In der Provence geht die Sonne zweimal auf
Mein Weinweekend in Avignon
Text: Birte Jantzen, Fotos: Cyril Hiely/Hipics, Alain Hocquel, Christophe Bielsa, GettyImages /DaLiu, z.V.g.
Mitten im südlichen Rhône-Tal gelegen, ist Avignon ein kulturelles Herzstück Südfrankreichs. Hier treffen Wein, Kultur, Gastronomie, lokale Spezialitäten und Handwerk aufeinander. Der mittelalterliche Papstpalast, malerische Gassen und charmante kleine Läden im Herzen der Altstadt, das spannendste Theaterfestival Frankreichs und die weitläufigen Weinberge rund um die Stadt verleihen Avignon ein äusserst abwechslungsreiches Flair.
«Sur le Pont d’Avignon, l’on y danse, l’on y danse…» Fast jeder kennt das französische Kinderlied aus dem 19. Jahrhundert. Amüsant ist: Tanzen konnte man auf der 1185 fertiggestellten Bogenbrücke noch nie, schon gar nicht, nachdem sie 1669 durch Hochwasser teilzerstört wurde und ihr heutiges Erscheinungsbild bekam. Sie wurde von Anbeginn recht schmal gebaut, gerade mal vier Meter breit, und diente ganz unromantisch der Kontrolle des Verkehrs und der Erhebung von Mautgebühren. Man tanzte vielmehr an den Ufern der Rhône. Schade, denn der Blick auf Stadtmauern und Papstpalast ist fantastisch!
«In der Provence geht die Sonne zweimal auf: morgens und nach der Siesta.»
Provenzalisches Sprichwort
Ohnehin ist Avignon ein erstaunliches Städtchen, nicht umsonst sind die sehr gut erhaltene Altstadt und der Papstpalast seit 1995 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Etwa 80 Kilometer vom Mittelmeer entfernt, umgeben von einer meist sanften Hügellandschaft, gesegnet mit fruchtbaren Böden und einem mediterranen Klima, beeinflussen sich hier Spiritualität, Handel und Landwirtschaft bis heute gegenseitig.

Im sechsten Jahrhundert vor Christus als griechisches Emporio gegründet, blickt Avignon auf eine lange und bewegte Geschichte zurück. Das Ereignis, das Avignon sicherlich am stärksten prägte, war, dass die Stadt 1309 unter Papst Clemens V. zur päpstlichen Residenz wurde. Sein Nachfolger, Johannes XXII., machte Avignon zur Hauptstadt der Christenheit und baute den ehemaligen Bischofspalast zum Papstpalast um. Von da an ging es steil aufwärts, und Avignon wurde zum Magneten für zahlreiche Händler und Künstler. Zudem galt die päpstliche Bibliothek im 14. Jahrhundert als grösste Europas und zog eine Gruppe von Geistlichen an, die sich für schöne Künste begeisterten und aus deren Reihen später Petrarca, Mitbegründer des Humanismus, hervorgehen sollte.
Der Papstpalast und die damit verbundene Versorgung des leiblichen und geistlichen Wohls – nicht nur des päpstlichen Hofes, sondern auch seiner illustren Besucher und Pilger – förderten im Umland den Weinbau und die Landwirtschaft. Das südliche Rhône-Tal mit seinem mediterranen Klima war perfekt für Obst- und Gemüseanbau, Getreide, Olivenöl und Weintrauben.
Und zweifelsohne liebten die Päpste von Avignon die Weine der Region. Ein Blick in die Rechnungsbücher des päpstlichen Finanzministeriums genügt, um zu belegen, dass der Weinkonsum am päpstlichen Hof beträchtlich war, etwa zweieinhalb Liter pro Tag und Person (zur gleichen Zeit lag der Konsum bei den Mönchsorden bei etwa einem Liter). Papst Innozenz VI. schätzte offenbar vor allem die Rot- und Weissweine aus Châteauneuf, wo man sich eine päpstliche Sommerresidenz hatte errichten lassen.

