Rhône-Ranger Mr. K aus Kalifornien

Manfred Krankl, Central Coast

Text: Thomas Vaterlaus, Fotos: Claudia Craig

  • Manfred Krankl ist ein Motorradfreak und Sammler massgeschneiderter Custombikes. Nach einem schweren Unfall im Jahr 2014 bleiben Bikes und Helme in der Garage.

Anfang der 90er Jahre brachte er mit dem Restaurant «Campanile» und der «La Brea Bakery» viel guten Geschmack nach Los Angeles. Und mit seinem Weingut Sine Qua Non, das er zusammen mit seiner Frau Elaine und inzwischen auch Sohn August führt, ist er seit nunmehr 25 Jahren der erste Botschafter für Rhônesorten an Kaliforniens Central Coast. Und nicht nur das: Die von ihm gestalteten Etiketten haben das Label-Artwork definitiv als Sparte der bildenden Kunst etabliert. Der heute 64-jährige Manfred Krankl ist definitiv mehr als «nur» eine Winzerlegende.

Als wir an einem regnerischen Novembertag im Jahr 1997 in Los Angeles in sein Auto stiegen, musste er zuerst mal die Lautstärke der Musik runterdrehen. Das liess darauf schliessen, dass er zu jenen sympathischen Wesen gehört, die gern abartig laut Musik hören, wenn sie allein über den Highway gondeln... Die Fahrt ging 50 Kilometer nach Norden, in eine leicht marode «All American Suburb», die so aussah, als ob hier Tätowiermaschinen und Totenkopfringe produziert würden, aber Topweine? Die damalige Hinterhof-Winery von Manfred Krankl an der North Ventura Avenue ist von vielen Journalisten beschrieben worden, er nannte sie seine Garage d’Or.

Im Barrique-Room hingen damals Tauchsieder in den Fässern, zwecks Einleitung des biologischen Säureabbaus. Alles schien irgendwie locker, schräg und cool. Ein paar Tage später fand in dieser berüchtigten Location dann eine Harvest Party statt. Der Bluesmusiker Kelly Joe Phelps sang rauchig-raue Balladen, begleitet vom wiehernden Klagen seiner Slide- und Steel-Guitar. Die Rhône-Rangers von der Central Coast sassen unbeschwert zusammen und feierten. Es sollte nurmehr einen Wimpernschlag dauern, bis die Krankl-Rakete zündete, und er die 100er-Noten der amerikanischen Kritiker gleich bündelweise abholte.

Vom Brot zum Wein

Die Story dieses Mannes klingt definitiv zu gut, um wahr zu sein. Würde sie ein Hollywood-Drehbuchschreiber so verfassen, würde man ihm eins auf die Rübe hauen. Ein 20-jähriger Jungkoch flieht aus den österreichischen Pampas, trampt planlos durch Kanada und Griechenland, lernt auf Mykonos eine Kalifornerin kennen, zu der er schliesslich hinzieht. Ein paar Jahre später eröffnet er mit Partnern in einem historischen, von Charly Chaplin erbauten Gebäude in L.A. ein Restaurant, das zum Trend-Lokal der 90er Jahre avanciert. Weil das amerikanische Brot grottenschlecht ist, beginnen sie selbst zu backen, aus Teig, den sie über Nacht auf den Restauranttischen hatten gehen lassen.

Aus dem brotigen Abenteuer wird La Brea Bakery, und als unser Protagonist diese Bäckerei schliesslich 2001 als Mehrheitsbesitzer verkauft, arbeiten da 500 Angestellte. Dabei gilt das eigentliche Interesse des Mannes ja gar nicht dem Brot, sondern dem Wein. Das Wort «Hauswein» beim Wort nehmend, hatte er schon Anfang der 90er Jahre begonnen, mit befreundeten Winzern für sein Restaurant «Campanile» exklusive Weine abzufüllen. Daraus entwickelte er zusammen mit seiner zweiten Frau Elaine schliesslich ab 1994 sein Projekt Sine Qua Non mit dem klaren Fokus auf den Rhône-Gewächsen Syrah und Grenache, aber auch Mourvèdre, Viognier und Roussanne sowie auf exotischen Gewächsen wie Petit Manseng Graciano oder Petite Sirah.

