VINUM-Profipanel | Schaumwein Rosé

Rosa und perlenstark

Text: Harald Scholl, Fotos: Annette Sandner

Dieses Profipanel hätten wir auch dreimal durchführen können, so gross war der Andrang der Verkoster. Schaumweine sind definitiv gefragt, noch nie war es so angesagt, den Abend mit Perlen im Glas zu beginnen, zu begleiten oder zu beenden. Aber steckt hinter dem Trend auch ein ernsthafter Wein? Und muss es immer Champagner sein? Wo stehen italienische, österreichische und deutsche Sprudler im internationalen Vergleich? Ist die Farbe Rosa jetzt ein Vor- oder ein Nachteil? Unser Profipanel ist all diesen Fragen auf den Grund gegangen.

Rosé-Schaumweine wurden lange als nette Laune abgestempelt. Dass diese Weinfarbe eine ernsthafte Konkurrenz für die hellfarbigen Brüder sein könnte oder gar ein Ersatz für Rotwein bei Tisch, davon waren nur echte Schaumweinfreaks überzeugt. Rosé im Glas, ganz gleich ob mit oder ohne Kohlensäure, wurde gleichgesetzt mit Spass, mit Gartenparty oder schlimmer: Damenkränzchen. Das war sicher auch nicht völlig aus der Luft gegriffen, allzu gern wurde mit deutlicher Restsüsse gearbeitet, um über die mässige Qualität des Ausgangsprodukts hinwegzutäuschen. Solche Schaumweine haben bis heute ihren Markt, aber die ernsthaftere, trocken ausgebaute Konkurrenz hat mächtig aufgeholt. Und genau die sollte bei unserem Profipanel ins Glas kommen und damit unter die Lupe genommen werden. Denn hochwertige roséfarbene Sprudler, ganz gleich aus welchen Rebsorten oder welchem Anbaugebiet, haben sich einen festen Platz auf den Weinkarten erkämpft.

Dass die Entwicklung derart dynamisch ist, liegt nicht zuletzt an den Winzern selbst. Gerade in Deutschland war (Rosé-)Sekt über Jahrzehnte nur eine Ergänzung für die Weingüter. Man brauchte ihn, um die Direktvermarktung mit einem sprudelnden Element zu bereichern. Dieses haben sie entsprechend lieblos produziert. Was gerade in Weiss oder Rot im Keller in den Fässern lag, wurde zum Lohnversekter gebracht und kostengünstig verarbeitet. Tempi passati, heute achten die Winzer schon vor der Ernte genau darauf, was an den Rebstöcken passiert. Beim Thema Lesezeitpunkt lernten sie dazu, und sie behalten die Säure im Wein konsequenter als früher im Blick. Die Qualität der Grundweine, aus denen Schaumwein wird, hat dramatisch zugenommen; bei der «Rohkost 2019» im April in Bensheim konnte man sich davon überzeugen. Auf dieser (noch) kleinen Messe zeigten die besten deutschen Sektwinzer ihre aktuellen Ausgangsweine und was daraus hinterher als Sekt entsteht. Es war beeindruckend. Auch wenn die roséfarbenen Schaumweine, die in unserem Panel die Hauptrolle spielten, noch deutlich in der Minderheit waren. Man muss aber kein Prophet sein, um zu erkennen, dass sich hier in den nächsten Jahren sehr viel tun wird. Natürlich sitzen die grossen Vorbilder aller Schaumweinhersteller nach wie vor in der Champagne.

