Interview

«Viele gute Weine wurden zu jung getrunken»

Text: Rudi Knoll, Foto: Mathis Wienand

Ein nicht mal zwei Jahre alter Weisswein galt in Österreich bis vor kurzem schon als «Altwein». Aber eine Trendwende ist deutlich spürbar. Das meint auch Annemarie Foidl, Präsidentin der Sommelierunion Austria, deren ältester Wein im Keller 50 Jahre jung ist.

Dass österreichische Rotweine gut reifen können, ist bekannt. Aber bis vor wenigen Jahren galten Grüner Veltliner und Co. bei vielen Konsumenten und auch Winzern schon als Altweine, wenn sie kaum mehr als ein Jahr in der Flasche waren. Hat sich das geändert?
Das hat sich gottlob deutlich geändert. Die frühere Jahrgangsdenke war eh blöd, viele sehr gute Weine wurden viel zu jung getrunken. Das ist heute nicht mehr so der Fall.

Was hat dazu beigetragen?
Ich denke, dass die Sommeliers durch ihre Sortimente und ihre Gespräche mit den Gästen Einfluss genommen haben. Auch die Österreich Wein Marketing hat durch ihr Wirken in verschiedenen Sektoren den Konsumenten die Augen geöffnet und die besondere Stilistik von reifen Weinen begreifbar gemacht.

Wie schaut es mit den Winzern selbst aus?
Da ist noch Nachholbedarf in Sachen Selbstbewusstsein vorhanden. Manche schämen sich förmlich, wenn sie reifere Weine im Sortiment haben, statt stolz darauf zu sein. Dabei sollten sie getrost in die Offensive damit gehen.

Gibt es eine Sorte, die in ihren Reifemöglichkeiten unterschätzt wird?
Beim Riesling ist das wohl weniger der Fall, aber bei der österreichischen Hauptsorte Grüner Veltliner erlebe ich das oft. Dabei hat sie ein wahrhaftig riesiges Potenzial in Sachen Lagerfähigkeit. Das gilt im Übrigen auch für die weisse Burgunderwelt und Sauvignon Blanc, die nicht schon nach wenigen Jahren welk sind, sondern richtig Geschichten erzählen können.

Sind reife Weine bessere Speisenbegleiter als junge Weine?
Aber ja! Sie sind abgerundeter, in der Säure ruhiger, weicher, können eine gewisse Cremigkeit vorweisen. Ihr Terroir kommt besser zur Geltung. Somit passen sie sich vielen Gerichten ideal an.

Wie halten Sie es auf der Angerer Alm mit reifen Weinen, was ist der älteste österreichische Wein im Keller?
Da muss ich nicht lang überlegen, es ist ein 1969er Riesling der Domäne Wachau; aber ich habe noch Bordeauxweine, die älter sind, sowie uralte Madeira und edelsüsse Gewächse aus dem Massandra-Keller.

Und was ist der älteste österreichische Wein, den Sie bislang genossen haben?
Der 1969er aus der Wachau, deren Winzer immer schon bemüht waren, einige reife Weine zurückzuhalten. Ansonsten habe ich manches aus den 80er Jahren verkostet, aber weiter zurück als 1969 ging es leider noch nicht.

Dann lassen wir das mal so stehen und hoffen für Sie, dass jetzt in einigen Schatzkammern zumindest Ihr Jahrgang 1967 entdeckt wird.
Das wäre super, obwohl mein eigener Jahrgang trotz einem überdurchschnittlich hohen Mostgewicht etwas schwierig war.

Zumindest wurden Sie von den Wachauer Spezialisten quasi als Ersatz 2018 mit dem Steinfeder-Preis bedacht. Eine überraschende Ehrung?
Ja, weil sie von bedeutenden Winzern vorgenommen wurde, wie beispielsweise dem Vorsitzenden der Vinea Wachau, Emmerich Knoll. Als ich davon erfuhr, dachte ich zunächst «Wieso ich?». Aber ich habe das für mich gelöst, weil ich mir sagte, das war eine Auszeichnung für alle ambitionierten Sommeliers in Österreich.

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