «für die Unterschiede der einzelnen Weine ist daher nur das Terroir verantwortlich.» Kalk ist dabei ein wichtiger Bestandteil der Böden, die besten Parzellen enthalten aber in 300 Meter hoch gelegenen Rebbergen rund um Monleale auch Mergel und tonhaltige Schichten. Im Jahrgang 2022, den wir dann aus der jeweiligen Flasche in seinem kleinen Verkostungsraum- Wohnzimmer über der Kellerei probieren durften, verblüfft der Montecitorio durch seine betörende Frucht und die Noten von heissem Stein. Er ist komplex im Mund und mineralisch. Kaum steht ihm der Sterpi nach, dichter und reichhaltiger, ausbalanciert durch eine knackige Säure und Länge. Der Costa del Vento ist zuletzt, trotz aller Opulenz in der Nase, am Gaumen linear und präzise und besitzt wie seine Brüder enormes Reifepotenzial. Obwohl die Verwandtschaft zu einem Riesling bei gereiften Weissweinen oft etwas inflationär betont wird, trifft sie bei Walter Massas Weinen zu – das beweist ein 2017er Montecitorio.

Aber längst ist Walter Massa nicht mehr der einzige Tifoso des Timorasso. 2005 wurde das DOC Colli Tortonesi geschaffen, seit 2022 existiert die inoffizielle Unterzone Derthona für Weine aus Timorasso. «Der Name Derthona ist heute ein Synonym für unser Gebiet», sagt Paolo Repetto. Paolo – Besitzer des 26 Hektar grossen Weingutes Vigneti Repetto in Sarezzano – ist Präsident des kleinen, aber umtriebigen Weinbauernkonsortiums. Dass die Weine aus Timorasso heute zu den strukturiertesten und langlebigsten Weissweinen Italiens zählen, darauf ist Paolo Repetto stolz: «Statt vordergründiger Frucht bietet der Derthona Tiefe, Spannung und elegante Textur.» In Paolos Rebbergen, die in einer Meereshöhe zwischen 240 und 360 Metern liegen, sorgen die kalkhaltigen, lehmigen Böden mit ihrem Anteil an Sant’Agata-Mergel für Struktur und Eleganz der Weine. Aber neben alteingesessenen heimischen Gütern haben auch renommierte Weinproduzenten aus den Langhe längst den Timorasso als ihre weisse Alternative entdeckt: Vietti, Borgogno oder Giorgio Rivetti sind nur einige der bekanntesten.

Roero in Weiss
Während Timorasso nicht zuletzt als intellektuelle Entdeckung gilt, ist Arneis die charmantere, zugänglichere Seite der piemontesischen Weissweinrenaissance. Die Rebsorte ist vor allem im Roero beheimatet, dem historischen Anbaugebiet südlich von Turin. Erstmals erwähnt wurde die Rebsorte 1478 in den Rebbergen des Roero unter dem Namen Renesio. Traditionell war die Rebsorte in den Hügeln des Roero ein Nebendarsteller auf der Bühne von Nebbiolo und Barbera.
Seit 2007 ist er als Roero Arneis DOCG aber ebenso ein Aushängeschild des Roero wie der rote Nebbiolo (die reinsortige Basis des Roero DOCG).
Zu den Pionieren des Arneis zählen Bruno Giacosa, Angelo Negro und Vietti. Roberto Damonte, mit seiner Familie Besitzer des Weingutes Malvirà nahe Canale, kreierte seinen ersten trockenen Arneis bereits 1972. Heute bewirtschaftet die Familie Damonte mehr als 40 Hektar eigene Rebfläche. Sand prägt die Böden der Arneis-Spitzenlagen wie dem fünf Hektar grossen Weinberg Saglietto in 200 bis 240 Metern Meereshöhe. Sand sei nämlich fundamental für einen guten Arneis, ist Roberto Damonte überzeugt: «In der Vigna Saglietto ist der Boden fein wie Meeressand», sagt er, «und das metertief.»

Die gleichnamige Roero Arneis DOCG Riserva wird in grossem Holz gereift. Der klassische Arneis – ein Blend aus sechs verschiedenen Rebbergen – wird hingegen ebenso in Stahl ausgebaut wie der Einzellagenwein Renesio. Beim SS Trinità von der gleichnamigen Lage schliesslich durchläuft ein kleiner Teil eine Passage in Barriques: «Fundamental für die Qualität des Weines ist jedoch die Zeit auf den Feinhefen », meint Roberto Damonte. «Diese verleiht dem Arneis Alterungspotenzial.»