«Wenn Sie Manfred Krankl treffen, dann reden Sie mit ihm nicht über Alkoholgrade auf Etiketten. Denn das könnte ihm auf den Magen schlagen…»

Nur 15 Kilometer von der Garage d’Or entfernt (deren Mieter er übrigens noch immer ist), thront Sine Qua Non Estate seit 2004 auf den sanft geschwungenen Hügeln bei Oak View nahe dem Lake Casitas. Elaine und Manfred Krankl leben oberhalb des Weingutes auf einer Ranch, zusammen mit Pferden und Kühen. Die Kellerei mit ihren klaren Kuben in erdigen Farbtönen gleicht einer Minimal-Art-Skulptur. Die selbstbewusste architektonische Botschaft entspricht dem, was hier geleistet wird. Mit akribischem Feintuning haben Manfred und Elaine Krankl ihre Flaggschiff-Weine kontinuierlich perfektioniert. So wird beispielsweise ihr Syrah mit jedem Jahrgang von neuem minuziös konzipiert, will etwa heissen, mit wenigen Prozenten von Mourvèdre, Petite Sirah, Grenache, Petit Manseng und Viognier komplettiert. Die Trauben stammen inzwischen fast ausschliesslich aus ihren eigenen vier Rebbergen, nämlich Eleven Confessions (eher kühl), Cumulus (ein warmes Terroir gleich neben der Kellerei), Third Twin (mit sandigen Böden) und Molly Aïda, einer kleinen, mit Mourvèdre bepflanzten Parzelle, benannt nach dem Schiff, das der deutsche Regisseur Werner Herzog im Film «Fitzcarraldo» am Amazonas über einen Berg ziehen liess. Krankls Weine waren lange Zeit von verschwenderischer Fülle geprägt.

Kein Wunder, Krankl ist ein Baumstamm von Mann, also nicht der Typ, der abends zum DryAged Porterhouse Steak einen roten Vinho Verde mit elf Umdrehungen trinkt. Doch auch seine Weine haben sich verändert. Wiesen sie früher öfters mal annähernd 16 Volumenprozent Alkohol aus, so zeigen sie sich heute diesbezüglich moderater. Aber reden Sie mit Krankl lieber nicht darüber, falls sie ihn mal treffen sollten, denn Gespräche über Alkoholwerte gehen ihm mächtig auf den Sack. Dass seine Weine heute tatsächlich spürbar mehr Grip und Temperament aufweisen, liegt an biodynamischen Praktiken im Anbau, am höheren Anteil an Rappen während der Maischegärung mit Naturhefen und dem reduzierten NeuholzAnteil beim Ausbau. Geblieben ist den Weinen ihr Reichtum sowie ein hervorragendes, auch von vielen Fachleuten nicht für möglich gehaltenes Alterungspotenzial, das jenem der Spitzengewächse von der Rhône ebenbürtig ist.

