Das coolste Getränk der Welt

Interview mit Oscar Farinetti

Interview: Christian Eder, Foto: z.V.g.

Oscar Farinetti hat sein Geld mit Elektrogeräten verdient und es dann in Kellereien und italienisches Essen investiert: Eataly ist heute weltweit ein fixer Begriff für qualitativ hochwertige Lebensmittel. Aber vor allem der Wein hat es dem Unternehmer angetan: Auf seinem Gut Fontanafredda in Serralunga d’Alba erzählte er uns von der grünen Renaissance im Weinbau und warum Poesie seine zweite Passion ist.

Oscar Farinetti, wie wird sich die Welt des Weins mit und nach COVID-19 verändern?

Ich denke, sehr stark: Man hat das zwar schon nach den Terroranschlägen vom 11. September und nach der Lehmann-Brothers-Pleite angenommen, aber im Endeffekt blieb alles beim Alten. Dieses Mal ändern wir uns: COVID-19 war und ist eine globale Krise. Sechs Milliarden Menschen, die zwei Monate zuhause bleiben – Alte, Junge, Linke und Rechte haben dadurch begonnen, nachzudenken, was nötig, was überflüssig und was der Unterschied zwischen beiden ist.

Und die Menschen wollen überflüssigen Ballast abwerfen?

Heute leben wir in einer Konsumgesellschaft: Ein Unternehmer hat eine Idee, eröffnet zumindest eine virtuelle Fabrik, schafft einen oder mehrere Arbeitsplätze, zahlt Lohn, der Konsum steigt. Diese Spirale hat bislang hervorragend funktioniert: Die Weltbevölkerung ist von einer auf acht Milliarden gewachsen. 20 Prozent der Bevölkerung schaffen 80 Prozent des BIP, sind also reich. Der Rest ist arm. Aber wir sind dadurch zu einer Überflussgesellschaft geworden, und das haben wir in den vergangenen Monaten gemerkt: Wir haben unsere Schränke geöffnet und entdeckt, dass wir Kleider bis ans Ende unserer Tage haben. Nicht nur das, auch Möbel, Essen und noch vieles mehr... 85 Prozent der Dinge, die wir uns leisten, sind «überflüssig». Die grösste Herausforderung in den nächsten Monaten und Jahren wird daher das Verwalten des Überflüssigen sein, sonst kollabiert unser System. Das Überflüssige muss zum Genuss, zum Wohlbefinden beitragen. Wein ist ein gutes Beispiel: Einst eine Notwendigkeit, ein wichtiger Teil der täglichen Kost. Heute ist der Wein kein Getränk mehr, das den Durst stillt oder Kraft gibt, sondern ein Luxusgut. Man fühlt sich besser, wenn man guten Wein trinkt – und man sollte nur guten und gesunden Wein trinken.

Guter und gesunder Wein heisst daher auch nachhaltig produzierter Wein?

Wir haben ein viel grösseres Problem als COVID- 19, das eines Tages in den Geschichtsbüchern nur ein paar Zeilen füllen wird: Der durch den Menschen verursachte Klimawandel wird Kapitel füllen. Die Landwirtschaft – und mit ihr der Weinbau – ist eine der wichtigsten Ursachen dieser klimatischen Veränderung. Wir müssen daher in Zukunft Wein produzieren, der nicht den Planeten schädigt. In spätestens 50 Jahren wird Biowein in Europa Standard und somit Teil einer grünen Renaissance sein. Daher brauchen wir auch für den Wein neue, echte Worte. Worte, die seine ganze Geschichte, seine Besonderheit erzählen. Und das kann man nur mit Erfahrung und Wissen: Seit 13 Jahren, seit ich Fontanafredda und Borgogno gekauft habe, studiere ich Wein, um mehr über ihn zu erfahren.

Wie?

Natürlich indem ich viel lese, aber vor allem die Leute besuche, die viel wissen: Angelo Gaja oder Bruno Ceretto zum Beispiel. Experten wie Professor Attilio Scienza, die Önologen Donato Lanati oder Beppe Caviola – der Executive Winemaker in all meinen Kellereien – das sind meine Quellen. Und ich trinke natürlich auch gerne Wein – Sangiovese, Nerello Mascalese und natürlich Nebbiolo... Mit Borgogno, Fontanafredda und Mirafiore sind drei grosse Barolo- Marken in unserem Besitz. Alleine auf Fontanafredda können wir aus dem Vollen schöpfen: La Rosa, Lazzarito oder Paiagallo sind einzigartige Reblagen. Das wussten schon die Alten: Serralunga d’Alba war immer als das Maximum beim Nebbiolo anerkannt, die Vereinigung der Eigenschaften von Barolo di Barolo und Barolo aus Monforte d’Alba. Eleganz und Potenz. Cesare Pavese hat geschrieben: «Il Barolo è il vino per far l’amore nelle giornate d’inverno, ma sono cose che solo le donne capiscono.» Barolo ist der Wein, um an Wintertagen Liebe zu machen. Aber nur die Frauen verstehen das. Die Franzosen haben diesen Zusammenhang viel schneller begriffen als wir und haben Champagner zum Schaumwein für besondere Momente gemacht. Sie haben das Getränk mit Gefühlen verbunden. Aber wir sind ihnen auf den Fersen.

