Unique wineries of the World - Deutschland

Weingut Matthias Gaul

Text: Rudolf Knoll, Fotos: freevectormaps.com / z.V.g., Jana Kay

Burgunder und «Multikulti» in der Nordpfalz

So mancher Kollege von Matthias Gaul hat sich vermutlich schon an die Stirn getippt und geäussert, jetzt habe sich der Gaul vergaloppiert. Denn der Mann mit Jahrgang 1967 tanzt gern aus der Reihe und zeigt visionären Wagemut. Besucht man ihn in seinem Heimatort Asselheim in der nördlichen Pfalz, geht es erst einmal hoch hinaus. Gauls Flächen befinden sich auf bis zu 300 Höhenmetern. Man spürt einen sanften Wind, der über die sorgfältig gepflegten Rebzeilen streicht. «Das sind ideale Bedingungen», hat er mit den Jahren erfahren. «Früher galt Asselheim als kühler Weinort, heute ist das ein Vorteil.» In einer solchen Umgebung kann man auch mal verrückt anmutende Dinge anstellen. Auf 0,8 Hektar wächst derzeit Pinot Noir extrem eng gepflanzt in Einzelstockerziehung, umgerechnet 15 000 Stöcke pro Hektar. Auf das erste Ergebnis darf man gespannt sein…

«Früher galt Asselheim als kühler Weinort. Durch den Klimawandel profitieren wir heute davon.»

Matthias Gaul

Matthias Gaul leitet einen klassischen Familienbetrieb. Der Grossvater füllte 1956 den ersten Flaschenwein. Vater Werner (Jahrgang 1941, immer noch rüstig unterwegs) stellte dann komplett auf Weinvermarktung um, spannte Junior Matthias früh im Keller ein, liess ihm aber auch Spielraum für die Ausbildung (Studium an der Hochschule Geisenheim 1990 bis 1995) und eine Tour durch europäische Weinregionen. «Die Rhône und die Bourgogne haben mich besonders fasziniert», denkt der Pfälzer zurück.

Die internationalen Erfahrungen trugen zu reichlich «Multikulti» in den Weinbergen bei. Bereits 1990 wurde Chardonnay gepflanzt, es folgten Cabernet Sauvignon (1996), Cabernet Franc (1998) und sogar Tempranillo (2005). Das verschaffte ihm auch Spielraum für diverse Cuvées. Eine Besonderheit ist dabei der cremige, geschmeidige Entrelacé («Umarmung»), ein Weisswein aus der europäischen Union. Zwei Drittel sind Pfälzer Riesling, der Rest ist Traminer aus dem Elsass, der Heimat seiner charmanten Gattin Anne (die auch duftigen Lavendel anbaut). Weitere Bezeichnungen sind ebenfalls als Referenz an die Dame des Hauses anzusehen. Als da wären Grand Jeté in Rot, Pas de Deux in Weiss und Rot sowie der erstklassige Sekt Mademoiselle Anne Zero Dosage. Eine Anspielung auf männliche Aktivitäten ist wohl die rote Cuvée Crazy Gaul…

Er selbst ist ein Fan der Burgunderfamilie und besonders stolz auf bislang zwei Erfolge beim Deutschen Rotweinpreis von VINUM (2015 und 2017) mit Pinot Noir. «Wir haben Kalkstein im Boden, ein idealer Untergrund», weiss Matthias Gaul. Ausgebaut werden alle Weine im Keller neben dem schmucken Betriebsgebäude mit Vinothek in rund 550 Barriques und 120 Edelstahltanks. «Ich will Weine kreieren, die durchgängig Freude machen», erklärt er. Das funktioniert am besten mit Teamwork. Seit 2018 steht ihm der international erfahrene Önologe Tobias Müller, 36, zur Seite. Die beiden haben die gleiche Denkweise in Sachen Wein und befruchten sich gegenseitig. An der Verkaufsfront steht mit Natalie Pletsch eine weitere Frau, die aufpasst, dass der Gaul nicht durchgeht.

Drei Spitzenweine

2018 Riesling St. Stephan Réserve

Der im Halbstück (600 Liter) in Pfälzer Eiche ausgebaute, spontan vergorene Riesling macht das Potenzial dieser Sorte in der nördlichen Pfalz deutlich: Aprikose und feine Mineralität im Aroma; geschmeidig, vielschichtig und cremig im Geschmack, sehr lang im Abgang.

2016 Pinot Gris St. Stephan

Der Grauburgunder, hier Pinot Gris genannt, ist mit zehn Hektar Fläche die wichtigste Sorte im Weingut. Kein Wunder, wenn solche Qualitäten möglich werden: sanfte Würze im Duft und Geschmack; feinmaschig, tiefgründig, frisch, feste Struktur durch etwas Maischestandzeit.

2018 Pinot Noir Asselheim

Zarte, animierende Cassis im Duft signalisiert: klassischer, typischer Pinot Noir; im Geschmack fast tänzelnd auf der Zunge, verspielt, schlank, «trinkig», aber mit stattlicher Länge im Abgang. Der rote Burgunder belegt acht Hektar Rebfläche in kühlen Fluren.

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