In der Heimat des Prosecco Superiore

Weltkultur im Glas

Text: Christian Eder, Foto: www.pov.at, Consorzio di Tutela del Vino Conegliano Valdobbiadene DOCG, z.V.g.

Mehr als 6000 Hektar sonnenbeschienene Rebhügel und Steillagen, auf denen die Glera-Traube in vielschichtigen Böden steht. Das ist das einzigartige Gebiet, in dem der Conegliano Valdobbiadene Prosecco Superiore DOCG entsteht. Nun ist es auch UNESCO-Weltkulturerbe.

Chiara Barisan hat den Weitblick. Von der Terrasse ihres Ristorante Salis bei Valdobbiadene reicht er von den kahlen Höhen der Voralpen über die Hügel von Cartizze fast bis nach Venedig. Inmitten von Reben serviert die junge Wirtin Gerichte wie Spaghetti alla Chitarra con Gamberi e Carciofi (Spaghetti mit Garnelen und Artischocken) oder eine Piovra Arrostita con Polvere di Cappero su Crema di Peperoni (geröstete Krake mit Kapernpulver auf Peperoni-Creme). «Die unterschiedlichen Spielarten des Prosecco Superiore, vom Brut Nature bis zum Dry», meint sie, «passen nicht nur zur traditionellen Küche des Veneto, sondern sind auch hervorragende Begleiter für Meeresfrüchte. Und das Meer ist ja nur 50 Kilometer entfernt. Manchmal kann man es fast riechen.»

Hier aber, zu Füssen der Berge, in den Hügeln der 15 Gemeinden, in der Conegliano Valdobbiadene Prosecco Superiore DOCG produziert werden darf, dominiert seit Jahrhunderten die weisse Glera-Traube. Zum Schäumen wird sie durch die Metodo Martinotti gebracht, die zweite Vergärung im Drucktank, die vor 150 Jahren an der nahen Weinbauschule Conegliano entwickelt wurde. 
Jeder Schluck ist eine sinnliche Reise in das Ursprungsgebiet des Schaumweines: Nuancen von Blüten und Äpfeln, auch exotische Noten erinnern an die steilen Lagen von La Farra, grazile mineralische Komponenten an den Wasserfall, der neben der Mulino della Croda über die Felsen plätschert, und die geschmeidige Süsse eines Cartizze lässt uns mit seiner Opulenz an ein Gemälde von Tizian denken, der vor mehr als 500 Jahren im nahen Pieve di Cadore geboren wurde. 
Mehr als 3200 Bauernfamilien pflegen diese einzigartige Landschaft, die 2019 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben wurde. Natürlich nicht nur wegen ihrer landschaftlichen Schönheit, sondern auch wegen des reichen kulturellen Erbes: Villen reicher Venezianer, freskenverzierte Kirchen und Klöster findet man hier ebenso wie versteckte Wanderwege, Naturparks und – natürlich – 6000 Hektar Rebberge.

Bis zu 800 Arbeitsstunden pro Hektar sind erforderlich, bevor die Bauern das Resultat im Keller haben. Gerade in solchen Rebbergen, wie sie Alberto Sartori und sein Bruder Matteo besitzen. Alberto blinzelt in die nachmittägliche Herbstsonne und blickt hinunter auf seine Reben: Steil ist der Hang, die Pflanzen klammern sich in die kalkhaltige Erde in 400 Meter Meereshöhe in einer der höchsten Lagen des Gebietes. Im kleinen Keller des Gutes Valdoc Sartori in Santo Stefano entsteht dann daraus eine kleine, aber feine Auswahl an DOCG-Weinen: von einem Brut, der dem Urgrossvater gewidmet ist und Nono Moro heisst, über einen eleganten Extra Dry und einen Frizzante bis zu einem Perlwein und einem Stillwein. Der Perlwein wurde einst von den Winzern in der Flasche (sur lie) ein zweites Mal vergoren. Damit begann – lange vor der Vergärung im Drucktank – die Erfolgsgeschichte des heutigen Prosecco Superiore DOCG. Alberto pflegt diese Machart bis heute: La Tradizione heisst sein Perlwein passenderweise. «Mit dem Perlwein und auch einem Stillwein wollten wir den Menschen zeigen, was die Basis des Prosecco ist», schwärmt Alberto, «beide bringen das Terroir, die Mineralität der Böden zum Ausdruck.»

Etwas weiter südlich, in den ersten Hügeln, die sich im Süden des Anbaugebietes über Farra erheben, liegen einige der meistfotografierten Weinberge von Conegliano Valdobbiadene: ein natürliches Amphitheater aus Reben, oberhalb erheben sich die Türme von Credazzo, zu Füssen liegt die Ebene des Piave und in der Ferne erheben sich die Colli Euganei im Süden von Padua im herbstlichen Dunst. «In solchen Lagen gewinnen die Trauben ihre feinen Nuancen», erzählt uns Cristina Follador, die gemeinsam mit ihrer Familie das Gut Follador in Farra leitet, «das Gebiet von Conegliano Valdobbiadene hat unzählige Mikroklimata. Jeder Hügel, jeder Rebberg ist unterschiedlich.» Die Trauben sind dann Teil des Blends, die im Keller von Follador zu den unterschiedlichsten Ausdrucksformen eines Prosecco Superiore spumantifiziert werden: allen voran der hervorragende Extra Dry, klassisch und elegant interpretiert. 
Der Vielfalt des Gebietes tragen aber auch die Rive Rechnung: Die 43 Rive sind historisch eingetragene Bezeichnungen von Weilern und Ortsteilen in den Hügeln von Conegliano und Valdobbiadene. Stammen die Trauben aus einer dieser Lagen, dann darf die Bezeichnung der Rive auf dem Etikett aufscheinen. 

Noch über das Konzept der Rive hinaus geht die Kellerei Bortolotti in Valdobbiadene mit vier Einzellagen-Schaumweinen. «Jeder einzelne davon hat seinen eigenen Charakter, wie die Lagen aus denen sie stammen», erklärt Daniele D’Anni Bortolotti, «unser Cru Àltena stammt aus einem Rebberg im Westen des Anbaugebietes, die Böden sind aus Lehm, auch weissen Stein findet man, aus dem hier die Häuser und Ställe gebaut wurden; in Piai Alto ganz im Norden dominieren hingegen Meeresablagerungen und Mergel, in Castel de Donà in den Rive di Col S. Martino wiederum sind es lehmige und felsige Böden und in Montagnole Mergel und Kalk.» 

Montagnole und Àltena werden als Brut ausgebaut, Castel de Donà ist ein Brut Nature und Piai Alto ein Extra Dry. Zum Teil belässt die Familie Bortolotti die Lagenweine bis zu acht Monate auf der Hefe. «Die Weine können dadurch auch überraschend gut reifen», meint Daniele, «die Wahl der Hefe macht den Unterschied aus, besonders die Cremosità nimmt mit dem Alter zu.» 
Wie cremig ein Prosecco Superiore sein kann, beweist im Restaurant Salis gerade ein restsüsser Cartizze. Er stammt aus der gleichnamigen 108 Hektar grossen Grosslage, deren Rebberge sich unterhalb der Terrasse des Ristorante Salis ausbreiten. Während Wirtin Chiara passend zum Schäumer ein feinherbes Pistazientörtchen serviert, geniessen wir die warme Herbstsonne und den Blick auf eine malerische Landschaft, die schon Tizian und Co. animiert hat.

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