Ätna total

Eldorado am Vulkan

Text: Christian Eder, Fotos: z.V.g.

Der Ätna ist der höchste aktive Vulkan Europas. Über die Jahrhunderte haben seine Eruptionen immer wieder den Osten Siziliens neu gestaltet. Seit 20 Jahren gilt er aber auch als Wein-Eldorado: Elegante Bianchi und Rossi aus Carricante- und Nerello-Mascalese-Trauben, die auf stein- alten Buschbäumchen auf Lava-Terrassen gedeihen, zählen inzwischen zu den gefragtesten Weinen der Welt. Aber das sei erst der Anfang, sind sich die Winzer einig: Am Ätna brodelt’s gewaltig.


Die perfekte Harmonie des Alberello

Vor zwei Jahrzehnten war der Weinbau am Ätna noch ein zartes Pflänzchen: Eine meiner ersten VINUM-Geschichten führte mich damals nach Sizilien und unter anderem in ein kaum bekanntes Gebiet an den Hängen des Vulkans. Dort traf ich einen jungen Önologen, der sich der alten Alberelli, der Buschbäumchen auf Terrassen aus Lavastein, angenommen hatte: Salvo Foti.

In Milo am Osthang des Ätna habe ich ihn dieser Tage wiedergesehen: Ergraut, aber immer noch mit dem Tatendrang von einst, erinnert er sich noch an unsere damalige Tour, die uns in kleine, von Gras und Unterholz überwucherte Weingärten führte, in denen verwachsene Reben auf alten Lavaböden darauf warteten, aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen. Denn noch im 19. Jahrhundert waren in der Provinz Catania 90 000 Hektar mit Reben bestockt, die an den Hängen des Ätna produzierten Weine wurden europaweit verschifft.

Mit der Reblaus begann der Niedergang, die Landflucht tat ein Übriges: Der arbeitsintensive Weinbau in Terrassenlagen, die Pflege der autochthonen Rebsorten war nicht mehr profitabel. Nur einige wenige Güter – wie die Barone di Villagrande – hielten die Flagge des Vino Etneo hoch. Bis der aus Catania stammende Salvo Foti in den 1990er Jahren auf den Unternehmer Giuseppe Benanti traf: Gemeinsam begannen sie das Abenteuer Ätna mit Weinen, die so gar nicht dem entsprachen, was man sich von Sizilien erwartet. Sie waren nicht warm und kraftvoll, sondern elegant und fein-ziseliert, eher nördlich denn mediterran.

Es war die Unterschiedlichkeit der Böden und Lagen, die ihn schon damals faszinierte: Jeder Lavastrom der unzähligen Ausbrüche der vielen Krater des Vulkans hatte eine andere Bodenstruktur hinterlassen, jeder Höhenmeter der bis auf 1200 Meter reichenden Rebberge, jeder Fallwind vom schneebedeckten Gipfel des 3329 Meter hohen Vulkans sorgte für ein anderes Mikroklima. Damals entdeckte Salvo die Chaos-Theorie für sich, ihr Fazit wurde das Fundament seiner Arbeit als Winzer am und mit dem Vulkan: «In fondo c’è una armonia.» Hinter all dem Chaos herrscht Harmonie. Mit Benanti kultivierte Foti hervorragende Nerello-Mascalese-Lagen in Castiglione di Sicilia, wo auf 800 Metern Meereshöhe der Rovittello entstand, oder in Viagrande, wo auf 450 Metern der Serra della Contessa gekeltert wurde. Der Top-Bianco war der Pietra Marina, kraftvoll und doch voller Eleganz, der schon andeutete, wie geeignet der Ätna für Weissweine ist.

Davon ist Salvo Foti heute mehr denn je überzeugt – lange nachdem sich seine und Benantis Wege getrennt haben: Seit sieben Jahren ist er nicht mehr nur Önologe, sondern auch selbst Winzer. Er besitzt fünf Hektar Rebberge bei Milo. Und dort soll einer der grossen Weissweine des Ätna entstehen, hofft Foti: «Milo hat zwar nur ein Prozent der gesamten Rebfläche des Ätna, galt aber schon immer als Kerngebiet der Carricante-Traube», erzählt er. «Die Nähe zum Mittelmeer plus die kühlen, regenreichen Fallwinde, oft auch Nebel, sorgen für ein ideales Mikroklima.» Nur so könne die Traube ihre charakteristische Säure und Mineralität zum Ausdruck bringen.

