VINUM-Profipanel | Neuseeland

Down Under burgundisch

Text: Thomas Vaterlaus, Fotos: Linda Pollari

Sie ist die Sauvignon-Blanc-Insel. Über 60 Prozent der Rebberge in Neuseeland sind mit dieser Sorte bestockt. Zwar bietet heute auch der «Down Under»-Sauvignon mehr als Stachelbeeren in der Nase und «Sweet and Sour» im Gaumen. Doch wer den Inselstaat bereist, merkt schnell, dass es vor allem die Burgundersorten sind, welche die unterschiedlichen Terroirs und die französische Schule der Winzer am klarsten erkennen lassen. Viele geben ganz offen zu, dass sie den Sauvignon als Brotjob sehen, Herz und Leidenschaft gehören aber Chardonnay und Pinot Noir. Und tatsächlich: Bei diesen zwei Sorten gehört Neuseeland heute zur Weltklasse, wie unser VINUM-Profipanel eindrücklich beweist!  

Je differenzierter wir das Weinland Neuseeland betrachten, umso interessanter, ja verblüffender erscheint uns das, was hier heute abseits der Dominanz des Sauvignon Blanc geschieht. Dies gilt ganz besonders für den Chardonnay, der heute in ganz Neuseeland hervorragende Terroirweine von oft überraschender Geradlinigkeit und Frische hervorbringt. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass zwischen Auckland im vermeintlich warmen Norden der Nordinsel und Central Otago im vermeintlich kühlen Süden der Südinsel, wo sich die mitunter südlichsten Rebberge der Welt befinden (sie liegen näher an der Antarktis als die Anbaugebiete im argentinischen Patagonien), stolze 1000 Kilometer Luftlinie liegen. Doch die gängigen Klimaregeln für die Südhalbkugel mit Gleichungen wie «Norden – heisses Klima – füllige Weine» und «Süden – kühles Klima – elegante Weine» scheinen für den Chardonnay schlicht nicht zu gelten. Niemand beweist dies so eindrücklich wie die Brajkovich-Familie, bringt sie doch im mutmasslich warmen Auckland auf schweren Lehmböden die mithin finessenreichsten und filigransten Chardonnay-Crus von ganz Neuseeland in die Flaschen. In Central Otago dagegen, wo die Ernte oft mehr als einen Monat später stattfindet – eigentlich ein klarer Hinweis für ein «Cool Climate»-Terroir –, zeigen dafür viele Chardonnays eine überraschende Fruchtfülle. Der Grund liegt im ausgeprägt kontinentalen Klima in Central Otago, das eigentlich eine Halbwüste ist, mit Temperaturen von über 35 Grad im Spätsommer, rekordverdächtigen Sonnenstunden und hoher UV-Strahlung. In diesem extremen Klima gelingen nur bei voller Reife ausdrucksstarke Weine.

Pinot Noir im «Kiwi-Style»

Geht Chardonnay also fast überall in Neuseeland auf High-End-Niveau, so findet der Pinot-Boom vorwiegend in den Anbaugebieten Martinborough (auf der Nordinsel) sowie in Marlborough, Canterbury und Central Otago (alle auf der Südinsel) statt. Und während die Chardonnays oft in frappanter Weise an ihre hochkarätigen Vorbilder im Burgund erinnern, weisen die Kiwi-Pinots viel eher eine eigenständige «Down Under»-Stilistik auf. Im besten Falle zeigt sich diese in einer verführerischen Aromatik mit Himbeeren, Erdbeeren, Kirschen und Waldbeeren, gefolgt von einer samtigen Fruchtfülle im Gaumen, die aber von der typisch saftigbeschwingten Pinot-Säure perfekt aufgefangen wird. Gelingt dies, zeigen die Pinots einen vielschichtigen Charme, dem man sich nicht entziehen kann. Andererseits gibt es auch Gewächse, die ein bisschen «too much» wirken, mit fast konfitürig oder gekocht scheinender Aromatik und trocknendem Gerbstoff bei wenig Säure im Gaumen. Doch dies sind glücklicherweise Ausnahmen. In der Regel überzeugt der Pinot, und das nicht nur bei Selektionen der vielen Boutique-Wineries. Auch grössere Güter wie etwa Villa Maria oder Palliser Estate leisten Grossartiges bezüglich der zwei Burgundersorten.