Im Verkostungsraum des Gutes Malvirá mit Blick auf die Rebberge und das Tal können wir das mit einigen gereiften Jahrgängen ausloten: Ein 13-jähriger SS Trinità zeigt sich elegant-würzig, mit fruchtiger Nase und Schliff, die Säure ist perfekt eingewoben. Eine Riserva Saglietto aus dem Jahr 2014 überzeugt mit croccantezza und Eleganz. Die Weine der aktuellen Jahrgänge 2023 und 2024 wirken hingegen noch jung und zurückhaltend. Hier sei ein Paradigmenwechsel im Gange, meint Roberto: «Kenner gereifter Weine schätzen immer mehr diese weisse Interpretation des Roero und verstehen, dass die Reife eines Arneis erst nach vier, fünf Jahren beginnt.»
Finesse und Langlebigkeit

Davon ist sein Winzerkollege Angelo Negro auf dem gleichnamigen Familienweingut in Monteu Roero ebenfalls überzeugt: «Eine Arneis Riserva hat in jungen Jahren wenig Ausdruck, ist zum Teil reduktiv. Ab dem vierten, fünften Jahr entwickeln sich Petrolnoten, und dann beginnt die Geschichte.» Als er 2000 als Önologe in den elterlichen Betrieb eintrat, begann er daher auch, jeden Weinberg separat zu vinifizieren, und den Ausbau auf den Hefen zu verlängern.
Das Gut produziert fünf Arneis: von einem Pas-Dosé-Schaumwein über drei trockene Arneis bis zu einem Passito. Die Trauben des Vigna Perdaudin und des 7 Anni (der erst sieben Jahre nach der Lese auf den Markt kommt) stammen aus der fossilreichen MGA Prachiosso in rund 300 Metern Meereshöhe. Vinifiziert werden beide gleich, sieben Monate bleiben die Weine dann sur lie in Stahl: Die Unterschiede im Glas stammen also vom Terroir. So entdecken wir in einer Vergleichsverkostung des Perdaudin und des 7 Anni, die bis ins Jahr 2010 zurückreicht, dass der 7 Anni nach mehr als einem Jahrzehnt an einen gereiften Riesling erinnert. Beim knackigeren Perdaudin sind die Jahrgänge 2014 und 2016 momentan hervorragend. Bei beiden versprechen der 2021er und der sehr junge 2024er eine grosse Zukunft.

Um diesen Aspekt der Langlebigkeit noch mehr herauszuarbeiten, arbeiten die Winzer des Roero eng zusammen: Bald sollen zwei neue Arneis-Klone das Angebot der Rebschulen ergänzen. «Wir müssen damit auf neue Herausforderungen reagieren», sagt Angelo Negro, «wie den Klimwandel mit seinen Folgen.»
Der Erfolg von Arneis und Timorasso ist aber ebenso das Ergebnis einer Rückbesinnung auf regionale Identität und die Expertise von Winzergenerationen. Wie sagte schon Walter Massa: «Um guten Wein zu machen, braucht es drei Dinge: Uva matura, il buon senso e il tempo. Reife Trauben, Fingerspitzengefühl und Zeit.»

Piemont in Weiss
Roero Arneis DOCG
Angelo Negro
Riserva 7 Anni 2019
95 Punkte | 2028 bis 2036
Von einem Rebberg in 320 Metern Meereshöhe, reich an Sand und Fossilien: In Stahl ausgebaut und sieben Monate auf den Feinhefen belassen, erfreut er die Nase mit Noten von Zitrusfrüchten, Anis und Mandelaromen. Komplexer Auftakt mit rassiger Säure, salzig-mineralisch der ellenlange Abgang.
45,90 Euro (2017) | greatestwines.com
Malvirà
Riserva Vigna Saglietto 2022
93 Punkte | 2027 bis 2035
Stammt von der gleichnamigen Lage, einer der bekanntesten MGA des Roero. Er wird zehn Monate auf den Feinhefen belassen. Pfiffiges Bouquet nach Steinobst und Safran. Die Säure ist akzentuiert, der Verlauf geschliffen, im komplexen Finale wieder viel Frucht und Noten von heissem Stein.
Ca. 20 Euro | malvira.com
Giovanni Almondo
Bricco delle Ciliegie 2023
92 Punkte | 2027 bis 2032
Einst standen hier Kirschbäume. Heute liest Domenico Almondo Arneis-Trauben, und der Wein wird zum Teil in Barriques ausgebaut. Verführerische Nase nach Kernobst, Aprikosen und Holunderblüten; mineralischsalzig im Mund, anhaltend.
16,50 Euro (2024) | lieblings-weine.de
Matteo Correggia
2024
91 Punkte | 2026 bis 2030
Stahlgereifter Klassiker aus den Rebbergen nahe Canale. Er vereint ein animierendes, floral-fruchtiges Bouquet mit viel Finesse, einer vifen Säure und einem Abgang mit Noten von Melonen und Steinobst. Passt zu einem Trüffelrisotto.
16,80 Euro | lenau-wein.de
Colli Tortonesi DOC Timorasso
Vigneti Walter Massa
Derthona 2023
94 Punkte | 2027 bis 2034
Ein Monolith des Timorasso ist der Jahrgang 2023. Er duftet nach Orangenkonfitüre, Minze, Honig und heissem Stein. Im Mund ist er linear, gefällt mit seiner salzigen Mineralität und seiner frischen Säure. Ein Wein mit Schultern, der noch seinen Weg machen muss.
26,90 Euro | hawesko.de
Luigi Boveri
Filari di Timorasso 2023
93 Punkte | 2026 bis 2032
Luigi Boveri blickt auf mehr als 30 Jahre Geschichte im Ringen mit der Timorasso-Traube zurück. Der Wein startet mit viel Esprit: Noten von Zitrusfrüchten, reifen Pfirsichen und Weissdorn. Geschliffen, belebend, mit einem fruchtig-feinherben Abgang.
29 Euro | boveriluigi.com
Vigneti Repetto
Derthona Origo 2021
93 Punkte | 2027 bis 2031
Paolo Repetto kultiviert bei Sarezzano rund 18 Hektar Rebfläche. Betörende Nase nach Limonen und Kernobst, mit dezenten Kräuternoten. Am Gaumen geschmeidig, viel Schliff und belebende Säure, der Abgang zeigt Noten von Birnen und Honig und ist anhaltend.
42,50 Euro | vignetirepetto.it
La Colombera
Derthona Timorasso 2023
92 Punkte | 2026 bis 2033
Von einem der historischen Güter des Anbaugebietes. Er tönt nach frischen Früchten und floral, dazu feine, balsamische Kräuternoten sowie Akazienhonig. Im Mund saftig, die Säure gut eingebunden, viel Schliff bis ins lange, reife Fruchtfinale.
18,90 Euro | vino-piemont.de
Versteckte Juwelen
Zwei Teile des Piemont, die es zu erforschen lohnt: Die Colli Tortonesi im Osten der Region und das Roero im Süden der alten Residenzstadt Turin vereinen Landschaft, Kultur und Genuss zu einem sinnlichen Erlebnis – jedes Gebiet einzeln oder, noch besser, in einer genussvollen Kombi aus zwei bislang kaum entdeckten Teilen dieser einzigartigen Region.
Colli Tortonesi