Fotis weisses Meisterstück aus diesen Rebbergen heisst passenderweise Vigna di Milo, ihr roter Gegenpart nennt sich Vinupetra, wird aus der tanninreichen Nerello Mascalese gekeltert und stammt aus einer Lage am Nordhang des Ätna: Der Vigna Calderara in der Contrada Porcaria in 700 Metern über Meer.

Hier wie dort sind die Reben auf dem Alberello Etneo gezogen, dem kandelaberförmigen Buschbäumchen des Ätna, den Salvo besonders schätzt: «Die Pflanze erreicht mit dem Alter eine perfekte Harmonie. Hundertjährige Reben sind daher am Ätna keine Seltenheit.» Um den Terrassenweinbau und die Pflege des Alberello, die nur noch die alten Winzer des Ätna beherrschen, nicht aussterben zu lassen, hat er vor Jahren auch die I Vigneri wiederbelebt, eine Winzervereinigung, die bereits im Catania des Jahres 1435 bestand.

«Wir machen keine Vini Naturali, sondern Vini Umani», erklärt Salvo Foti, während wir eine Runde durch seine Vigna di Milo drehen. Nachhaltiger Landbau ist trotzdem Standard, auch rundherum ist die Natur allgegenwärtig, Kastanienbäume und Macchia begrenzen den Rebberg, zwischen den Zeilen wachsen Obstbäume und Getreide. Hier herrscht Harmonie, das sieht man und kann es auch in den Weinen spüren.


Die Jäger der verlorenen Contrade

Die Tagliata hat hervorragend gemundet, Frank legt das Besteck zur Seite und sieht zu, wie die Schlieren seines Magma 2014 langsam über das Glas wandern: Aus der Magnum hat er ihn uns eingeschenkt – als Belohnung nach einem Tag in den Rebbergen und als Begleitung zu einem herzhaften Abendessen in Franks Lieblingslokal «Cave Ox» in Solicchiata am Nordhang des Ätna.

Wirt Sandro Dibella hat im Dörfchen Solicchiata einst eine Bar besessen, und dann diese kleine Osteria eröffnet, in der Ätna-Küche und optimale Pizzen serviert werden – zusammen mit handverlesenen Weinen aus dem Burgund, von der Loire und natürlich dem Ätna. Viele davon sind Vini Naturali aus einer der mehr als 130 Contrade des Ätna. Die Contrade sind eine Eigenheit des Ätna: Historische geografische Ortsbezeichnungen, die meist als Ursprungsbezeichnung auf den Etiketten der Weine angeführt werden. Drei Winzer haben Anfang der 2000er Jahre mit der Wiederentdeckung der Contrade den heutigen Ätna-Boom ausgelöst: Der Römer Andrea Franchetti, Önologe und Agronom und Eigentümer der Tenuta di Trinoro in der Maremma, der Toskaner Marco de Grazia, renommierter Weinimporteur in Übersee, und der Belgier Frank Cornelissen, frankophiler Weinhändler und -sammler, der sich 2002 in den Ätna verliebte und Auto und Weinsammlung verkaufte, um das Geld in kleine Rebgärten mit alten Buschbäumchen zu investieren.

Fast jeder der Contradenweine ist daher auch eine Expression eines besonderen Terroirs. Je nach Lavastrom sind die Böden unterschiedlich, auf denen die Rebstöcke mit Niederschlagsmengen von bis zu 1000 Millilitern pro Quadratmeter und Jahr auskommen müssen. Zum filigranen Schliff tragen auch die kühlen Nächte und die Fallwinde des schneebedeckten Ätna bei. Von grosser Bedeutung ist natürlich die Höhenlage: Auf knapp 1000 Metern liegt die Contrada Barbabecchi oberhalb des Ortes Solicchiata: Mehr als einhundert Jahre sind einige der verwachsenen Reben alt, die Frank Cornelissen hier auf Terrassen bewirtschaftet. Viele davon sind noch wurzelecht: Die Reblaus konnte in Lavaböden und Vulkansand nicht Fuss fassen.

