I tre tenori

Legenden der Toskana

Text: Christian Eder, Fotos: gettyimages.ch / RichVintage, z.V.g., Kevin Cruff

Drei Familien haben die Geschichte des Weinbaus in der Toskana geprägt – und prägen sie noch heute: Die Marchesi Antinori, de’ Frescobaldi und Incisa della Rocchetta haben einige der Mythen der Toskana kreiert: Sassicaia, Ornellaia, Tignanello, Luce, um nur einige zu nennen.

Der Monolith

Incisa della Rocchetta

Dass selbst im fernen Kalifornien ein Sassicaia geschätzt wird, bewies 2004 der Film «Sideways»: Als der weinbegeisterte Hauptdarsteller Miles seine Angebetete, eine Sommelière, fragt, was sie dem Wein nähergebracht hat, antwortet sie: «Ein 88er Sassicaia.»

Kein Petrus und Lafite, auch kein Brunello oder Barolo, sondern ein Wein von der toskanischen Küste, der bis 1993 nur als Tafelwein abgefüllt wurde! Dem Wein aus Bolgheri folgt seit seinem Erscheinen 1968 ein legendärer Ruf: Schliesslich war er einer der ersten Supertoskaner, jener italienischen Weine aus internationalen Rebsorten, im kleinen Holz gereift, die viele Bordelaiser alt aussehen liessen. Und mit dem Sassicaia begann der Boom der wuchtig-warmen Weine von der toskanischen Küste.

Die Familie Incisa stammt ursprünglich aus dem Piemont, wo sie noch immer ein Weingut besitzt. Einer ihrer Nachfahren, Mario Incisa della Rocchetta, studierte Landwirtschaft und begann bereits 1942 auf den Besitzungen seiner Frau Clarice della Gherardesca in Bolgheri Cabernet anzupflanzen. Auf einem Rebberg der Tenuta San Guido, direkt unter der Festung Castiglioncello, fand er den perfekten Platz dafür. 1968 kam der erste Sassicaia auf den Markt und läutete die Geburt der Supertuscans und später der Maremma-Weine ein. Heute wird das Gut von Marios Sohn, Nicolò Incisa della Rocchetta, und dessen Tochter Priscilla geleitet.

Sie führen im Prinzip das Vermächtnis ihres Vaters Mario fort: Dieser wollte mit dem Sassicaia einen «noblen» Wein kreieren, einen Monolithen im Stile der grossen Weine des Bordelais. Schon 1942 pflanzte er deshalb Cabernet Sauvignon auf seiner Tenuta San Guido bei Bolgheri an. Zuerst für den eigenen Gebrauch, ab 1968 dann auch in Flaschen gefüllt für den Verkauf. Baron Philippe de Mouton-Rothschild befand den Sassicaia schon in den Siebziger Jahren für «gut», aber etwas «farouche» – wild. Diese Wildheit ist dem Wein bis heute geblieben.

Marchese Nicolò Incisa della Rocchetta sieht den Sassicaia als zeitlosen, aber keinesfalls als «mumifizierten» Wein: «Auch der Stil des Sassicaia ändert sich mit der Zeit, aber wir haben die Trauben immer aus den gleichen drei, vier Rebbergen bezogen, nie einen neuen hinzugefügt, sondern nur die bestehenden erweitert.» Dadurch ist die Grundzusammensetzung des Weines dieselbe geblieben – viel Cabernet Sauvignon und wenig Cabernet Franc.

Marchese Incisa und sein verstorbener Önologe Giacomo Tachis waren sich einig, dass der Sassicaia niemals ein hoch gezüchteter Kunstwein werden soll, der durch Extrakt und Dichte blendet: «Unser Keller ist sehr einfach eingerichtet. Wir verarbeiten dort nur die Qualität, die aus dem Weinberg kommt, und verändern sie nicht. Sassicaia ist ein reines Produkt des Terroirs: ein eleganter Wein, der reifen muss.»

Denn ein Sassicaia braucht Zeit. Zeit, im Keller seine Balance zu finden, und Zeit, sich im Glas zu entwickeln. Seine «Farouchesse», die ihn in jungen Jahren umgibt, wird dann geglättet, seine kantigen Tannine abgeschliffen. Ein Sassicaia aus grossen Jahren erreicht oft erst nach 10, 15, auch 20 Jahren sein Maximum: Dann betört er mit seinen Noten von Cassis, Eukalyptus und Schwarztee – und zählt mit seiner noblen Eleganz zum Besten, was Italien zu bieten hat.