«Cesare Pavese hat geschrieben: Barolo ist der Wein, um an Wintertagen Liebe zu machen. Aber nur die Frauen verstehen das.»

Welchem Wein bringen Sie die meisten Gefühle entgegen?

Barolo. Aber ich liebe auch Tocai, deshalb ist die friulanische Kellerei Le Vigne di Zamò zu hundert Prozent im Besitz von Fontanafredda. Gerade diese persönlichen Vorlieben wirken sich auch auf Neuerwerbungen aus: Il Colombaio di Cencio im Gebiet des Chianti Classico in Gaiole in Chianti habe ich gekauft, weil ich Sangiovese in purezza schätze. Ich mag aber auch Nerello Mascalese am Ätna: Zwei Jahre haben wir deshalb gesucht, bis ich in Castiglione di Sicilia Rebberge mit mehr als hundert Jahre alten Alberelli erworben habe. Die neue Tenuta Carranco ist eine Zusammenarbeit unseres Betriebes Borgogno, der 60 Prozent besitzt, mit dem am Ätna tätigen Winzer Francesco Tornatore. Wir haben aber auch Kooperationen, bei denen wir die Hälfte (Serafini & Vidotto in Nervesa della Battaglia/Veneto) oder auch nur ein Drittel der Anteile besitzen (beim Franciacorta- Produzenten Monterossa). Es ist für mich wichtig, dass man nicht immer und überall kommandieren will. Das war das grundlegende Problem meines Freundes Matteo Renzi, als er an der Regierung war... Im Gegensatz zu ihm akzeptiere ich das Leadership anderer Personen, wenn sie besser sind als ich. Italien besitzt 55 UNESCO-WeltkulturerbeStätten, mehr als jedes andere Land der Welt. Bei uns findet man 70 Prozent der gesamten antiken Kunst weltweit. Wir haben eine riesige Biodiversität. Aber uns fehlen die sentimenti – die Gefühle – und die Leute, die sie rüberbringen. Grosse Unternehmer gibt es mehr als genug, aber in der Politik hapert’s. Da setze ich meine ganze Hoffnung in die heute 20- bis 30-Jährigen. Ich bin überzeugt, dass aus dieser neuen Generation wieder Politiker hervortreten, denen die Menschen vertrauen – wie einst Lorenzo de’ Medici, Il Magnifico

In Ihrem Buch über die menschlichen Gefühle – «Breve storia dei sentimenti umani» – war Ihnen das Vertrauen ganz wichtig...

Als Kind in den 60er Jahren ging ich immer Milch kaufen und anstelle zu bezahlen, schrieb der Krämer in ein schwarzes Buch: Farinetti, so und so viel Lire, und meine Grossmutter bezahlte die Summe Ende des Monats. Das war Vertrauen. Heute hingegen haben wir zumindest in Italien das Problem, dass wir Schlüsselpositionen in der Politik Leuten übergeben, denen wir von vornherein nicht trauen.

Sie haben 14 Bücher verfasst, unter anderem «Ricordiamoci il futuro» (Erinnern wir uns an die Zukunft), «Quasi» (Über die menschliche Imperfektion), «Dialogo tra un cinico e un sognatore» (Dialog zwischen einem Zyniker und einem Träumer, mit Pier Giorgio Odifreddi)... Ihr jüngstes Werk «Serend!pity» ist gerade erschienen und ging in den italienischen Verkaufslisten an die Spitze. Wie wichtig ist Ihnen dieser Teil Ihres Lebens?

Ich liebe es, zu schreiben! Vor allem Poesie. Es ist meine Leidenschaft, aber auch mein Hobby – statt Briefmarkensammeln oder Tennisspielen. Die Zeit vergeht mir dabei wie im Flug. Was hilft ist, dass ich keine Gewohnheiten habe: Ich halte Gewohnheiten für eine der schlimmsten Dinge im Leben. Schon allein jeden Tag zurselben Zeit aufzuwachen, ist schrecklich. Oder wie kann man in einem Restaurant das «Übliche » bestellen, wenn man in einem der an Biodiversität reichsten Länder der Welt lebt? Ich habe geschrieben, solange ich denken kann: 50 Bücher, glaube ich, die meisten sind nie erschienen. Poesie, Romane... In «Serend!pity» geht es um 50 Erfolgsstorys, die zufällig entstanden sind. Daher auch der Name Serend!pity: glücklicher Zufall.

Ihre bisherigen Bücher sind zuerst in Italien erschienen, beim nächsten ist das anders...

