Interview mit Andreas Thiel

Der mit dem Wort tanzt

Text und Fotos: Nicolas Greinacher

Andreas Thiel gilt vielen als scharfzüngiger Satiriker. Dass hinter dem wortgewandten Provokateur auch ein äusserst versierter und leidenschaftlicher Weinliebhaber steht, zeigt sich erst auf den zweiten Blick. Ein Gespräch über Wein und die Welt.  

Herr Thiel, welche Weinregion ist Ihnen über die Jahre besonders ans Herz gewachsen und warum gerade diese?

Der französische Jura. Diese Region hat mich schon in den 1980er Jahren gepackt. Einmal kostete ich bei zwei weinaffinen Tanten den in Vergessenheit geratenen Vin Jaune. Damals begann ich, Philosophie mit Genuss zusammenzubringen und unternahm mit Freunden erste Weinreisen ins Burgund und das Rhônetal. Der Rückweg führte dann jeweils durch den Jura. Mit meinem kleinen Budget konnte ich in dieser vergessenen Region sensationelle Weine kaufen. Der Jura hatte einst Weine für Könige produziert. Die Region war noch reich an Tradition, Wissen und Handwerk, aber kaum mehr bekannt. Genau das faszinierte mich. Dort gab es alte, erfahrene Winzer, die in keinem Weinführer erwähnt wurden und doch auf wahren Schätzen sassen, wie etwa Camille Loye, von welchem wir hier zusammen diesen Chardonnay aus dem Jahr 1985 trinken. Diese ausgeprägte Bodenständigkeit schätze ich auch heute noch am Jura und seinen Menschen.

Was für eine Bedeutung hat Wein bei Ihnen jenseits des Geschmacks, und gehört für Sie auch das Drumherum untrennbar dazu?

Das Fantastische am Wein ist, dass er viele Aspekte des Lebens in sich vereint. Wein bedeutet Zeit, Freundschaft, Genuss, Gespräch, Philosophie, Literatur und Geselligkeit. Er hat nichts Hektisches. Im besten Sinn ist Wein Kultur. Ein guter Wein gewinnt mit der Zeit, und mit einem guten Wein gewinnt der ganze Moment. Man spürt den Unterschied, ob man ein Picknick mit Paprikachips und Dosenbier macht oder ob man eine Wurst vom Dorfmetzger grilliert und dazu eine feine Flasche Wein entkorkt. Zum Weingenuss gehört auch das Beschaffen: Eine Weinregion zu bereisen, Zeit mit inspirierenden Winzern in ihren alten Kellern zu verbringen, ein paar Flaschen die Kellertreppe hochzutragen und sie später im eigenen Keller wiederzufinden, all das ist für mich Teil der Weinkultur. Solche Weine sind keine blossen Getränke. Sie verdichten einen Augenblick. Wenn Wein und Situation passen, nehme ich gerne einen grossen Schluck.

«Ein guter Wein gewinnt mit der Zeit, und mit einem guten Wein gewinnt der ganze Moment.»

Sie haben den Faktor Zeit angesprochen. Welche Rolle spielt Zeit für Sie in der Weinkultur, und warum lässt sich Zeit weder im Genuss noch in der Herstellung ersetzen?

Zeit ist für mich ein Grundelement der Weinkultur. Spitzenwein bedingt nicht nur Reife, sondern auch einen Rahmen, der ihm entspricht. An einem Networking-Apéro ist Wein für mich das falsche Getränk, dort passt eher ein Gin Tonic. Wein verlangt nach Ruhe und einer Situation, die ihn trägt. Ich trinke Wein lieber an einem knisternden Kaminfeuer oder einem gedeckten Tisch mit gutem Essen und Freunden als in einem Festzelt. Zeit prägt aber nicht nur den Moment des Trinkens, sondern auch den Wein selbst. Man kann ihn chemisch analysieren und technisch bändigen, aber Reife lässt sich nicht fälschen. Genau darin liegt sein Wert. Das ist wie bei der Kunst. Ein Werk von Rembrandt nachzumachen, ist nicht nur eine Frage des Könnens, sondern auch der Zeit, die darin steckt. Gerade deshalb ist echte Qualität so schwer kopierbar. Wer auf das Schnelle aus ist, auf den raschen Gewinn oder Genuss, scheitert am Faktor Zeit.

