Henry Marionnet, Touraine

Ich mag täglich meine Flasche!

Text: Barbara Schroeder, Fotos: Rolf Bichsel

Henry Marionnet ist ein Unikum. Er ist der einzige (französische) Winzer von Weltruf, der seine Legende nicht mit teuren Weinen aus Spitzenlagen geschaffen hat, sondern mit Kreszenzen, die auch heute nicht mehr als 10 bis 20 Euro kosten, mit «einfachem», trinkigem Gamay und saftigem Sauvignon aus der Touraine, wo er wahre Pionierarbeit geleistet hat.

Unsere Proteste verhallen ungehört. Der Tisch, durch die Frühlingssonne in goldenes Licht gebadet, ist festlich aufgedeckt, Madame weist routiniert die Stühle zu, und der Hausherr nestelt bereits ungeduldig am Hals einer staubigen Flasche. «Sie werden doch nicht im Ernst behaupten, ein Porträt über Henry Marionnet könne man mit leerem Magen schreiben», meint der Gastgeber fröhlich, «und mit leeren Gläsern.» Halten wir mit der Wahrheit nicht hinter dem Berg: Wir verlassen die Tafel erst drei Stunden später, die Wampe gefüllt mit Brochet en Bellevue (Hecht), Poulet Fermier samt Beigaben, frischem Ziegenkäse, Kuchen von konfitierten Gamaytrauben und einem Querschnitt durch Marionnets Schaffen.

Alles beginnt mit seinem ersten Gamay, Ende Oktober 1973 abgefüllt, das heisst «en primeur», mit seinen «nur» 11,5 Volumenprozent Alkohol auch nach all den Jahren noch verblüffend präsent trotz deutlichem Altersfirn. Es folgt der erste spät gelesene, trockene Sauvignon Blanc von 1989, der in einer Vergleichsverkostung eines französischen Feinschmeckermagazins die Medaille als «Weltbester Sauvignon» einheimste.

Auf den Tisch kommen aber auch aktuell vertriebene Weine. Der unvergleichlich fruchtige Gamay ohne Schwefelzusatz, die subtilen Cuvées aus alten, in Vergessenheit geratenen Rebsorten, die Abfüllungen aus Trauben ungepfropfter Reben, die teils aus der Zeit vor der Reblauskrise stammen. «Für mich zählt nur eines: der ungehemmte Spass am Nass, die geleerte Flasche! Ich trinke jeden Abend eine Flasche meines ungeschwefelten Gamays leer! Ich habe nie einen schweren Kopf am nächsten Morgen.» Öffnen wir hier eine (nötige) Klammer. Die Art und Weise, wie dieser Beitrag entstanden ist, entspricht so gar nicht unserer gewöhnlichen Arbeitshaltung. Wir schlagen grundsätzlich und konsequent jede Einladung zum Mittagessen aus, wenn wir an einer Reportage arbeiten. Ein gutes Bild und ein klar strukturiertes Gespräch gehen vor. Wir sind nicht zum Vergnügen hier. Doch in der verfressenen Touraine gelten andere Regeln, und Altmeister Marionnet lassen solche Argumente kalt. «Wir sind doch keine Puritaner», erklärt er mit neckischem Seitenblick auf seine Gattin, die ihm beizupflichten scheint: «Wer auf Domaine de la Charmoise in Soings empfangen wird, wird da auch bewirtet, ob er will oder nicht.»

Sologne, von den Göttern verwöhnt

Die Region? Soings liegt in der Sologne, einem wildreichen Naturgebiet, mit lauschigen Wäldern, zahlreichen Seen und Flüssen (Loire, Loir, Loiret und Cher), in der Mitte eines Dreiecks, gebildet aus den Agglomerationen von Tours, Orléans und Bourges. Wein wächst in dem als «Sologne Sèche» (trockene Sologne) bezeichneten südwestlichen Teil der Ecke. Henry Marionnet füllt seine Weine mehrheitlich als Touraine AOC ab. Historisch gesehen gehören seine Reblagen im Osten von Tours aber bereits zum Orleanais, «einst berühmter als das Burgund». Doch im 20. Jahrhundert eine Ecke, in der nur mehr Hybridreben standen, die Weine höchst zweifelhafter Qualität ergaben. Hier kam Marionnet 1941 auf die Welt, als Sohn eines Winzerehepaars.

