Generationenwechsel

…Erbe sein dagegen nicht mehr

Text: Harald Scholl, Fotos: Peter Bender, z.V.g.

Wenn ein Weingut die Generation wechselt, klingt das oft nach Drama. Das geflügelte Wort von «Erben ist nicht schwer, Erbe sein dagegen sehr» ist ein gern herangezogenes Bonmot dazu. Aber manchmal geschieht das Gegenteil: Ein Vater bleibt, eine Tochter übernimmt, ein Sohn verändert – ohne Aufsehen, ohne Groll. Und plötzlich sind die Weine präziser, die Botschaft ist klarer. Sechs Beispiele dafür, wie Wandel klingen kann, wenn er im Takt der Familie geschieht.

Generationenwechsel sind im Weinbau keine Seltenheit, eher die Regel. Trotzdem sind sie aber selten unkompliziert. Wo Familienbetriebe seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten bestehen, treffen Erfahrung und Erneuerungsdrang, Vertrauen und Verantwortung unmittelbar aufeinander. Studien der Hochschule Geisenheim zeigen, dass sich fast ein Drittel aller geplanten Betriebsübergaben im deutschen Weinbau verzögern oder sogar in Teilen scheitern – meist nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus persönlichen Gründen. Umso bemerkenswerter sind jene Fälle, in denen der Wechsel fast lautlos gelingt: ohne Konflikt, ohne Bruch, ohne Eitelkeit. Eine neue Generation übernimmt, die alte bleibt präsent – und gemeinsam schaffen sie etwas, das grösser ist als beide für sich genommen. In dieser stillen Form des Wandels steckt vielleicht das eigentliche Geheimnis nachhaltigen Erfolgs: das Gleichgewicht zwischen Kontinuität und Veränderung. Manche dieser Übergaben sind so unaufgeregt, dass sie ausserhalb der Weinwelt kaum bemerkt werden. Und gerade das macht sie so interessant. In Gimmeldingen, Ihringen, Leiwen, Monzingen, Würzburg und Stetten zeigen sechs Familien, dass der leise Weg oft der erfolgreichere ist – weil er auf Vertrauen basiert und nicht auf Inszenierung.

Von Töchtern und Vätern

Kaum eine Übergabe im deutschen Weinbau verlief so unspektakulär und war zugleich so wegweisend wie jene bei Christmann in Gimmeldingen. Steffen Christmann, seit Jahrzehnten Synonym für Pfälzer Präzision, Biodynamie und eine kompromisslos auf Herkunft fokussierte Stilistik, hatte nie das Bedürfnis, seine Nachfolge gross zu inszenieren. Es geschah einfach. Tochter Sophie trat nach Lehrjahren im Burgund und in Südafrika 2017 in den Betrieb ein, 2018 wurde sie Mitinhaberin, und heute steht ihr Name gleichberechtigt neben dem des Vaters auf Etikett und Website. Beide führen Keller und Weinberge gemeinsam, und genau diese partnerschaftliche Konstellation ist das Erfolgsgeheimnis. Sophie Christmann brachte dabei nicht den Bruch, sondern die Nuance: eine leise, moderne Handschrift, die das Beste aus Tradition und Neugier verbindet. Die Rieslinge wirken noch feiner in der Säureführung und präziser in der Textur, die Spätburgunder sind eleganter, kühler und weisen reduzierteren Holzeinsatz auf. Der Betrieb blieb seiner Linie treu, doch die Akzente verschoben sich – vom Ausdruck zur Essenz. Auch kommunikativ hat sich das Bild verändert: offener, weiblicher, internationaler, ohne an Ernsthaftigkeit zu verlieren. Dass Vater und Tochter dabei so selbstverständlich agieren, ist kein Zufall. Steffen Christmann, selbst lange Jahre Präsident des VDP, betont gern, dass das gemeinsame Arbeiten «keine Frage der Macht, sondern der Haltung» sei.

«Wir führen nicht neu, wir führen weiter.»

Sophie Christmann

Sophie Christmann formuliert es knapper: «Wir führen nicht neu, wir führen weiter.» Dieses Miteinander brachte dem Duo schon 2021 den Titel «Winzer des Jahres» im «VINUM Weinguide Deutschland» ein – eine Auszeichnung, die kaum besser zum Thema passt. Denn wo andere Generationenwechsel von Symbolik begleitet sind, herrscht in Gimmeldingen einfach Normalität. Und vielleicht ist gerade das die eigentliche Stärke: Evolution ohne Eitelkeit.