Bei so viel Qualität in einem Wein muss man – auch wenn das manchmal kritisiert wird – nicht unbedingt einen Zweit- oder Drittwein erschaffen wie andere Güter. Mit dem Guidalberto wird ein solider Bolgheri Rosso gekeltert, aber das genügt. Ein Sassicaia ist sich selbst genug.

Tignanello und mehr

Antinori

Marchese Piero Antinori hat das 600 Jahre alte Familienimperium erfolgreich in die neuen Zeiten geführt. Nicht nur das: Seine Töchter haben inzwischen das Ruder übernommen und keltern grosse Weine auch in Teilen der Toskana, wo man es nicht erwarten würde.

Die Familie Antinori widmet sich seit über 600 Jahren dem Wein: seit dem Jahre 1385, um genau zu sein, als Giovanni di Piero Antinori in die Florentiner Zunft der Winzer und Weinhändler eintrat. Über 26 Generationen hat die Familie das Geschäft stets direkt geleitet und oft mutige Entscheidungen getroffen, ohne jemals die Traditionen und die Region aus dem Blick zu verlieren. Heute wird das Unternehmen von Pieros Töchtern Albiera, Allegra und Alessia geleitet, die aber nach wie vor von ihrem 82-jährigen Vater unterstützt werden. Der Besitz umfasst heute zahlreiche Weingüter und Kellereien mit einer Gesamt-Rebfläche von rund 1200 Hektar.

Piero Antinori war stets ein Pionier: Schon Anfang der 1970er Jahre begann er auf selektionierten Lagen der Tenuta Tignanello im Val di Pesa seine eigene Interpretation eines grossen Toskaners zu verwirklichen. In einer Zeit, in der noch weisse Trauben beim Chianti eingesetzt wurden, wollte er einen Wein kreieren, der mit den Besten der Welt mithalten konnte. Die urtoskanische Rebsorte Sangiovese wurde dazu mit 20 Prozent Cabernet Sauvignon aufgemotzt, das Ganze in Barriques ausgebaut. Später nannte man das «Supertoskaner». Bis heute wird der Tignanello nach demselben Rezept produziert und ist ein Aushängeschild dieser Spezies.

Dass Tignanello, Solaia oder Guado al Tasso jahrein, jahraus zu den besten Weinen Italiens gehören, bezweifelt niemand. Aber gerade die Investitionen Pieros in unbekannteren Teilen der Toskana tragen längst Früchte. «Bei Qualität gibt es keine Kompromisse», sagt Piero Antinori einmal in einem Interview. So kommen inzwischen – um nur einige zu nennen – aus den Gütern Pian delle Vigne bei Montalcino, La Braccesca bei Montepulciano und Le Mortelle in der Maremma Kreszenzen, die dort jeweils zum Besten gehören, was in den jeweiligen Zonen produziert wird.

Mehr als 50 Jahre stand Marchese Piero Antinori an der Spitze des Familienimperiums: Zum 50-jährigen Jubiläum hat er sich 2016 den Ruhestand gegönnt und seiner ältesten Tochter Albiera die Leitung übertragen. Piero Antinori sagte damals: «Mein Vater war 68, als er mir die operative Leitung 1966 überlassen hat, und sagte: ‹Mach du, was du willst, ich bin da, wenn du mich brauchst.› Das habe ich auch meinen Töchtern gesagt.»

Der Tignanello ist aber nach wie vor der Lieblingswein von Marchese Piero: «Er war ein Symbol für Antinori und wurde es auch für die Toskana: Tradition und Innovation in einem.»

Dabei wird manchmal vergessen, dass auch zwei andere grosse Weine der Toskana der Familie Antinori entstammen: Ornellaia und Masseto. Lodovico Antinori war im Gegensatz zu seinem älteren Bruder, dem Geschäftsmann und Rationalisten Piero, der Revoluzzer und Träumer in der Familie, der nach Kalifornien ging und mit einem Projekt zurückkam: An der toskanischen Küste, nahe dem Gut seines Vetters Nicolò Incisa della Rocchetta, fand er den Boden, um sein eigenes Weingut zu gründen: Ornellaia, «ein besseres Kalifornien», meinte er.

Lodovico begann 1985, Weine aus Cabernet und Merlot zu produzieren, und wurde Teil des Doppelgestirns Sassicaia/Ornellaia. Bis nach 20 Jahren das Gut an Frescobaldi/Mondavi (inzwischen nur mehr Frescobaldi) verkauft wurde und Lodovico in den Schoss der Familie zurückkehrte. Der Rest ist Geschichte.