Mit vier Jahren, so schildert er schelmisch, kam er zum ersten Mal mit Wein in Kontakt. Er sollte am Fass für die Angestellten eine Flasche für einen Arbeiter füllen. Weil der Wein so verführerisch duftete, nippte er unterwegs immer mal wieder an der Flasche und leerte diese schliesslich gut zur Hälfte. Über die unmittelbaren Folgen schweigt er sich aus. Doch die längerfristigen sind offensichtlich: Marionnet wollte selber Winzer werden. Mit einem einzigen Ziel: dieses Urerlebnis, die Freude am Nass, an der Fruchtigkeit, am Süffeln und Schlürfen, als seine ganz persönliche Botschaft per Flaschenpost in die ganze Welt zu versenden.

1969 überliess sein Vater ihm eine Reblage von 23 Hektar und die dazu gehörende Kellerei. Doch aller Anfang war schwer. Der Vater hatte seit 30 Jahren keine Investitionen mehr getätigt. Wo überhaupt noch Reben standen, siechten Hybride der schlimmsten Art vor sich hin. Doch der junge Mann krempelte die Ärmel zurück und machte sich an die Arbeit. Die Eltern seiner Frau bauten Gamay an: Henry verliebte sich gleich noch einmal und in diese Sorte. Vier Jahre später füllte er als erster Winzer der Touraine seinen Gamay schon kurz nach der Ernte ab, ähnlich wie ein Beaujolais Nouveau, der damals gerade in Mode war.

Und er hatte auf Anhieb Erfolg. Rasch wurde Henry Marionnet zum eigentlichen Hohepriester des Gamay de Touraine. Die Sommeliers der Pariser Spitzenrestaurants und die Weinhändler der Kapitale rissen ihm seine umwerfend fruchtigen, saftigen, aber auch vollmundigen Weine buchstäblich aus den Händen. Marionnet machte dem Beaujolais, dem unerreichten Star aller Pariser Bistros, nicht nur Konkurrenz: Er liess ihn gar weit hinter sich.

in den 1970er-Jahren baute er seine Reblagen weiter aus, um der steigenden Nachfrage gerecht werden zu können, zuerst mit Gamay, später mit Sauvignon Blanc, mit dem heute ein Drittel seiner total 65 Hektar Reben bestockt sind. «Es ärgerte mich schon etwas, dass man mich einseitig als Gamay-Macher ansah», erklärt er seinen Entscheid, auch die zweite wichtige Sorte der Touraine anzupflanzen. Seiner ersten Liebe ist er aber trotzdem bis heute treu geblieben. Genauso wie seiner Heimat, trotz eines kurzen Abenteuers als Weinmacher in Chile.

«Diese uralten Romorantin-Reben stammen aus der Zeit vor der Reblauskrise. Sie ergeben unseren kostbarsten Wein, die Cuvée Provignage.»

Mit seinem Talent hätte er überall auf der Welt erfolgreich winzern können. Doch er ist in seiner Heimat geblieben, der von selbst ernannten Kennern mitleidig belächelten Touraine. Alle anderen Winzerstars sind durch Rarität, die Exklusivität und den hohen Preis ihrer Produkte zu ihrem Ruhm gekommen. Henry Marionnet ist der einzige Spitzenwinzer der Welt, der sich seinen Platz im Pantheon der Weinlegenden durch die fixe Idee verdient hat, immer noch süffigere, noch fröhlichere, noch trinkigere, noch unverfälschtere Weine in die Welt zu setzen, Weine, von denen man nie genug kriegen kann, obschon es genügend davon gibt, Weine, deren Preise (von zwei Ausnahmen abgesehen) für 10 bis maximal 20 Euro zu haben sind.

Es gibt wenig, was Marionnet bereut in seinem glücklichen Winzerleben. Er hat ein Lebenswerk geschaffen, konnte reisen, seine Leidenschaft mit seiner Gattin und seinem Sohn Jean-Sebastien teilen, der bereits seit 18 Jahren im Betrieb mitarbeitet und – im Gegensatz zum Patriarchen – in Beaune eine Weinbauschule besuchen konnte. Nicht einmal die Tatsache, dass sein eigener Vater ihn nicht Weinbau studieren liess, weil er meinte, im Rebberg lerne er mehr als an der Hochschule, bedauert Marionnet wirklich. Denn so ganz unrecht hatte der damals nicht.

«Als Autodidakt war ich gezwungen, meinen eigenen Weg zu finden. Ich lernte durch Beobachtung. Ich setzte auf Gamay statt auf Hybridreben, verringerte die Erträge, führte Handernte ein und perfektionierte die Methode der Kohlensäuremaischegärung, die wir heute auf unsere ureigene Art und Weise anwenden, immer mit dem gleichen Ziel: die Fruchtigkeit, den reinsten Ausdruck der Beere im Wein wiederzufinden.