Was macht Wein für Sie zu einem inspirierenden Kulturgut, und ab wann wird er zur Karikatur seiner selbst?

Inspirierend wird Wein für mich dort, wo er wirklich Ausdruck eines einmaligen Moments ist. Wenn wir wie gerade jetzt einen 1985er Chardonnay aus dem französischen Jura trinken, dann geniessen wir die Sonne von 1985, die Niederschläge von 1985, sozusagen das Klima dieses Jahres an jenem Ort. Genau das fasziniert mich am Wein. Er bewahrt etwas, das sich nicht wiederholen lässt. Und bei einem Winzer, der auf Reinzuchthefen verzichtet und die Natur mitkeltern lässt, hat auch jedes Fass seine eigene Prägung. Diese Individualität ist für mich der eigentliche kulturelle Wert des Weins. Zur Karikatur wird Wein dort, wo er versucht, solche Einmaligkeit technisch nachzuahmen. Sobald ein Wein unter Ausschluss der Natur hergestellt wird, wird er zur Kopie. Es entsteht bestenfalls ein geniessbares Imitat. Das kann handwerklich solide sein, bleibt für mich aber eine Karikatur. Ein guter Winzer ist für mich deshalb einer, der jedes Jahr einen anderen Wein macht und auch innerhalb eines Jahrgangs je nach Fass Unterschiede zulässt.

Welche Rolle spielt für Sie das Weinglas, und wie wichtig ist dabei das Zusammenspiel von Funktion und Optik?

Bei einem grossen Wein ist das Glas ganz klar Teil des Erlebnisses. Für mich müssen dabei Funktion und Schönheit zusammenkommen. Ein Glas soll den Wein optimal zur Geltung bringen, also Bouquet und Ausdruck entfalten. Wenn es das kann, dabei aber unschön aussieht, überzeugt es mich ebenso wenig wie ein wunderschönes Glas mit einem seelenlosen Massenwein darin. Gerade darin zeigt sich für mich der kulturelle Reiz des Weins. Wie in der Kunst geht es um die Verbindung von Form und Inhalt. Das ideale Weinglas dient dem Gaumen und erfreut zugleich das Auge. Bei einem einfachen Wein darf es durchaus schlichter sein. Den kann ich im richtigen Moment sogar aus einem Wasserglas trinken. Entscheidend ist, dass auch dort Form und Inhalt zusammenpassen.

Rückläufiger Weinkonsum, Anti-Alkohol-Stimmung, staatlich geförderte Rodung von Rebflächen: Wie kommt das Kulturgut Wein aus dieser Negativspirale?

Indem man Wein als Kulturgut versteht und ihn auch so behandelt. Weinkultur verschwindet dort, wo man aufhört, sie zu pflegen. Wenn Wein als Kulturform bestehen bleiben soll, müssen wir ihn bewusst pflegen und geniessen. Ich muss nochmals das Beispiel Jura anführen, gerade daran lässt sich das gut beobachten. Dort kehren gerade wieder junge Winzer zurück, nachdem Winzersöhne seit Jahrzehnten ins Burgund abgewandert sind. Das zeigt, dass Entwicklungen nie nur in eine Richtung laufen. Es gibt immer auch Gegenbewegungen. Selbstverständlich macht der Mensch beim Wein die gleichen Fehler wie überall sonst auch. Er missbraucht ihn als Spekulations­objekt oder Prestigesymbol und ideologisiert ihn. Er verkennt grossartige Lagen, überbaut sie oder bewirtschaftet sie so falsch, dass die Bodensubstanz verlorengeht. Aber all das ist nicht das Ende des Weins, sondern Ausdruck menschlicher Kurzsichtigkeit. Der Wein selbst ist älter und grösser als diese Fehlentwicklungen. Deshalb beginnt die Wende bei jedem Einzelnen. Wenn uns daran liegt, den Wein als Kulturgut zu erhalten, müssen wir ihn leben und pflegen.

Bei Ihren früheren Auftritten als Satiriker gehörten Massanzug und Champagner zum festen Bild. Welche Rolle spielte der Champagner dabei?