Mein nächstes Buch wird «Never Quiet» heissen und Ende 2021 in einem amerikanischen Verlag erscheinen. Es ist eine Autobiografie, aber nicht von mir erzählt – ich hasse es, über mich zu sprechen: «Never Quiet» schreibt eine Schimäre, die auf meiner Schulter sitzt. Sie hat schon 60 000 Wörter geschrieben. Das ist rund die Hälfte des gesamten Buches.

Und wie sieht es mit neuen Projekten im Weinbau aus? Fehlt noch etwas in Ihrem Portfolio?

Mit dem Ätna und dem Chianti Classico sind wir in den grossen Weinbauregionen Italiens – und Piemont, Toskana, Friuli Venezia Giulia und Sizilien – vertreten und haben Partnerschaften in anderen Zonen. Natürlich wird uns momentan eine ganze Reihe von Kellereien angeboten, aber für die nächsten vier, fünf Jahre sind wir zufrieden. Und still und leise wachsen wir auch: Zum Beispiel haben wir mit Borgogno im Valle Asinari in 15 Hektar Barbera investiert und ebenfalls 15 Hektar auf dem umfasst heute 60 Hektar. Auch Fontanafredda erstreckt sich mit seinen Besitzungen inzwischen auf mehr als 300 Hektar. Unser Ziel ist ein Netzwerk mit einem grossen Wein aus jeder der wichtigen Regionen Italiens: biologisch produziert aus autochthonen Rebsorten und als eine Interpretation des Terroirs, um der Welt italienische Biodiversität anzubieten. Speziell das Piemont hat gigantische Fortschritte gemacht. Nach dem Burgund und Bordeaux sind die Langhe die dritte Heimat grosser Weine. Die Langhe produzieren heute 20 Millionen Flaschen Barolo und Barbaresco und dazu kommen dann noch Nebbiolo, Barbera, Dolcetto... Aber wir haben noch viel Potenzial: Der Weinbau setzt heute weltweit zwischen 60 und 80 Milliarden Euro um, aber allein Coca-Cola macht 110 Milliarden Umsatz. Wir Weinproduzenten haben allerdings den grossen Vorteil, dass zwei Drittel der Welt – noch – keinen Wein trinken. In den nächsten 50 Jahren wollen wir daher den grössten Teil vom Wein überzeugen, Wein ist schliesslich La bevanda più figa del mondo (auf Deutsch: das coolste Getränk der Welt).

Und wie sieht es mit neuen Projekten im Weinbau aus? Fehlt noch etwas in Ihrem Portfolio?

Mit dem Ätna und dem Chianti Classico sind wir in den grossen Weinbauregionen Italiens – und Piemont, Toskana, Friuli Venezia Giulia und Sizilien – vertreten und haben Partnerschaften in anderen Zonen. Natürlich wird uns momentan eine ganze Reihe von Kellereien angeboten, aber für die nächsten vier, fünf Jahre sind wir zufrieden. Und still und leise wachsen wir auch: Zum Beispiel haben wir mit Borgogno im Valle Asinari in 15 Hektar Barbera investiert und ebenfalls 15 Hektar auf dem umfasst heute 60 Hektar. Auch Fontanafredda erstreckt sich mit seinen Besitzungen inzwischen auf mehr als 300 Hektar. Unser Ziel ist ein Netzwerk mit einem grossen Wein aus jeder der wichtigen Regionen Italiens: biologisch produziert aus autochthonen Rebsorten und als eine Interpretation des Terroirs, um der Welt italienische Biodiversität anzubieten. Speziell das Piemont hat gigantische Fortschritte gemacht. Nach dem Burgund und Bordeaux sind die Langhe die dritte Heimat grosser Weine. Die Langhe produzieren heute 20 Millionen Flaschen Barolo und Barbaresco und dazu kommen dann noch Nebbiolo, Barbera, Dolcetto... Aber wir haben noch viel Potenzial: Der Weinbau setzt heute weltweit zwischen 60 und 80 Milliarden Euro um, aber allein Coca-Cola macht 110 Milliarden Umsatz. Wir Weinproduzenten haben allerdings den grossen Vorteil, dass zwei Drittel der Welt – noch – keinen Wein trinken. In den nächsten 50 Jahren wollen wir daher den grössten Teil vom Wein überzeugen, Wein ist schliesslich La bevanda più figa del mondo (auf Deutsch: das coolste Getränk der Welt).

Sie fürchten sich nicht vor der weltweiten Konkurrenz?

Trauben gibt es in einer bestimmten geografischen Breite überall, China wird sicher ein wichtiger Player werden. Aber auch wenn Italien oder Frankreich quantitativ nur mehr der fünfte und sechste Produzent für Wein weltweit sein werden, machen wir immer noch die qualitativ hochwertigsten Weine. Es sind Luxusmarken und genau das ist unsere Zukunft: grosse Weine zu produzieren, die man teuer verkauft. Und dass wir dazu auch den gesündesten Wein der Welt keltern, darauf müssen wir hinarbeiten.

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