Klartext von Alice Gundlach
Ein Hoch auf den Schraubverschluss!
Text: Alice Gundlach / Foto: z.V.g.

Der Naturkorken ist ein emotional besetzter Weinverschluss. Durch ihn wird das Öffnen einer Flasche zum Ritual. Den Korkenzieher behutsam eindrehen, dann der «Plopp», der die Vorfreude weckt. Aber diese verfliegt schnell, wenn man beim ersten Schluck feststellt: Korkschmecker.
So sehr die Korkwirtschaft auch in Forschung und Qualitätskontrolle investiert hat, um mit TCA infizierte Korken (die chemische Ursache des Korkschmeckers) auszumerzen, sind fehlerhafte Exemplare deutlich seltener geworden. Verschwunden sind sie jedoch nicht. Doch das ist noch nicht alles: Bei Weinen, die länger lagern, kann sich der Korken mit der Zeit verziehen oder austrocknen. Dadurch gelangt zu viel Sauerstoff in die Flasche, was den Wein beschleunigt altern lässt. Er oxidiert, verliert Aromen und Frische und wird schliesslich nicht mehr geniessbar. Ein Problem, das besonders hochwertige und lang gelagerte Weine betrifft. Das passiert insbesondere dann, wenn der Wein nicht unter Idealbedingungen gelagert wird. Und mal ganz ehrlich: Sind Sie sicher, dass diese in Ihrem Keller herrschen? Im Gegensatz dazu ist der Schrauber herrlich unkompliziert. Er schützt den Wein deutlich sicherer vor Oxidation als es ein Korken je könnte – zu diesem Schluss kommen sogar Studien der Korkwirtschaft. Und vor allem: Der Schraubverschluss kann den Geschmack des Weines nicht negativ beeinflussen. Es ist ihm sogar egal, ob man die Flasche liegend oder stehend lagert.
Dass man heutzutage sogar Prestigeweine mit Schrauber verschliessen kann, beweist zum Beispiel das Hessische Staatsweingut Kloster Eberbach: Dort begann man bereits in den späten 2000er Jahren, die VDP.Grossen Gewächse auf Schrauber umzustellen. Probiert man die Weine nach zehn und mehr Jahren Reife, könnte man kritisieren, dass diese sich deutlich jünger präsentieren als zu erwarten wäre. Wenn man das denn als Problem sehen möchte.Ein oft angeführtes Argument ist auch, dass Naturkork ein nachhaltiger, recyclebarer Rohstoff ist. Ein Teil der Wahrheit ist aber auch: Kork bleibt nicht unbearbeitet, zum Beispiel wird er meist gebleicht. Im Korkhain werden Pflanzenschutzmittel ausgebracht. Die Korken werden aus Portugal tausende Kilometer weit transportiert. Verdorbene Flaschen ungetrunken zu entsorgen, ist auch nicht gerade nachhaltig.
«Der Schrauber ist herrlich unkompliziert. Es ist ihm sogar egal, ob man die Flasche liegend oder stehend lagert.»
Und nicht zuletzt: Ein Korken kommt selten allein. Die meisten verkorkten Flaschen werden zusätzlich mit einer Kapsel aus Kunststoff oder Aluminium verschlossen. Im Übrigen ist auch Aluminium gut reycelfähig. Gerne wird auch angeführt, dass die Weintrinker den Korken nun einmal bevorzugen, weil dieser den Wein wertiger wirken lasse. Doch zumindest in Mittel- und Nordeuropa scheint diese Hemmung bei vielen überwunden. Man kann sich also anscheinend doch umgewöhnen, wenn die Vorteile offenkundig sind.
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