Mit Fernado Pessoa und Tom Waits

Im Gegensatz zu sämtlichen Marketing-Regeln, die besagen, dass man ein Produkt nur durch permanente Repetition bezüglich Namensgebung und Packaging im Markt etablieren kann, entschied sich Krankl von Anfang an, jedem einzelnen Wein ein eigenständiges Label und einen individuellen Namen zu geben. Inspiriert von expressionistisch-reduzierten Holzschnitten von deutschen Künstlern wie Käthe Kollwitz (1867–1945) oder Erich Heckel (1883–1970) nutzte er diese Technik, aber auch Linolschnitt, Fotografie und Mischtechnik um in künstlerisch verfremdeter Form persönliche Geschichten, Inspirationen und Anekdoten aus jenem Jahr zu erzählen, in dem der betreffende Wein gewachsen ist. Omadhaun & Paltroon, der Name der weissen Assemblage aus dem Jahr 1996, etwa stammt aus einer Szene des Romans «Die Asche meiner Mutter» von Frank McCourt. Der 2005er Syrah Atlantis FE2O3 zeigt eine verrottete Shell-Raffinerie nahe der Kellerei, die Krankl systematisch fotografiert hat, «On the Lam» ist eine Hommage an den Schauspieler und Regisseur Dennis Hopper. Etliche seiner Label-Arbeiten, wie etwa «The Good Girl» aus dem Jahr 2000, mit einem nackten Mann, dessen Kopf im Schoss einer Nonne liegt, wurden vom The Alcohol and Tobacco Tax and Trade Bureau (TTB) zensuriert. 2015 hat Manfred Krankl sein bisheriges Label-Kunstschaffen in einem aufwendigen, grossformatigen Bildband dokumentiert. Das Werk gibt Einblick in die komplexe Welt eines Mannes, der seine Familiengeschichte genauso stimmig zitiert wie Literatur von Fernando Pessoa, Fotografie von Man Ray oder Musik von King Crimson oder Tom Waits. Und trotzdem sieht sich Manfred Krankl nicht als Künstler, sondern einfach als Winzer, der Freude daran hat, seine Etiketten selbst zu kreieren.

Der heute 64-Jährige war in seinem Leben nicht nur Gastronom, Bäcker, Winzer und Künstler, sondern immer auch ein begeisterter Motorradfreak. In seiner Garage stehen in limitierten Auflagen produzierte Maschinen von Confederate Motors oder Buell. Im Herbst 2014, inmitten der Ernte, verunglückte er mit einem seiner Bikes in einer scharfen Kurve nahe seinem Wohnort schwer. Während Wochen hing sein Leben am berüchtigten seidenen Faden. Als er schliesslich aus dem Koma erwachte, soll der Ausnahmewinzer, der in all den Jahren so sehr zum Westcoast-Amerikaner geworden war, dass sich sein deutscher Sprachschatz allmählich lichtete, zuerst astreines Deutsch gesprochen haben. Die langwierige Genesung gelang ihm vor allem «with the more than friendly help of Mrs Elaine Krankl», die heute mit ihm und Sohn August das Projekt Sine Qua Non weiter vorantreibt. Die Motorräder bleiben derweil in der Garage. Manfred Krankl kurvt heute ausschliesslich mit dem Auto entlang der Central Coast, was den Vorteil hat, dass er zum lauten Sound viel besser mitsingen kann, ohne dass die anderen mithören…

Von «dunklen Blüten» und «prächtigen Opfern»

Sine Qua Non bringt in der Regel jährlich einen Syrah, einen Grenache, eine weisse Cuvée sowie limitierte Mengen der Kollektion EBA (Extended Barrel-Aging) auf den Markt. Nicht weniger exklusiv sind die Crus aus dem Cumulus Vineyard, gleich neben der Kellerei gelegen, die unter dem Label Next of Kyn in den Verkauf kommen.

Die Sine Qua Non-Weine sind in der Schweiz bei www.studer-vinothek.ch und in Deutschland bei www.apell.de erhältlich.

RangBeschreibung
1
19,5/ 20
Punkte
Kalifornien Central Coast, USA
Sine Qua Non - E. & M. Krankl
2
18,5/ 20
Punkte
Kalifornien Central Coast, USA
Sine Qua Non - E. & M. Krankl
3
18,5/ 20
Punkte
Kalifornien Central Coast, USA
Sine Qua Non - E. & M. Krankl
4
18,5/ 20
Punkte
Kalifornien Central Coast, USA
Sine Qua Non - E. & M. Krankl
5
18,0/ 20
Punkte
Kalifornien Central Coast, USA
Sine Qua Non - E. & M. Krankl

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