Bühne, Wein und Lebensart
Und heute? Die Stadt Avignon gilt als Hauptstadt der Weine des Rhône-Tals und ist ihrer Liebe zu Gastronomie und Kunst treu geblieben. Von Frühling bis Herbst gibt es regelmässig Ausstellungen, Märkte, Festivals und kulturelle Veranstaltungen. Ganz vorne mit dabei ist das berühmte Theaterfestival von Avignon in der Version «In» und «Off» (im Juli), und das vom lokalen Verein Les Compagnons des Côtes du Rhône seit 1995 organisierte Weinerntefest in Avignon, das jeweils Ende August stattfindet. Durch die Altstadt zu flanieren gehört zum Standardprogramm, inklusive Erholungspausen auf einer der Terrassen der vielen, meist kleineren Cafés.
Auch das Umland hat sehr viel zu bieten. Die Landschaft ist wunderschön und abwechslungsreich und bietet viele Möglichkeiten zum Wandern und Radfahren, zum Beispiel rund um den Mont Ventoux und in den Dentelles de Montmirail, sowie für Besuche auf dem Weingut. Châteauneuf-du-Pape sollte bei jedem Weinliebhaber auf dem Programm stehen sowie das heimelige Gigondas und seine fantastische, vom lokalen Winzerverband betriebene Vinothek. Allerdings haben auch die weniger bekannten Appellationen unendlich viel zu bieten, wie zum Beispiel der Ventoux, Rasteau, Vacqueyras oder die auf der westlichen RhôneSeite liegenden Tavel und Lirac. Die meisten Weingüter öffnen Besuchern Tür und Tor, besser ist es jedoch, sich anzumelden, vor allem am Wochenende. Auch kulturelle Highlights gibt es hier, zum Beispiel das Schloss von Grignan, Geburtsort von Madame de Sévigné, wo jeden Sommer ein Festival rund um die Kunst der schriftlichen Korrespondenz stattfindet.
Fazit: Ein Wochenende ist eigentlich viel zu kurz für eine Stadt und eine Region, die einem leicht das Herz stehlen können.

Wandern mit Weitblick: Mont Ventoux
Mit seinen 1909 Metern ist er der höchste Berg der Region und wirkt dank seiner konischen Form von weitem wie ein kleiner Bruder des Fuji. An seinen Hängen bieten kurvige Strassen ein Mekka für trainierte Radfahrer, es gibt etliche Wanderwege, und sein Gipfel bietet spektakuläre Sonnenauf- und -untergänge. Zu seinen Füssen liegen Weinberge, Lavendelfelder und Olivenhaine, es gibt alte Dörfer mit Cafés und Weingüter mit offenen Türen. Nicht umsonst ist er das Wahrzeichen der Region.
ventouxprovence.fr

Päpstliches Verkosten: Châteauneuf-du-Pape
Unweit von Avignon gelegen, ist das Dorf auf jeden Fall einen Besuch wert. Im 14. Jahrhundert wurde es unter der Herrschaft von Papst Johannes XXII. zur Sommerresidenz des Pontifex. Der hier gekelterte Wein erlangte den Rang des «Papst-weins», wurde europaweit berühmt und zählt auch heute noch zu den erlesensten des südlichen Rhône-Tals. Die sehenswerte Vinothek bietet Verkostungen, Veranstaltungen und Ausstellungen. Auch in Sachen Kulinarik gibt es im Dorf manch Highlight, etwa im ambitionierten «La Mère Germaine» oder im «Bistrot Le Verger des Papes», das mit fantastischem Ausblick lockt. Im Dorf öffnen viele Weingüter Besuchern die Türen, wobei es ratsam ist, sich anzumelden.
Essen & Trinken
Als Wein- und Theaterhauptstadt gibt es in Avignon stets einen guten Anlass, das Leben zu feiern. Das Angebot an Weinbars, Bistros und Sterneküche ist beeindruckend.
Restaurant & Weinbar: Le 46 Avignon
Das Ambiente ist französisch unkom-pliziert und gemütlich, das Essen schmackhaft und die Weinkarte beeindruckend. Über 500 Weine aus aller Welt gibt es hier, 50 davon sind offen, und viele stammen aus der Region rund um Avignon. le46avignon.com
Französische Brasserie: Le Carré du Palais
Direkt am Platz vor dem Papstpalast gelegen, ist die Brasserie ein beliebter Anlaufpunkt für ein bunt gemischtes Publikum. Das Essen ist sowohl lecker als auch erschwinglich. Man kann vor Ort Wein erstehen, und wer gerne dazulernen möchte, kann sich hier nach Weinkursen zum Thema Rhône-Tal erkundigen. carredupalais.fr
Gemütlich Kaffee trinken: Maison Bronzini
Im historischen Zentrum von Villeneuve-lès-Avignon, unweit des Herzens von Avignon, bekommt man Olivenöl und hausgemachte Patisserie und kann im gemütlich eingerichteten Bistro entspannt Kaffee, Tee und Kuchen geniessen. facebook.com/MaisonBronzini
Schwimmende Weinbar: Vinotage – Péniche à Vins
Einmalig in Avignon: eine Weinbar in einem alten Lastkahn auf dem Wasser. Hier gibt es nicht nur eine beeindruckende Auswahl an Weinen, viele davon bio, sondern auch feine französische Spezialitäten, Käse und Charcuterie. Mittwochs gibt es Happy Hour und Gesellschaftsspiele, perfekt, um die Franzosen beim Kartenspielen zu schlagen. vinotage-avignon.fr