Gerade mal 300 Gramm werden hier zwischen Mitte Oktober und Anfang November pro Pflanze gelesen. Die tanninreichen Nerello-Mascalese-Trauben werden auf den Schalen vergoren und nach dem Abpressen in neutralen Behältern vinifiziert und gereift. Das Ergebnis ist dann der Magma, Franks Spitzenwein: füllig, elegant und in grossen Jahren von perfekter Balance.

Doch Barbabecchi ist nur eine der 20 Cru-Lagen des Frank Cornelissen. Unter dem Namen Mun Jebel entstehen aus den übrigen momentan sieben «Einzel-Contrada-Weine» aus Rebbergen zwischen 600 und 1000 Metern Meereshöhe. Mit dem Jahrgang 2018 soll ein achter folgen. Denn die Natur habe jedes Jahr Überraschungen parat, meint Frank nach einem letzten genussvollen Schluck seines Magma. «Wir werden nie ihre ganze Komplexität verstehen», sagt er, «deshalb müssen wir sie beobachten und ihr folgen, anstatt ihr unsere Ideen aufzuzwingen. Daher vermeiden wir alle Eingriffe in den Rebbergen – seien sie auch homöopathischer, biologischer oder biodynamischer Natur.» Lediglich Kupfersulfat und Schwefel werden zugeführt, dafür steht aber der Kalender der Hildegard von Bingen bei Frank hoch im Kurs: Den fast 1000 Jahre alten Ratschlägen folgt er bei allem, was er tut.


Meister der Moderne

In den 1990er Jahren war Guglielmo Cambria einer der Pioniere des modernen Weinbaus am Ätna. Die Rebberge seines Gutes Cottanera wurden mit Cabernet, Merlot und Syrah bestockt und die Weine zählten bald zu den besten Siziliens. Aber die Zeiten ändern sich und am Ätna liefen Nerello Mascalese und Carricante den Internationalen den Rang ab.

Auch Cambria dachte um und pflanzte neu: Heute hat Cottanera Nerello Mascalese in vier verschiedenen Lagen stehen, darüber hinaus in der Contrada Calderara noch einen Hektar mit 40 Jahre alten Carricante-Pflanzen. Für den Weinbau ist seit dem vorzeitigen Tod seines Vaters Francesco Cambria zuständig.

Francesco war Rechtsanwalt, bevor er sich dem Weinbau widmete. Talar und Gesetzbücher hat er längst hinter sich gelassen, der Ätna und seine Weine sind heute seine Passion: Es sei eine Zone voller Potenzial, in dem man grosse Weine keltern kann, meint er, während wir uns im Fasskeller durch die Geschichte von Cottanera probieren – bis hin zum Grammonte, einem legendären sizilianischen Merlot, der zuletzt 2012 produziert wurde.

Bei den Weinen aus autochthonen Reben zählt Cottanera inzwischen zur Elite des Ätna: Musterbeispiel ist die Contrada Zottrinotto Riserva. Dafür hat Francesco die ältesten Reben des Gutes mit einem Alter von 70 bzw. 75 Jahren ausgewählt, zwei Jahre reift der Wein in Holz, zwei Jahre in der Flasche. Eine Vertikale zeigt das Potenzial dieser Contrada: Der Jahrgang 2013 überzeugt mit seiner Komplexität, 2012 mit seiner Finesse und 2011 mit seinem Schliff. Nicht zuletzt wegen diesem Wein wurde Francesco Cambria vom Gambero Rosso gerade erst zum Winzer des Jahres gewählt. 
«Natürlich ist am Ätna noch vieles zu tun», erklärt er, «nur wenn man die Rebberge und ihre Geologie perfekt kennt, kann man die richtigen Trauben für das passende Terroir pflanzen. Und das müssen nicht immer nur Nerello Mascalese und Carricante sein.»