Ganz ähnlich verlief die Entwicklung auch knapp 200 Kilometer weiter südlich, am Ihringer Winklerberg, wo die Reben in der Nachmittagssonne fast in die Vogesen blicken. Hier steht der Name Heger seit Generationen für badische Beständigkeit. Joachim Heger hat das 1935 gegründete Familienweingut zu einem der bekanntesten Betriebe des Landes gemacht – mit einer Stilistik, die Frucht, Tiefe und Struktur perfekt austariert. Seit 2020 arbeiten seine beiden Töchter, Katharina und Rebecca, fest im Betrieb. Rebecca verantwortet den Keller, Katharina kümmert sich um Vertrieb und Kommunikation. Offiziell ist Joachim Heger noch Inhaber – praktisch aber ist der Übergang längst vollzogen, Schritt für Schritt, ohne Bruch, ohne die sonst so gern bemühten Symbole des Generationenwechsels. Diese Selbstverständlichkeit wird auch im «VINUM Weinguide Deutschland 2026» dokumentiert: Dort zeigt das Betriebsfoto Vater und Tochter gemeinsam im Keller – eine Momentaufnahme, die sinnbildlich für den Zustand des Hauses steht. Rebecca Heger ist präsent, selbstbewusst, aber ohne Gestus der Ablösung. Joachim Heger bleibt sichtbar, beratend, verbindend. So entsteht eine Form von Kontinuität, die keine Bühne braucht. Im Keller zeigt sich die Handschrift der jungen Generation zunehmend deutlich: Weissweine mit mehr Frische und Transparenz, Spätburgunder, die etwas kühler, spannungsgeladener und feiner gewoben sind. Die Kaiserstuhl-Typizität bleibt, doch die Weine wirken klarer, moderner, mit einer inneren Ruhe. Auch kommunikativ verändert sich der Betrieb: eine jüngere Tonalität, mehr Offenheit, eine gelassenere Präsenz nach aussen. «Es geht nicht darum, etwas neu zu erfinden, sondern weiterzudenken», sagt Rebecca Heger. Und Joachim ergänzt: «Es ist ein Glück, wenn man Verantwortung teilen kann.» Dass diese Sichtweise trägt, zeigen die Bewertungen, und auch die Wahrnehmung unter den Kollegen im In- und Ausland, die Dr. Heger als beispielhaft nennen, wenn es um einen modernen, unaufgeregten Generationenwechsel geht, macht dies deutlich. Der Wein bleibt dabei, was er immer war: konzentriert, kraftvoll, elegant – nur mit einem anderen Licht im Glas.

Väter und Söhne ohne Eitelkeiten

Es gibt Generationenwechsel, die klingen nach Marketing, und solche, die einfach geschehen. Beim Weingut Carl Loewen an der Mosel war es Letzteres. Als Christopher Loewen 2015 offiziell in den Betrieb einstieg, geschah das ohne Paukenschlag – und doch veränderte sich alles. Vater Karl-Josef, der das Gut über Jahrzehnte zu einem der profiliertesten Rieslinghäuser der Mosel gemacht hatte, überliess dem Sohn nicht nur die Verantwortung, sondern gab ihm sein Vertrauen.

«Es ist ein Glück, wenn man Verantwortung teilen kann.»

Joachim Heger

Beide eint ein geradezu instinktives Verständnis für die alten Weinberge in Leiwen und Longuich, in denen Rebstöcke wurzeln, die oft über hundert Jahre alt sind. Christopher Loewen brachte eine neue Energie mit: mehr Zeit auf der Maische, konsequent spontane Gärung, keine Reinzuchthefen, minimale Eingriffe im Keller. Die Weine wurden dadurch nicht anders, sondern tiefer. Sie sprechen dieselbe Sprache wie die seines Vaters – nur mit klarerer Artikulation. Besonders die trockenen Rieslinge erhielten eine neue Strahlkraft: weniger poliert, aber präziser, mit jener feinen Bitterkeit, durch die sich grosse von guten Moselrieslingen unterscheiden. In der Fachwelt blieb das nicht unbemerkt. VINUM kürte Carl Loewen 2018 zur «Kollektion des Jahres», internationale Magazine wie «Decanter» oder «Wine Spectator» zählen das Gut seither zu den wichtigsten Stimmen einer neuen Moselgeneration.

Was den Übergang so geräuschlos machte, war die völlige Abwesenheit von Eitelkeit. Karl-Josef Loewen blieb präsent, doch nie dominant. Der Sohn durfte ausprobieren, verändern, verwerfen. Heute sind beide im besten Sinne Komplizen – einer, der bewahrt, und einer, der weiterführt. Der Lohn: Weine, die aus der Zeit gefallen wirken, ohne altmodisch zu sein.