Gourmet-Tempel im Herzen der Altstadt: La Mirande
«La Mirande» ist nicht nur ein lebendiges Stück Kulturerbe, sondern auch ein kleines Paradies. Hier kann man zu jeder Tageszeit schlemmen – zum Frühstück, am Mittag, zum Teetrinken oder abends –, sei es im Bistro, im Teesalon oder im Sterne-Restaurant. Zudem ist es ein wunderschönes Fünf-Sterne-Hotel: Es gibt Kochkurse, kleine Konzerte, Theater und Ausstellungen. «La Mirande» verkörpert in Miniaturform die schönsten Seiten der Stadt. Ein absolutes Muss! la-mirande.fr

Sterneküche im Dorf: L’Oustalet
Auf dem Land gelegen, im malerischen Dörfchen Gigondas und gleich neben der fantastischen Vinothek der Appellation, gehört dieses kleine, aber feine Restaurant der Familie Perrin, den Besitzern des legendären Weingutes Beaucastel. Frisch mit einem Stern ausgezeichnet, kocht Chefkoch Thomas Boirel saisonal und mit lokalen Zutaten. Hier kann man ent-spannt unter alten Pappeln tafeln, die Weinkarte überzeugt. Bistro, Weinbar und Gästezimmer gehören ebenfalls dazu.

Hausgemacht – deliziös: Cuisine Centr’Halles
Inmitten der überdachten Markthalle Les Halles, zwischen Obst-, Käse- und Fischständen, zaubert der aus Kalifornien stammende Chef Jonathan Chiri hausgemachte Gerichte frisch auf den Teller. Die Küche ist nur mittags offen dann herrscht hier eine fröhlich-chaotische Atmosphäre. Alles ist schmack-haft, die Preise sind erschwinglich und die Weine stimmig. Zudem organisiert er Kochkurse mit marktfrischen Zutaten. What else?
Übernachten
Von Camping bis hin zum Luxustempel gibt es in und rund um Avignon Unterkünfte für jedes Budget. Viele Hotels akzeptieren Haustiere, am besten vorher anfragen.
Coole Ferienwohnungen: Cowool Avignon
Jung, frech und familienfreundlich, ist das «Cowool Avignon» eine ungewöhnliche Unterkunft: Es wurde für Coworking und Coliving geschaffen. WLAN funktioniert hier also immer bestens. Sie bietet modern sowie praktisch eingerichtete Ferienwohnungen für eine bis fünf Personen. In die Altstadt gelangt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad. cowool.co
Mitten in der Altstadt: Hôtel de Cambis
Zentraler geht’s nicht. Mitten im Stadtzentrum gelegen, kann man von hier aus die Altstadt zu Fuss erobern, shoppen gehen, Kaffee trinken und Wein geniessen. Der Papstpalast liegt gerade mal zehn Minuten zu Fuss entfernt. Das Hotel punktet mit in warmen Farben eingerichteten Zimmern und Suiten, einer Weinbar und entspannter Atmosphäre. Pluspunkt: Einige Zimmer sind auch für Menschen mit eingeschränkter Mobilität zugänglich. hoteldecambis.com
Ruhiger Luxus: Le Prieuré-Baumanière
Dieser Luxustempel liegt auf der an-deren Flussseite in Villeneuve-lès-Avignon – eine Oase der Ruhe und des Schmausens. Als Relais & Châteaux ist er in einem 1332 erbauten Palast untergebracht, der später zur Abtei wurde. Hier übernachtet man in einem ebenso romantischen wie geschichtsträchtigen Ambiente. Das Hotel ist wundervoll eingerichtet im provenzalischen Stil und verfügt über Pool und Sterne-Küche. Die Altstadt von Avignon ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln in gut 20 Minuten erreichbar. leprieure.com

Heimeliges Bed & Breakfast: Les Jardins de Baracane
Dieses elegante, gemütliche Bed & Breakfast ist eine Oase der Ruhe und verfügt über einen üppigen Innengarten mit Swimmingpool mitten im Herzen der Altstadt. Das Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert wurde gekonnt renoviert und modernisiert, ohne den Charme vergangener Zeiten zu verlieren. Jedes der fünf im provenzalischen Stil eingerichteten Zimmer verfügt über einen Blick in den Garten. Das Haus setzt sich für nachhaltigen Tourismus ein. Man fühlt sich wie zuhause. lesjardinsdebaracane.fr