Denn ganz im Stillen hofft Francesco, dass eines Tages auch eine Reminiszenz an die Vergangenheit des Gutes sein Portfolio bereichern wird: Ein grosser Bordelaiser mit der Seele des Ätna. «Etwas, das interessant sein könnte, haben wir schon im Keller», sagt er mit vielsagendem Blick.


Einfach nur Natural

Die Zukunft des Ätna liegt wo? Bei Rot- oder Weissweinen oder gar bei Spumanti? Bei den grossen Kellereien wie Tasca d’Almerita, Donnafugata oder Planeta? Oder bei den kleinen terroirverbundenen Winzern, die ihre Rebberge und ihr Land selbst in die Hand nehmen und in Natural Wines die Zukunft des Vulkans sehen?

Die Antwort liegt wohl irgendwo dazwischen. Ein Musterbeispiel dafür ist Edoardo Torres Acosta: Er ist weder gebürtiger Sizilianer noch zugereister Investor, sondern stammt von den Kanarischen Inseln, wo er im elterlichen Weingut auf Teneriffa arbeitete. 2012 kam er nach Sizilien, um bei Arianna Occhipinti in Vittoria ein Praktikum zu machen, ein Jahr später kam er zu Passopisciaro am Ätna. Auf den vulkanischen Böden hatte er bald seine neue Heimat gefunden: Er begann, kleine Parzellen anzupachten, um selbst Wein zu machen. Seinen ersten Jahrgang – 2014 – kellerte er noch bei Arianna Occhipinti in Vittoria ein. Seit dem Vorjahr produziert er in einem kleinen Keller in Solicchiata Natural Wines aus autochthonen Rebsorten von alten Alberelli aus den höchsten Lagen des Anbaugebietes.

Fünf Rebberge im Norden sind die Basis seines Versante Nord Rosso, sieben gar des Versante Nord Bianco. Welche uralten Rebsorten neben Nerello Mascalese oder Carricante in den Rebbergen stehen, weiss nicht einmal er. Sein Contradenwein Pirrera stammt aus einem nicht einmal einen Hektar grossen Rebberg: Komplex und voller Finesse ist er im Jahrgang 2016 ein Natural-Etna-Prototyp. Edoardo Torres Acosta ist schon lange nicht mehr die jüngste Generation an Ätna-Winzern: Jedes Jahr trifft man auf der Ätna-Weinmesse Contrade dell’Etna junge Weinbauern, die sich selbstständig machen und ihren ersten Jahrgang zur Verkostung anbieten.

Längst haben auch viele der Top-Betriebe Siziliens in den Contrade des Ätna investiert. Tasca d’Almerita zum Beispiel ist seit 2008 am Ätna präsent und plant ebenfalls Grosses: Ausser der Eröffnung einer neuen Kellerei sollen noch in diesem Jahr mit dem Jahrgang 2016 drei Contradenweine des Ätna-Weingutes Tascante folgen, die hauseigenen Forschungen zur Geologie der Lagen entspringen. Plus – als Tüpfelchen auf dem i – eines Weines einer Vigna Vecchia bei Sciaranova. Alberto Tasca: «Deshalb erst jetzt, weil wir zehn Jahre gebraucht haben, um den Ätna gänzlich zu verstehen.» Renommierte Namen aus dem Rest Italiens debütieren ebenfalls an den Vulkanhängen: Carlo Ferrini, am Ätna als Konsulent von Pietradolce tätig, hat vor kurzem den ersten Wein seines Gutes Giodo gekeltert: Alberelli nennt er ihn passenderweise. Und im Süden des Ätna haben Piemonts Winzerlegende Angelo Gaja und Alberto Graci rund 48 Hektar Land erworben, auf dem bereits im 19. Jahrhundert grosse Weine gekeltert wurden: Dort will das Duo vor allem Weissweine produzieren.

 

 


«Wir werden nie die ganze Komplexität der Natur verstehen. Deshalb müssen wir sie beobachten und ihr folgen, anstatt ihr unsere Ideen aufzuzwingen. Daher vermeiden wir alle Eingriffe in den Rebbergen.»

Frank Cornelissen


 

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