Dieses Streben brachte ihn auch dazu, im Jahr 2000 erstmals ungepfropfte Sauvignonreben zu pflanzen, die heute seinen Vinifera ergeben, einen Rotwein aus der vergessenen Sorte Gamay de Bouze (Gamay mit rotem Fruchtfleisch) zu keltern oder einen besonders mineralischen, komplexen Weisswein (die einzige teure Rarität in seinem Sortiment) aus uralten, aus der Zeit vor der Reblauskrise stammenden Reben der lokalen Sorte Romorantin.

Pläne für die Zukunft? «Ich bin ein rundum glücklicher Mensch. Ich wollte mit anderen teilen, was ich selber am meisten schätze: die Reinheit, die Natürlichkeit, das Unverfälschte. Ich habe alte Sorten aus der Vergessenheit geholt. Ich lebe in einem Paradies, das alles andere als verloren ist, gemeinsam mit meiner Familie. Was will ich denn noch mehr?»

Fröhliche Loire-Crus

«Da ist die Flasche leer, ehe man papp sagen kann» – nichts beschreibt das Wesen der Marionnet-Weine, die Trinkigkeit und Charakter in perfekter Art in sich vereinen, besser als diese Aussage.

Domaine de la Charmoise
Touraine AOC Sauvignon Blanc 2017

16 Punkte | 2019 bis 2020

Der Klassiker unter den Marionnet-Weissen kündet sich bereits im Bouquet äusserst verführerisch und fröhlich an, mit seinen blumigen und fruchtigen Noten von Cassisblüte und Zitrusfrüchten; von besonders blumiger Art auch im Mund, ausgewogen, liebenswürdig, trinkig, ideal zu Fisch und Meeresfrüchten, aber auch zum leichten Mahl von exotischen Speisen oder zu einem sommerlichen Salat.

M de Marionnet
Touraine AOC 2018

16.5 Punkte | 2020 bis 2022

Vollmundiger Wein aus spät und bei voller Reife gelesenen, trocken ausgebauten Sauvignon-Trauben; Noten von Mirabellenkompott, Honigmelone, auch mineralische (Feuerstein) und kräuterwürzige Komponenten; voller Ansatz, ölige Textur, spürbarer Süsskomplex, doch ohne brennend zu wirken; eigenwilliger Wein mit stolzen 14,5 Vol.-% Alkohol, den man zu Käse auftischen wird. Darf ein, zwei Jahre reifen.

Vinifera
Touraine AOC 2018

17 Punkte | 2019 bis 2020

Sauvignon aus ungepfropften, im Jahr 2000 gepflanzten Reben. Der Moste wurde spontan vergoren: von besonderer Mineralität, Noten von Grapefruit; voller Bau, saftig mit Noten von Rauch und Feuerstein, gute Länge; beeindruckend, originell. Jung geniessen, auch wenn Reife ihm nicht schaden wird.

Domaine de la Charmoise
Touraine AOC Gamay 2017

16 Punkte | 2019 bis 2020

Das rote Gegenstück zum Sauvignon Blanc der Domaine de la Charmoise: ungemein fruchtig schon im Bouquet, Noten frischer Kirschen; besonders ausgewogen und trinkig im Mund, unkompliziert, fruchtig, erfrischend, preiswert, doch sehr sauber gekeltert wie alle Marionnet-Cuvées, der ideale Wein für jeden Tag, zu kräftigen Gerichten, Geflügel, Eintopf, Wurstwaren, Käse, zu Grillspeisen, zum Picknick, besser leicht kühl geniessen.

Cepages Oubliés
Val de Loire IGP Gamay de Bouze 2017

17 Punkte | 2019 bis 2022

Aus einer in Vergessenheit geratenen, alten Gamay-Sorte mit rotem Fruchtfleisch gekeltert: interessante Aromatik, Noten von Rauchspeck und frischgepflückten Brombeeren; von ausgewogener, ungemein erfrischender, knackiger, positiv herber, das heisst gut strukturierter Art, schlank, von besonderer Frische, mit fruchtigem Ausklang. Superb.

Premières Vendanges 
Touraine AOC Sans Soufre 2018

17 Punkte | 2019 bis 2020

Ohne Schwefelbeigabe erarbeitet, von magistraler Fruchtigkeit, Frische Kirschen; saftig im Mund, lecker, trinkig, umwerfend fruchtig, eigenständig, von perfekter Balance: Da ist die Flasche leer, ehe man Papp sagen kann.

www.henry-marionnet.com

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