Suiten im Herrenhaus & Spa: La Divine Comédie
Dieses alte Anwesen mit Innengarten blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, bevor es 2009 zu einem privaten Gästehaus mit Spa umgewandelt wurde. Hier erzählt jeder Stein eine Geschichte, und die Einrichtung, die provenzalischen Charme mit theatralischer Atmosphäre verbindet, verleiht den fünf Suiten ein märchenhaftes Flair. Das hauseigene Spa ist nur den Gästen zugänglich, so bleibt das Ambiente entspannt und privat. Das Haus liegt in der Altstadt, von hier aus kann man Avignon zu Fuss erobern. la-divine-comedie.com

Im Herzen der Natur: La Verrière
Auf einem Hochplateau, inmitten von Weinbergen und Wald, empfängt dieser Tempel der Artenvielfalt den Besucher. Weingut und Gästehaus zugleich ist «La Verrière» einer jener Orte, die man am liebsten nie wieder verlassen möchte. Hier herrschen Ruhe und Natur: Man kann die Sterne beobachten, die Arbeit des Winzers entdecken, Wein verkosten, Wanderungen unternehmen – und das alles nur 40 Autominuten von Avignon entfernt (Auto unerlässlichlich). booking.laverriere.com
Kultur & Shopping
Auch in diesen Bereichen hat die Altstadt von Avignon wahrlich viel zu bieten. Ein Grossteil ist Fussgängerzone, Flanieren gehört hier zum festen Programm.
Design Made in France: CQFD
Spezialisiert auf französisches Handwerk und Design, fördert CQFD heimische Talente mit Stil. Für jedes Bud-get ist etwas dabei. Wer sich nicht entscheiden kann, geniesst einfach im «Café Tulipe» einen Latte Macchiato. cqfd-avignon.fr
Lokale Spezialitäten vom Markt: Les Halles Avignon
Hier gibt es alles, was die Region an frischen landwirtschaftlichen Produkten zu bieten hat: von Gemüse über Obst, Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Brot, Kuchen, Käse und Charcuterie bis hin zu Blumen. Kaufrausch garantiert! Di–So 9–14 Uhr. avignon-leshalles.com
Ausflug in den Olivenhimmel: Nyons
40 Autominuten östlich von Avignon liegt das hübsche Dorf Nyons. Hier bekommt man exzellentes einheimisches Olivenöl (Vignolis), handwerklich hergestellten Essig (La Para), Urtinkturen (Distillerie Bleu Provence), hausgemachtes Eis (Les Goumandises) sowie die besten einheimischen Aprikosen. nyons.com
Theater im Sommer: Festival d’Avignon
Das 1947 in Avignon gegründete dreiwöchige Festival feiert dieses Jahr seinen 80. Geburtstag. Heute ist es das grösste Theaterfestival der Welt und bietet ein immens vielfältiges, europäisch geprägtes Programm – mit jun-gen Talenten ebenso wie mit grossen Stars auf der Bühne. Ein Must für jeden Theaterliebhaber. Sitzplätze und Hotel sollten so früh wie möglich im Voraus gebucht werden. festival-avignon.com

Göttlich cool: Palais des Papes
Als bedeutendstes gotisches Ensemble der Welt ist der Palast allein seiner Architektur wegen einen Besuch wert. Die päpstliche Residenz, zugleich Festung und Palast, war im 14. Jahrhundert der Sitz der westlichen Christenheit. Seit 1995 gehört der Palast zum UNESCO-Weltkulturerbe. Er ist Museum und wird aufgrund seiner Grösse, seiner architektonischen Qualitäten und seiner Atmosphäre regelmässig für Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen genutzt. palais-des-papes.com
Weinberg des Papstpalastes
Versteckt wie ein Garten auf dem Gelände des Palastes wachsen die Trauben von 144 Rebstöcken, aus denen fast jedes Jahr rund 80 Flaschen Rot- und Weisswein für wohltätige Zwecke entstehen.

Moderne Kunst: Collection Lambert
Die Collection Lambert ist ein Museum für zeitgenössische Kunst, gegründet auf Initiative des Kunsthändlers und Sammlers Yvon Lambert. Er stiftete dem fran-zösischen Staat eine aussergewöhnliche Sammlung bedeutender Werke aus der zweiten Hälfte des 20. und dem Beginn des 21. Jahrhunderts. Minimal Art, Konzeptkunst und Land Art bilden die Eckpfeiler, mit Werken von renommierten Künstlern wie Jean-Michel Basquiat, Miquel Bar-celó, Sol LeWitt, Robert Ryman und Nan Goldin. Untergebracht in zwei Stadtpalästen aus dem 18. Jahrhundert, bietet das Museum anspruchsvolle Ausstellungen sowie ein vielfältiges Kultur- und Bildungsprogramm. collectionlambert.com