Meine damalige Bühnenfigur war die eines sogenannten Hochstatuskomikers. Diese Figur gestikuliert nicht viel. Sie bleibt ruhig und kontrolliert und spricht mit trockener Distanz. Genau das habe ich an der Londoner Schauspielschule gelernt. Der englische trockene Humor lebt ja gerade davon, dass man selbst keine Miene verzieht. Ein Glas in der Hand half mir ganz praktisch dabei, diese Ruhe zu bewahren. Wenn man nichts in der Hand hat, beginnt man zu gestikulieren. Mit einem Glas bleibt man automatisch stiller, kontrollierter und wirkt zugleich souveräner. Dann kam die Frage, was in dieses Glas gehört. Wasser wäre natürlich naheliegend gewesen. Aber der Champagner bot die stärkste Diskrepanz zu dem, was ich auf der Bühne sagte. Gerade bei der Satire, die kein Blatt vor den Mund nimmt und auch über die wildesten Auswüchse des politischen Lebens spricht, erzeugt Champagner einen prickelnden Kontrast. Er steht für Eleganz, Hochstatus und Inszenierung. Zusammen mit meinem Massanzug und der damaligen Punkfrisur verstärkte das meine Bühnenfigur zusätzlich. Champagner war also nicht einfach ein Getränk, sondern ein zentraler Teil meiner Rolle.

«Wenn Wein als Kulturform bestehen bleiben soll, müssen wir ihn bewusst pflegen und geniessen.»

Was fasziniert Sie denn als ehemaliger Satiriker an der Weinwelt, und dient sie möglicherweise auch als Inspirationsquelle?

Die Weinwelt ist für einen Satiriker ein nahezu unerschöpfliches Feld, weil sich in ihr Genuss, Ernst, Symbolik, Eitelkeit und Metaphysik auf einzigartige Weise mischen. Ich habe mich zum Beispiel einmal gefragt, was für ein Wein das gewesen sein könnte, den Jesus auf der Hochzeit zu Kana aus Wasser gemacht hat. Also habe ich das, halb im Scherz und halb im Ernst, theologisch und empirisch betrachtet. Empirisch heisst in diesem Fall: Man muss den Wein trinken, um der Sache auf den Grund zu gehen, also ihn gewissermassen ins eigene Blut verwandeln, um das Wunder gleich selbst zu erleben. Nachdem ich darüber mit leidenschaftlichen Weinfreunden diskutiert hatte, kristallisierte sich eine ebenso absurde wie grossartige Antwort heraus: Es muss ein Petrus 1961 gewesen sein. Das ist natürlich schon als Name ein Volltreffer. Und theologisch wird es noch schöner, weil mit ­«Petrus 61» Lukas 22,61 gemeint ist, also jene Stelle im Neuen Testament, in der Petrus Jesus verleugnet. Genau darin liegt eine Ambivalenz, die für mich sehr viel mit Wein und Weinkultur zu tun hat. Wein bewegt sich immer zwischen Erhabenheit und Schwäche, zwischen Heiligkeit und Sünde, zwischen kultivierter Form und menschlicher Fallibilität. Genau das macht die Weinwelt für mich so ergiebig. Sobald man als Satiriker anfängt, über Wein nachzudenken, betritt man ein Biotop von solcher Tiefe, dass sich dort für Jahre Stoff finden lässt. Leider fehlt mir bis heute die Flasche Petrus 1961 im Keller.

Letzte Frage: Welcher Wein wäre die passende Begleitung für einen Abend, an dem man die Welt gleichzeitig ernst nehmen und über sie lachen möchte?

Eindeutig Champagner. Für mich verbindet der französische Schaumwein-Klassiker wie kein anderer Ernst mit Leichtigkeit. Er hat so viel Würde, dass man die Welt ernst nehmen kann, und zugleich etwas Beschwingtes, das Raum fürs Lachen lässt. Genau diese Spannung macht ihn so besonders. Champagner besitzt eine Tiefe, die über das bloss Festliche hinausgeht. Er kann feierlich sein, ohne schwer zu werden, und leicht, ohne oberflächlich zu wirken. In diesem Sinn ist er für mich fast wie Kunst. Eigentlich bräuchten wir ihn nicht zum Leben. Und trotzdem merken wir es zum Beispiel in feierlichen Momenten wie Geburtstagen, wenn er fehlt.