Hitzig, fruchtig, preiswert

Guide Saint-Joseph: Den Klimawandel spürt man im Glas

Degustation: Barbara Schroeder, Rolf Bichsel; Text: Barbara Schroeder, Rolf Bichsel; Foto: vinmedia

Es stimmt schon: Die einst so kulanten, einfachen Weine der Appellation im Norden der Rhône haben es heute mitunter ganz schön in sich, besonders in Hitzejahren wie 2018 oder 2019. Doch steigende Alkoholgrade machen nicht nur Rhônewinzern zu schaffen. Immerhin sorgt der Klimasprung nicht nur für besondere Fülle: Die besten Saint-Joseph betören auch durch Tiefe und Struktur. Sie sind somit nicht länger die armen Verwandten einer illustren Familie, zu denen auch Cornas, Saint-Péray, Condrieu, Côte-Rôtie, Hermitage und CrozesHermitage gehören. Das grosse Plus von Saint-Joseph: erstklassige Böden aus verwittertem Granit von besonders mannigfaltiger Form in Steillagen auf teils extrem kargen Terrassen über dem Fluss.

Das war nicht immer so. Nach der Reblauskrise gaben auch hier viele Winzer ihr Handwerk auf und sattelten auf den Anbau von Obstbäumen um. Erst in den Nachkriegsjahren erlebte der Weinbau eine Renaissance. Angepflanzt wurden aber erst einmal die tieferen, einfacheren, fetteren Lagen in Flussnähe. Saint-Jospeh wurde zum Lieferanten von einfachen, fruchtigen Weinen für den nimmersatten Rhônehandel.

In die brachliegenden, kargen, schwierig zu bestellenden und damit kostspieligen Steillagen wagten die meisten Winzer sich erst wieder ab den 70er und besonders 80er Jahren, als der Weinbau erneut zu boomen begann und die Rentabilität gesichert schien. Diese damals angelegten Terrassen kommen heute in die besten Jahre: Davon profitieren Weinfreunde in aller Welt, die nicht nur nach grossen Namen fahnden, sondern nach charaktervollen Kreszenzen zum fairen Preis.

Resultate, Analysen, Statements


«Als Durstlöscher eignen sich weisse Saint-Joseph kaum. Doch sie sind hervorragende Tischbegleiter. »

Rolf Bichsel VINUM-Autor


Weissweine aus dem Norden der Rhône? Dabei denkt man erst einmal an Condrieu (am rechten Rhôneufer) oder Hermitage (am linken). Geographisch gesehen müssten die weissen Saint-Joseph folglich den Condrieu gleichen. Doch die werden aus Viognier gewonnen. In Saint-Joseph wird Marsanne und Roussanne angebaut – wie in Hermitage. Die Saint-Joseph Blanc müssen sich folglich dem Vergleich mit dem berühmten Gegenüber stellen. Schlecht gelingt das nicht, wenn man bedenkt, dass die beiden Sorten nicht eben pflegeleicht sind und die Reben in Saint-Joseph fast ausschliesslich auf Granit wachsen, der ihnen allerdings bestens bekommt.
Die Klimaerwärmung hilft Sorten auch nicht, die sich nicht durch hohen Säuregehalt auszeichnen und nur bei optimaler Reife grosse, so finessenreiche und komplexe wie grosszügige Weine ergeben.

Überreife setzt den Varietäten zu: Sie geraten dann schwerfällig, die blumigen und fruchtig-würzigen Aromen machen solchen von Honig Platz. Hitzejahre wie 2018, dessen Weine aktuell im Verkauf stehen, sind daher nicht ideal und damit nicht repräsentativ für die weissen SaintJoseph, ganz im Gegensatz zum hervorragenden 2016 und dem gut gelungenen 2017. Angesichts dieser Tatsache lässt sich das Abschneiden der verkosteten Weine durchaus sehen.

Ich war verblüfft über die Qualität der besten Weissen. Zum Aperitif und als Durstlöscher eignen sich diese Weine ohnehin nicht. Sie munden bei Tisch, zu (weissem) Geflügel, Innereien und Meeresfrüchten: einer Dorade, über Fenchel gegrillt, oder Jakobsmuscheln, kurz kross gebraten und an einer leichten Weissweinsauce mit wenig Knoblauch und Estragon serviert.

 


«Wer Rotweine aus SaintJoseph kennen lernen will, sollte sich an den guten Jahrgang 2017 halten. »

Barbara Schroeder VINUM-Autorin


Als ich in der zweiten Hälfte der 90er Jahre bei VINUM einstieg, führte eine der ersten Reisen in die Rhône. Rolf Bichsel hatte sich in den Kopf gesetzt, die Anlage neuer Rebberge bei den Brüdern Courbis (deren Weine leider in unserer Verkostung fehlen) von nah unter die Lupe zu nehmen, glitt im Steilhang aus, schlitterte mitsamt der Kamera ein paar Meter in die Tiefe und löste so fast einen Bergsturz aus. Bulldozer frassen sich wie hungrige Raupen in die steile granitene Flanke und zogen Schlaufen künftiger Rebterrassen.

Die Rotweine, die wir anschliessend gesammelt verkosteten, hatten allerdings wenig mit denen gemein, die ich jetzt über 20 Jahre später im Glas habe. Es handelte sich fast ausnahmslos um fruchtige, kulante, süffige Rebensäfte, die jung am besten mundeten. Nur wenige waren im Fass ausgebaut. Der Alkoholgehalt lag im Schnitt bei 12,5 Volumenprozent, Lagenweine gab es kaum. Ein Gutteil der Winzer brachte ihre Weine in die Genossenschaft oder verkaufte sie offen.

Fast alles hat sich geändert. Gewiss, es gibt immer noch kulante, preiswerte Rote in SaintJoseph. Doch die damaligen Neuanlagen ergeben Weine von ganz anderem Kaliber. Die besondere Fruchtigkeit von Brombeere oder Heidelbeere haben sie zum Glück nicht abgestreift, doch sie haben an Mineralität, Würze, Struktur, Tiefe und Gehalt gewonnen. In Hitzejahren wie 2018 kann der Alkoholgrad sogar ganz schön ausufern und flirtet schon mal mit 15 Volumenprozent. Wer Saint-Joseph kennen lernen will, halte sich daher an ausgewogenere Jahrgänge wie den ausgezeichneten 2017, dessen Weine meist noch erhältlich sind, oder versuche, noch zu ein paar Flaschen 2016er zu kommen.

Die Verkostung

Die Verkostung wurde über die regionale Dachorganisation ausgeschrieben. Geladen waren alle Produzenten mit Interesse an den deutschsprachigen Märkten, ob Handelshäuser, Genossenschaft oder unabhängige Winzerbetriebe. Verkostet wurden die Weine daraufhin von Barbara Schroeder und Rolf Bichsel in den vinmedia-Räumlichkeiten bei Bordeaux, wie immer unter optimalen Bedingungen. Die ganze Verkostung ist zu finden auf unserer Weinsuche unter dem Stichwort «Rhônetal Saint-Joseph».

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