Top-Crus aus Einzellagen

Und die Qualitätsreise der neuseeländischen Burgunder-Freak-Winzer ist noch lange nicht zu Ende. Es waren der Schweizer Winzer Georg Fromm und sein englischer Partner Johnny Wheeler, die schon vor 20 Jahren mit ihren Clayvin-Vineyard-Selektionen bewiesen haben, dass das Prinzip der Single-Vineyard-Crus in Neuseeland die gleiche Berechtigung hat wie im Burgund. Die Clayvin-Vineyard-Weine waren zudem die ersten Top-Crus aus den sogenannten Southern Valleys in Marlborough, die gezeigt haben, dass es gerade auch in dieser Sauvignon- Blanc-Hochburg Lagen gibt, in denen die Burgundersorten wesentlich mehr sein können als simples «Sweet and Sour» für jedermann. Kein Wunder, gelten doch die Single-Vineyard-Selektionen aus Chardonnay und Pinot heute als die neuseeländischen Referenzweine schlechthin. Weil es bezüglich der Pinots in Neuseeland allmählich in verschiedenen Anbaugebieten eher eine Spur zu warm als zu kühl ist, mutmassen nicht wenige, dass mittelfristig auch die Sorte Syrah neben dem Pinot Noir zur roten Leitsorte avancieren könnte. Doch dies ist noch Zukunftsmusik. Denn gegenwärtig sind in Neuseeland gerade mal winzige 440 Hektar mit der Rhônesorte bestockt. Immerhin: Tendenz steigend.

Die Jury

Von links nach rechts

Lidwina Weh Sommelière. Ihr Favorit: Pinot Noir 2018 von Palliser Estate in Martinborough.

Ulrich Holzer Weinhändler. Sein Favorit: Chardonnay Reserve 2017 von Lawson’s Dry Hills in Marlborough.

Stefano Giuliano Paolino Sommelier. Sein Favorit: Pinot Noir Bannockburn 2018 von Felton Road in Central Otago.

Hans Georg Babits Weinberater und Educator. Sein Favorit: Estate Chardonnay 2018 von Kumeu River in Auckland.

Ursula Geiger VINUM-Autorin. Ihr Favorit: Chardonnay 2017 von Dog Point Vineyard in Marlborough.

Paul Liversedge MW Consultant und Weinhändler. Sein Favorit: Pinot Noir 2017 von Burn Cottage Vineyard in Central Otago.

Thomas Vaterlaus VINUM-Chefredakteur. Sein Favorit: Pinot Noir Moonlight Race 2016 von Burn Cottage Vineyard in Central Otago.


«Die Chardonnays waren durchweg auf hohem Niveau, oft reduktiv ausgebaut, was mir persönlich gefällt, aber nicht von allen Konsumenten verstanden wird. Sehr positiv war der gekonnt moderate Holzeinsatz. Die Pinots waren als solche alle klar erkennbar, also sortentypisch, die Stilistik variierte zwischen Old-School-Burgund und kalifornischer Extravaganz. Ich denke, die typischen Neuseeländer liegen irgendwo dazwischen.»

Lidwina Weh Sommeliere, Wohlen


«Die Chardonnays zeigten sich frischer als viele Weine aus Australien, Südafrika oder Kalifornien. Beeindruckend war die Kombination von lebendiger Säure, eleganten Fruchtnoten und gut integriertem Eichenholz. Die Pinots scheinen mir sehr konsumentenfreundlich, mit viel rotbeeriger Frucht sowie mehr Wärme, Fülle und Reife als im Burgund. Am besten gefielen mir jene Crus, die gleichzeitig auch Temperament aufwiesen.»

Paul Liversedge MW Weinhändler, Consultant und Autor, Stallikon


 

«Vor allem beim Chardonnay zeigt sich das grosse Know-how der neuseeländischen Winzer. Obwohl die meisten Weine terroirbedingt einen Neue- Welt-Einfluss zeigen, ist klar, dass sich die Produzenten an der Burgunder Schule orientieren. Die Pinots wiesen eine grössere stilistische Vielfalt auf. Viele zeigten ihr warmes Klima mit eher niedriger Säure und viel Tannin. Meine Favoriten sind die frischeren Cool-Climate-Interpretationen.»

Stefano Giuliano Paolino Sommelier im Smith and de Luma, Zürich


 

«Ein grosses YES zu den Chardonnays aus Neuseeland. Geradlinig, trocken mit wohl dosiertem Holzeinsatz. Diese Weine machen richtig Spass und sind animierende Essensbegleiter. Die Pinots zeigen im Gegensatz zu jenen aus Europa mehr Fruchtsüsse und Fülle. Vielleicht spielt da die Nähe zu den asiatischen Märkten eine Rolle. Denn mit ihrer samtigen Opulenz harmonieren sie bestens mit pikanten und aromatischen Gerichten.»

Hans Georg Babits Académie du Vin, Zürich


 

«Die Degustation zeigte, dass es die neuseeländischen Winzer heute auch abseits des Sauvignon Blanc schaffen, eine eigene Stilistik ins Glas zu bringen. Mir gefielen jene Weine am besten, die nicht das Burgund im Visier hatten, mit früher Lese und entsprechend grünen Noten, sondern dem Ausdruck ihres Terroirs folgten, mit reifer Frucht und ausbalancierter Säure. Diese Crus verdienen das Prädikat eigenständig neuseeländisch.»

Ulrich Holzer Weinhändler, Scherzingen


 

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