Wer den Blick von der Mosel an die Nahe richtet, findet ein ähnlich stilles Bild. In Monzingen an der mittleren Nahe geschieht Wandel traditionell leise. Das gilt auch für die Übergabe bei Emrich-Schönleber, einem der stillsten und zugleich beständigsten Spitzenbetriebe Deutschlands. Vater Werner Schönleber, der das Weingut in den 1980er Jahren an die Spitze führte, steht bis heute täglich im Weinberg und Keller. Sein Sohn Frank, seit Mitte der 2000er Jahre im Betrieb, ist längst die prägende Kraft – aber ohne, dass je eine «offizielle » Übergabe verkündet wurde. Dass sich nirgendwo ein Datum dafür findet, ist kein Zufall, sondern Programm. Hier wurde Verantwortung nicht übergeben, sondern geteilt.

Frank Schönleber hat die Stilistik seines Vaters nicht verändert, sondern verfeinert: noch mehr Präzision, noch mehr Transparenz, eine fast kristalline Definition der Lagen. Die Rieslinge von Halenberg, Frühlingsplätzchen oder Auf der Lay sind von makelloser Klarheit und zugleich Ausdruck eines feinen Generationenverständnisses: Vertrauen als Kontinuität. Die Umstellung auf sanftere Pressprogramme, längere Hefelagerung und selektivere Handlese erfolgte schrittweise – sichtbar, aber nie laut. In den letzten Jahren haben die Weine an Spannung und Tiefe gewonnen, ohne ihre klassische Balance zu verlieren. Bemerkenswert ist auch die familiäre Selbstverständlichkeit, mit der hier gearbeitet wird. Werner Schönleber entscheidet nach wie vor bei den Cuvetierungen mit, verkostet jedes Fass, und doch liegt die kreative Regie längst bei Frank. Beide sprechen dieselbe Sprache, nur in unterschiedlichem Tempo. Dass auch internationale Kritiker wie der «Wine Advocate» oder James Suckling das Weingut inzwischen regelmässig in der absoluten Spitze Deutschlands verorten, ist also kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines Übergangs, der nie Schlagzeile war – und gerade deshalb so vorbildlich wirkt.

Laufende Prozesse

Es gibt kaum ein Weingut, das so sehr für Aufbruch und Haltung steht wie das Weingut Am Stein in Würzburg. Ludwig und Sandra Knoll haben den Betrieb in den letzten drei Jahrzehnten zu einem Symbol moderner, nachhaltiger Weinmacherei gemacht – biodynamisch, kompromisslos, weltoffen. Inzwischen rückt mit Tochter Antonia und ihrem Mann Marius Knoll-Rau die nächste Generation nach.

Formell ist die Übergabe noch nicht vollzogen, faktisch jedoch längst Realität: Marius leitet den Aussenbetrieb und seit Kurzem auch den Keller, Antonia verantwortet Kommunikation, Events und das überregional bekannte Festival Wein am Stein, das sie behutsam zu einer Marke im eigenen Recht ausgebaut hat. Im «VINUM Weinguide Deutschland 2026» ist das auch sichtbar: Dort wird Ludwig Knoll nach wie vor als Inhaber, Schwiegersohn Marius Knoll-Rau aber als verantwortlich für Aussenbetrieb und Keller geführt – erstmals, wenn die Datenbank des «Weinguides» nicht täuscht. Und auch das Betriebsfoto zeigt jetzt die gesamte Familie: Ludwig, Sandra, Marius, Vinzenz und Antonia – ein deutliches Zeichen, dass die nächste Generation sichtbar Verantwortung übernommen hat und gesehen werden soll. Dieser Wechsel geschieht akustisch leise, aber er ist spürbar. Marius Knoll-Rau arbeitet im Keller selbstverständlich noch mit Unterstützung seines Schwiegervaters, aber der Umgang mit grösserem Holz und längeren Hefelagerzeiten sowie die Experimentierweise mit Amphoren und offenen Gärständern scheint er ein wenig anders zu interpretieren.

Die Weine wirken aktuell offener, spannungsreicher, weniger auf Frucht, mehr auf Textur und Herkunft fokussiert. Auch hier ist der «Weinguide» ein gutes Indiz: Platz 3 bei den besten Silvanern des Jahres bei insgesamt 438 verkosteten Weinen ist wirklich nicht schlecht. «Läuft», wie es die jungen Leute sagen. Und Antonia Knoll-Rau verleiht dem Haus zugleich ein neues kommunikatives Gesicht: klar, modern, mit Gespür für Ton und Timing. An der Philosophie ändert das nichts – die Knolls bleiben Verfechter eines ganzheitlichen Weinverständnisses, das Boden, Mensch und Kultur als Einheit begreift. Dass sich dennoch etwas bewegt, zeigt ein Blick in die Bewertungstabellen: Im «VINUM Weinguide Deutschland 2025» wurde das Weingut auf 4,5 Sterne aufgewertet – ein klarer Beleg dafür, dass Qualität, Dynamik und Aussenwahrnehmung im Gleichschritt steigen. Kollegen internationaler Fachmedien sehen das Weingut Am Stein inzwischen als Referenz für den modernen, biodynamischen Silvaner-Stil, der von Generation zu Generation an Klarheit gewinnt. Der Erfolg hat nichts mit Lautstärke zu tun – er ist das Resultat eines respektvollen, gemeinsamen Weiterdenkens.