Südöstlich von Tortona erstreckt sich dieses kaum bekannte Gebiet zwischen Piemont, Lombardei, Ligurien und der Emilia-Romagna. Kleine Dörfer wie Volpedo oder Monleale kleben an den Hügeln, ihre Backsteinfassaden leuchten im Abendlicht. Die Colli Tortonesi sind kein Sehnsuchtsort für Eilige, sondern für Entdecker: Wanderwege führen durch Weinberge und Kastanienwälder, kleine Agriturismi bieten Zimmer mit Blick auf Nebelschwaden, die morgens wie Watte in den Tälern liegen. Kulinarisch erzählen die Colli Tortonesi von ihrer Lage zwischen den Regionen: Aus dem Piemont stammt die Liebe zu gefüllter Pasta wie Agnolotti, aus Ligurien weht ein Hauch von Olivenöl und Kräutern herüber.
Essen

Anna Ghisolfi, Tortona
Anna Ghisolfi verbindet in ihrem Restaurant im historischen Zentrum von Tortona kreative, mediterran inspirierte und doch piemontesische Küche mit gemütlichem Ambiente. Saisonale Produkte, sorgfältig zubereitete Klassiker und eine handverlesene Weinkarte sorgen für eine perfekte Kombination.
annaghisolfi.it
Übernachten

Vigneti Repetto, Sarezzano
Das familiengeführte Agriturismo liegt inmitten der eigenen Rebberge im Grünen. Die Zimmer bieten Aussicht und sind ein idealer Ausgangspunkt für Touren nach Tortona oder in die Täler, wo Barbera- und Timorasso-Trauben gedeihen.
vignetirepetto.it
Roero
Zwischen den sanft gewellten Hügeln des Roero im Süden von Turin entfaltet sich eine Landschaft, in der Weinberge, Kirschbäume, Wälder und Getreidefelder eine Einheit eingehen. Hier pflegt man eine bodenständige, fast intime Tradition des Weinbaus und der Küche. Doch auch jenseits des Tellers erzählt das Roero Geschichten. Die Rocche sind bizarre Erosionsschluchten, sie durchziehen die Landschaft wie Canyons und bieten Wanderern spektakuläre Ausblicke. Auf schmalen Pfaden geht es durch Kastanienhaine und vorbei an Kapellen, aber immer wieder öffnet sich der Blick bis zu den Alpen am Horizont.
Essen

Il Centro, Priocca
Das «Il Centro» in Priocca wird seit Jahrzehnten von der Familie Cordero mit Leidenschaft geleitet und verbindet traditionelle Rezepte mit einer kreativen, eleganten Handschrift. Hausgemachte Agnolotti del Plin und saisonale Highlights wie das berühmte Fritto Misto alla Piemontese werden mit Weinen aus dem gut bestückten Keller untermalt.
ristoranteilcentro.com
Übernachten

Villa Tipoldi, Canale
Hier residiert man in einer eleganten Landvilla aus dem 18. Jahrhundert, die hoch über den Weinbergen von Canale im Roero thront und von der Familie Damonte (den Besitzern des Gutes Malvirà) als Wine Resort mit Restaurant geführt wird: Klassische piemontesische Küche trifft auf historische Architektur und zeitgenössischen Komfort.
villatiboldi.com