Und da hat man sich die Techniken angesehen, um sie im eigenen Keller anwenden zu können. Stichwort Autolyse, wahrscheinlich das Geheimnis guter Champagner. Eigentlich kein grosses Ding, nach abgeschlossener Gärung bleibt der Champagner auf der Hefe liegen, die abgestorbenen Hefen durchlaufen einen enzymatischen Zersetzungsprozess, der für die typischen Aromen sorgt, das oft zitierte «Brioche»-Aroma. Nebenbei wird die Kohlensäure durch die Autolyse besser eingebunden, die feine, langanhaltende Perlage im Glas ist das sichtbare Ergebnis. Diese Technik führt dazu, dass diese Schaumweine lagerfähiger sind. Die kommende Sommerzeit macht jedoch Lust, die Weine bald zu geniessen. Dieser Prozess, der zeitaufwändig und teuer ist, wurde ausserhalb Frankreichs selten genutzt. «Wurde» – denn bei den besten Produzenten in Deutschland, Österreich oder Italien hat man begriffen, wie es geht. Das war eine wirkliche Erkenntnis dieses Profipanels.

Der Trend zu den hochwertigen Rosé-Schaumweinen fängt gerade erst an. Noch zu Beginn des Jahrtausends lag ihr Marktanteil bei den Schaumweinen bei zwei Prozent – aktuell sind es über 13 Prozent, mit steigender Tendenz. Das ist eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte, schliesslich sind Rosé-Schaumweine erst seit 1968 auf dem Markt erhältlich. Davor galten sie schlicht als «Unfall» und waren bis auf die bekannten Ausnahmen fast unverkäuflich. Die Vorbehalte gegen diesen Weintyp lagen – und liegen – auch in der Herstellung begründet. Der deutschsprachige Weintrinker ist tendenziell ein Rebsortentrinker, der Riesling, Chasselas oder Grünen Veltliner im Glas bevorzugt. Jede Form von Cuvée, Assemblage oder Gemischtem Satz ist ihm eher suspekt.

Bei der Herstellung von Rosé-Schaumweinen aber nutzen Winzer praktisch all ihre Freiheiten. Die Frage der Rebsorte liegt allein in ihren Händen, weisse und rote Sorten können nach eigenem Gusto gemischt, Trauben getrennt oder gemeinsam verarbeitet werden, die Jahrgänge dürfen untereinander verschnitten werden. Dass die Skepsis gegenüber diesen Weinen völlig unbegründet ist, dürfte jedem Weintrinker im Prinzip völlig klar sein. Denn einige der grössten Weine der Welt, seien es Champagner oder Bordeaux, werden erst durch die Verwendung unterschiedlicher Rebsorten zu dem, was sie sind. Also, warum nicht auch im Rosé-Schaumwein? Zumal Schaumweine auf anderen Ebenen des Herstellungsprozesses besonders strenge Anforderungen erfüllen müssen. Rebsorten, Reifezeit, Dosage, Bezeichnungen sind durchgehend klar geregelt und müssen auf dem Etikett ersichtlich sein.

Erstaunliche Qualitäten im Glas

Aber Rosé hat es nie ganz leicht gehabt in der Wahrnehmung der Weinprofis. Vor 35 Jahren stand für den verehrten Kollegen Michael Broadbent fest: «Roséweine, nicht nur Champagner, haben so wenig Charakter…» Wie viel Charakter diese Weine heute wirklich haben, sollte unser Profipanel belegen. Das Ergebnis ahnten wir schon ziemlich rasch: Eigenständigkeit, Individualität, ja sogar eine gewisse Spleenigkeit war vielen Weinen nicht abzusprechen. Die Charakterfrage wurde positiv beantwortet! Und genau so wenig überraschend war es, dass der Gewinner unseres Panels nicht aus der Champagne kam – die Spitze lag allerdings äusserst dicht zusammen. Da wir aber nicht die besten Schaumweine in Rosé küren wollten, sondern nach einem Überblick suchten, war es umso erstaunlicher, wie viele Weine in den Bereich von 15 und mehr Punkten gelangten. Selbst die einfachsten Weine für wenige Euros waren technisch sauber, ohne Fehltöne oder gar Fehler. Dass sie nicht das ganz grosse Glücksgefühl auf der Zunge auslösten, liegt in der Natur der Sache. Das war am anderen Ende der Punkteskala umso mehr der Fall. Roséfarbene Schaumweine mit 17 oder sogar 18 Punkten;– dass so etwas nicht möglich wäre, darauf hätte Michael Broadbent sicher gewettet. Und verloren. Denn Schaumwein Rosé international war einfach – perlendstark!