Im Gegensatz dazu hätte man meinen können, dass der Generationenwechsel in Stetten im Remstal laut verlaufen würde. Denn Moritz Haidle war nie der Typ für halbe Sachen: Skater, Graffiti-Künstler, Hip-Hop-Produzent – ein Individualist mit klaren Ideen. Doch als er 2014 den Familienbetrieb übernahm, blieb es erstaunlich still. Die Geschichte der Haidles ist ohnehin keine Zweier-, sondern eine Dreier-Erzählung: Grossvater Karl gründete das Weingut 1949, legte das Fundament für terroirgeprägte, ehrliche Weine, als Württemberg noch vom Trollinger dominiert war. Vater Hans führte es ab den 1980er Jahren in die Qualitätselite des Landes, mit klarer Linie, klassischem Ausbau und einer neuen Ernsthaftigkeit beim Lemberger. Und Moritz? Der führt fort, was beide begonnen haben – auf seine Weise.

«Eigentlich war Opa schon biodynamisch, nur wusste er es nicht.»

Moritz Haidle

Er spricht oft davon, wie der Grossvater Wein machte: spontan vergoren, im Holzfass ausgebaut, mit Geduld statt Technik. «Eigentlich war Opa schon biodynamisch, nur wusste er es nicht», sagt Moritz Haidle. In diesem Geist hat er den Betrieb konsequent modernisiert – und zugleich zurückgeführt. Seit 2020 ist Haidle Mitglied bei respekt-BIODYN. Die Weine zeigen eine neue Präzision, Klarheit und Tiefe: puristisch, kantig, aber nie laut. Selbst das Etikettendesign hat Moritz bewusst an die Entwürfe seines Grossvaters angelehnt – eine Hommage an die Herkunft, in reduzierter Typografie und gedeckten Farben. Er sagt dazu: «Ich wollte, dass die Flasche aussieht, wie sich unsere Weine anfühlen – ehrlich, unaufgeregt, mit Geschichte.» Dass dieser Wandel ohne jede familiäre Spannung möglich war, bleibt bemerkenswert. Hans Haidle vertraute, der Sohn übernahm, der Geist des Grossvaters blieb spürbar. Beim VINUM Rotweinpreis 2025 war Moritz Haidle gleich doppelt erfolgreich: Mit seinen beiden Lembergern belegte er Platz 1 und 3 in der Kategorie Lemberger – ein seltener Doppelerfolg, der zeigt, wie sich handwerkliche Konsequenz und familiäre Kontinuität verbinden können. Heute steht das Weingut als Symbol dafür, dass Wandel keine Lautstärke braucht, sondern Haltung – und dass Herkunft dann lebendig bleibt, wenn sie weitergedacht wird.

In der Ruhe liegt die Zukunft

sie keine lauten Geschichten erzählen. Es gibt keine grossen Feierstunden, kein Pathos. Stattdessen: Vertrauen, Respekt und die Gewiss- 1 2 heit, dass Wandel dann gelingt, wenn man ihn nicht erzwingt. Ob in der Pfalz, an der Mosel, der Nahe, im Kaiserstuhl, in Franken oder im Remstal – überall dort, wo die nächste Generation ohne Bruch übernimmt, entstehen Weine, die präziser, transparenter und charaktervoller wirken als zuvor. Vielleicht, weil hier nicht nur Verantwortung weitergereicht wurde, sondern Haltung. Auffällig ist, dass sich die erfolgreichsten Übergaben durch ein ähnliches Muster auszeichnen: schrittweise Einbindung, gemeinsame Entscheidungen, kein Machtvakuum. Die ältere Generation bleibt präsent, die jüngere setzt neue Akzente – im Keller, in der Kommunikation und in der Wahrnehmung. In einer Branche, die so stark auf Persönlichkeit und Kontinuität baut, ist das mehr als ein betriebswirtschaftlicher Prozess: Es ist Kulturpflege. Vielleicht liegt gerade darin die Zukunft des deutschen Weinbaus: nicht in der lauten Revolution, sondern in der stillen Weitergabe von Überzeugungen. In Gimmeldingen, Ihringen oder Stetten zeigt sich, dass die leisesten Wechsel oft die nachhaltigsten sind – weil sie nicht nur den Betrieb verändern, sondern das Verständnis von Familie, Verantwortung und Herkunft selbst.