Klartext von Thomas Vaterlaus

Bitte weniger Politik ins Glas

Text: Thomas Vaterlaus, Foto: z.V.g.

Vielfältig, inspirierend, verbindend: Die Weinszene ist ein grenzübergreifender Kosmos mit Leidenschaft für gemeinsamen Genuss. Jetzt trüben plötzlich Politik und wirtschaftliche Eigeninteressen die Stimmung. Es ist Zeit, dass wir uns wehren!

Die Kanadier trinken fast keinen kalifornischen Wein mehr. Obwohl die Kalifornier ja nicht Donald Trump, sondern Kamala ­Harris gewählt haben. Aber für Feinheiten ist in der aktuellen Diskussion kein Raum mehr. Die USA ihrerseits erheben jede Woche andere Zölle. Besonders südafrikanische Weine verteuerten sich stark, nachdem Donald Trump die Politik des Landes gegenüber weissen Farmern kritisiert hatte und handelspolitisch darauf reagierte. Auch Rioja und Co. müssen mit Ungemach rechnen, weil die Spanier nach Meinung der Amerikaner zu wenig kooperieren. Die kriegerischen Russen dürfen seit vier Jahren keinen europäischen Wein mehr trinken. Der chinesische Weinmarkt ist innerhalb weniger Jahre um fast 70 Prozent eingebrochen, was die Nervosität im globalen Markt angeheizt hat. Und in der Schweiz schlägt der Wirtschaftsminister vor, dass ab 2027 nur noch jene Weinhandelshäuser die existenziell wichtigen Weineinfuhrkontingente bekommen sollen, die gleichzeitig auch Schweizer Trauben kaufen und pressen. Zugespitzt formuliert: Nur wer den Schweizern Chasselas verkauft, darf ihnen auch eine Flasche Barolo oder Bordeaux anbieten.

«Wir stehen für eine Weinkultur über alle Grenzen hinweg. So soll es bleiben!»

Steht es um die Schweizer Weinbranche tatsächlich wiso schlecht, dass sie so eine Regelung nötig hat? Wir haben hier hunderte von hoch engagierten Winzern, die Topweine von internationalem Format in die Flaschen bringen. Der VINUM-Weinguide und der von VINUM mitorganisierte Grand Prix du Vin Suisse dokumentieren diese Entwicklung eindrücklich. Und die Zahl der Topwinzer wächst kontinuierlich. Alle diese Weingüter können ihre Weine zu guten Preisen verkaufen. Hohe Qualität und ein sensibles Gespür für die Wünsche der Kunden sind die Schlüssel zum Erfolg. Die Politik sollte diese sehr positive Entwicklung mit noch innovativeren und gezielteren Förderungen stützen, etwa für nachhaltigen Anbau oder die Bewirtschaftung von Steillagen. Zudem braucht es schlagkräftige Kampagnen, die den Konsumenten vermitteln, wieviel Mehrgenuss gute Weine aus heimischem Anbau bieten. Was wir nicht brauchen, ist ein versteckter Protektionismus, um Strukturen künstlich am Leben zu erhalten.

Kann es sein, dass uns Politiker im Jahr 2026 nach Christi­Geburt vorschreiben wollen, was wir trinken sollen? VINUM engagiert sich seit 46 Jahren dafür, dass wir Wein nicht nur als Genussmittel, sondern vor allem auch als Kulturgut sehen. Wir stehen für eine Weinkultur über alle Grenzen hinweg, aber mit einem besonderen Bewusstsein für das Gute, das vor unserer Tür wächst. So soll es bleiben!

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