Die Jury

(Vorne von links)
Katrin Kalusok Weinhändlerin. Ihr Favorit: Costaripa, Rosé Spumante VSDQ Brut

Nicole Retter Weinakademikerin. Ihr Favorit: Champagne Gosset, Grand Rosé Brut

Nicola Neumann Champagner-Händlerin. Ihr Favorit: Costaripa, Rosé Spumante VSDQ Brut

Romana Echensberger Master of Wine. Ihr Favorit: Loimer, Brut Rosé

(Hinten von links)
Wolfgang Hingerl Hausherr «MURAL». Sein Favorit: Griesel & Compagnie, Rosé Brut 2016

Christoph Biber Weinhändler. Sein Favorit: Sekthaus Raumland, Rosé Prestige Brut 2012

Bernhard Meßmer Champagner-Botschafter. Sein Favorit: Flik Sektmanufaktur, Suavium Pinot Noir Rosé Extra Brut 2012

Leo Quarda Weinkritiker. Sein Favorit: Società Agricola Zucchi, Lambrusco di Sorbara Tappo Sughero Fungo 2015

Susanne Platzer Weinakademikerin. Ihr Favorit: Sekthaus Raumland, Rosé Prestige Brut 2012

Patrick Hemminger VINUM-Autor. Sein Favorit: Champagne Gosset, Grand Rosé Brut

Harald Scholl Stellvertretender Chefredakteur VINUM Deutschland, Verkostungsleiter. Sein Favorit: Champagne Billecart-Salmon, Brut Rosé


«Es war ein Vergnügen. Die Weine kamen ohne kitschige Frucht aus. Die Zeiten, in denen man Rosé-Schaumwein wegen der Farbe getrunken hat, sind passé. Und ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich einem deutschen Sekt die Höchstnote gebe. Was in den letzten Jahren in deutschen Kellern ge-leistet wurde, ist bemerkenswert. Der aromatische Vorteil des Champagners durch die typische Autolyse scheint definitiv kleiner geworden zu sein.»

Susanne Platzer Weinakademikerin


«Die Bandbreite der verkosteten Weine war für mich überraschend. Vor allem, weil es kaum ‹süsse› Vertreter gab, wie sie vor Jahren unter den rosafarbenen Schaumweinen noch üblich waren. Die gezeigten Weine waren vor allem geprägt von Schlankheit und Kühle, also Attributen, die man gemeinhin mit Champagner assoziiert. Aber hier wurde das besonders von den deutschen und österreichischen Weinen gezeigt.»

Bernhard Meßmer Champagner-Botschafter


«Auffallend war tatsächlich, dass die Champagner nicht wie im Vorfeld erwartet, herausstachen. Natürlich bleiben die Weine weltweit die Benchmark für trockenen Schaumwein – aber der Abstand wird immer kleiner. Ich führe das vor allem darauf zurück, dass beispielsweise in Deutschland Sekt kein Nebenprodukt mehr für die Winzer ist. Da wird schon im Weingarten ganz gezielt auf höchste Qualität hingearbeitet. Und das schmeckt man.»

Christoph Biber Weinhändler


«20 Weine – und die Bandbreite war extrem spannend! Durchweg wurde das Image des Banalen, das vielen Rosé-Schaumweinen anhaftet, komplett widerlegt. Die Weine waren anspruchsvoll, polarisierend, fordernd, überraschend – also eigentlich alles, was der Weintrinker von einem Wein erwartet. Gerade auch die dunkleren Rosés aus Italien oder Portugal haben gezeigt, was möglich ist.»

Patrick Hemminger VINUM-Autor


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