Family-Business

Marchesi de’ Frescobaldi

In 50 Jahren haben es die Marchesi de’ Frescobaldi geschafft, einige der besten Weingüter der Toskana unter ihrem Dach zu versammeln: von Castello di Nipozzano, Tenuta di Castiglioni oder CastelGiocondo über Luce della Vite, Ornellaia und Masseto bis zur Neuerwerbung Tenuta Perano im Chianti Classico.

Es bestand stets eine eigene Chemie zwischen den Brüdern Vittorio, Ferdinando und Leonardo de’ Frescobaldi, die jahrzehntelang das Familienweingut gemeinsam geleitet haben. Noch heute sind die Mitglieder der Familie eng verbunden, teilen sich auch den Palazzo der Familie im Herzen von Florenz. Aber längst ist die nächste Generation am Ruder: Lamberto Frescobaldi, der Sohn von Vittorio, leitet die Unternehmungen in der Toskana und darüber hinaus.

Jahrzehntelang haben sein Vater und seine Onkel das Unternehmen aber alleine geführt und auch die Anteile der anderen Familienmitglieder verwaltet. Marchese Vittorio war Präsident, Ferdinando für den italienischen Markt verantwortlich, Leonardo für den Rest der Welt. Unter der Ägide des weitblickenden Vittorio ist es ihnen gelungen, den traditionellen Landwirtschaftsbetrieb der 50er Jahre, in dem noch die Regeln der Mezzadria, der Halbpacht, herrschten, in einen modernen Weinbaubetrieb zu verwandeln.

Dokumente belegen, dass die Frescobaldi rund um das Jahr 1000 vom Val di Pesa nach Florenz übersiedelten und sich am linken Arno-Ufer niederliessen. Auf der Piazza de’ Frescobaldi wurden ein Palazzo, die Loggia und der Turm errichtet, damals der höchste der Stadt. 1252 liess ein Urahn namens Lamberto Frescobaldi die erste Holzbrücke über den Arno errichten, um die Besitzungen des Adelsgeschlechtes mit dem historischen Zentrum zu verbinden.

Fast 5000 Hektar Grundbesitz mit rund 1300 Hektar Rebfläche besitzt die Familie heute. Von den hohen Lagen bei Pomino bis zu Rebbergen an der südlichen toskanischen Küste nahe dem Monte Argentario, vom Chianti Rufina über das Chianti Classico bis Montalcino. Und dazu kommen noch die toskanischen Spitzenweingüter, in denen die Marchesi zwar die Mehrheit halten, die aber nicht unter dem Namen Frescobaldi, sondern als eigenständige Marken firmieren: Ornellaia und Masseto bei Bolgheri und Luce della Vite bei Montalcino.

Die Familie Frescobaldi hat vor wenigen Jahren zu ihrer Kollektion toskanischer Weingüter das erste Juwel im Gebiet des Chianti Classico hinzugefügt: Die Tenuta Perano bei Gaiole im Chianti-Gebiet, an der Grenze zu Radda. Das Weingut ist 250 Hektar gross und verfügt über mehr als 50 Hektar Weinberge für Chianti Classico. Die Tenuta Perano schliesst sich den fünf anderen Betrieben in Familienbesitz an: Castello di Nipozzano (Pelago), Castello di Pomino (Rufina), Tenuta di Castiglioni (Montespertoli), Tenuta di Castelgiocondo (Montalcino) und Tenuta dell’Ammiraglia (Magliano in der Toskana). Nicht nur die Gran Selezione der Tenuta Perano, auch die anderen Sangiovese zeugen von der Fähigkeit Frescobaldis, in den Weinen aller Güter den Goût de Terroir zu finden. Der Brunello di Montalcino von Castelgiocondo des Jahrgangs 2015 überzeugt mit seiner Komplexität, die Chianti Rufina Riserva Nipozzano Vecchie Viti 2016 überzeugen mit ihrem traditionellen fruchtig-würzigen Charakter.

Dass Innovation für die Familie ebenso wichtig ist wie Tradition, zeigt auch Gorgona. Der gleichnamige Weisswein aus Vermentino und Ansonica wird auf der letzten verbliebenen Gefängnisinsel Italiens, Gorgona, gemeinsam mit den Insassen produziert. Lamberto Frescobaldi: «Auch, um den Gefangenen eine Möglichkeit zu geben, einen Beruf zu lernen, den sie später ausüben können. » Das erwirtschaftete Geld wird auf der Insel reinvestiert und neue Reben werden gepflanzt. Gorgona fügt sich damit in einen wichtigen Teil der Philosophie der Marchesi de’ Frescobaldi ein, nämlich Weinbau mit Verantwortung zu betreiben.

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