Zeitlose Eleganz vom Gardasee

Lugana DOC

Fotos: Consorzio Lugana

Das Südufer des Gardasees zwischen den Orten Peschiera del Garda, Sirmione und Desenzano ist nicht nur von Scaligerburgen, Olivenhainen und Badestränden geprägt, hier gedeihen auch
die Reben hervorragend: Vom Seeufer bis auf die Moränenhügel findet man 2600 Hektar Weinberge, die mit der Turbiana-Traube bestockt sind – der Basis des Lugana DOC.

Der Lugana DOC hat in den vergangenen Jahrzehnten eine der Erfolgsstorys im italienischen Weinbau geschrieben und ist rund um die Welt als Bianco Italiano renommiert. Die Rebfläche hat sich von knapp 600Hektar Ende der 1990er Jahre auf aktuell 2600 Hektar vergrössert, die Zahl der Produzenten vervielfacht.

Ein Lugana DOC wird vorwiegend aus einer autochthonen Rebsorte gekeltert: Trebbiano di Lugana oder Turbiana wird sie genannt und ist eine alte autochthone Rebsorte, die auf den lehmigen Böden und im milden Mittelmeerklima des Sees hervorragend gedeiht. «Wir leben hier in einem kleinen Burgund», sagt die Winzerin Ambra Tiraboschi, «im gesamten Anbaugebiet des Lugana gibt es zahlreiche kleine Mikroklimata, die den Trauben unterschiedlichste Voraussetzungen bieten.»

Das Südufer des grössten Sees Italiens wurde von der letzten Eiszeit geprägt: Die Gletscher, die einst von den Alpen hierher vorstiessen, haben eine Moränenlandschaft hinterlassen, die reich ist an Kalk, an Stein und Mineralsalzen sowie einer Schicht von kalkhaltigem Lehm, die nahe dem See am dichtesten ist. Diese Komponenten sorgen dafür, dass hier die Trauben für frischfruchtige, angenehm mineralische und vor allem langlebige Weissweine wachsen. 

«Dabei unterscheidet man grundsätzlich zwei Zonen», erklärt Ambra Tiraboschi. Crete bianche, die kalkhaltigen Lehmböden nahe dem See und zu Füssen der Moränenhügel, die mit ihren mineralischen Komponenten für die Langlebigkeit der Weine sorgen. Und die Moränenhügel im Inland, in denen der Lehm neben Terra rossa, Kalk und Steinablagerungen nur einen Teil der Komposition ausmacht und auf denen vor allem die Trauben fruchtig-floraler Lugana gedeihen.

Turbiana ist seit langer Zeit im Gebiet südlich des Gardasees heimisch, erstmals urkundlich erwähnt wurden die Trauben als «ausgezeichnete Tribulani» im Werk «De naturali vinorum historia» von Andrea Bacci 1595.

«Turbiana ist eine vielschichtige Traube», erzählt auch Andrea Bottarel, der Direktor des Konsortiums der Lugana-Produzenten, das 2020 seinen 30. Geburtstag feierte: «Man kann Jahrgangsweine ebenso daraus kreieren wie Riserva-Versionen, Spätlesen oder Schaumweine.»

«Turbiana war nie eine einfache Traube. Sie ist spätreifend und zeichnet sich durch eine prägnante Säure aus.»

Ambra Tiraboschi, Winzerin

Um die Weine mürber zu machen, kann man Turbiana mit bis zu zehn Prozent anderer weisser Trauben verschneiden. Aber seine ganze Eleganz und Finesse zeige ein Lugana nur mit Turbiana in purezza, meint die Winzerin Ambra Tiraboschi. Die meisten Lugana-Winzer setzen daher auch auf reinsortige Weine.

Der junge frische Jahrgangs-Lugana ist die Basis der gesamten Produktion: 90 Prozent des Lugana wird in dieser Version gekeltert. Er ist ideal als Aperitiv oder als Essensbegleiter zu Süsswasserfisch, Pasta – wie den Tortellini aus dem nahen Valeggio sul Mincio - oder Risotti. Er weist ein präzises aromatisches Profil auf, in dem Noten von Zitrusfrüchten und Mandeln ebenso verführen, wie Aromen von tropischen Früchten.

In seiner Riserva-Version, die eine Reife von mindestens 24 Monaten vorsieht, verbreitert der Lugana seine Aromenspektrum und verstärkt seinen mineralischen Charakter. Gerade diese alterungsfähige Typologie ergänzt hervorragend anspruchsvolle Fischgerichte aber auch Speisen mit Geflügel und Kalbfleisch. Probieren sollte man aber auch die süsse Vendemmia Tardiva, die an eine Spätlese deutscher Tradition erinnert, die man zum Dessert geniessen kann. Nicht zu vergessen die Schaumweinvariante, die mit der klassischen Flaschengärmethode oder im Drucktank erzeugt wird.

Abgesehen von ihren organoleptischen Eigenschaften unterscheiden sich Lugana DOC-Weine auch durch durch die Vielfalt der Philosophien der Weinbaubetriebe der Region. Die Vielfalt des Lugana kann man durch durch horizontale Degustationen unterschiedlichster Güter entdecken, aber ebenso auch vertikal durch die Verkostung zum Teil historischer Jahrgänge aus den 1980er und 1990er Jahren. Gerade Experten sind überzeugt von der Alterungsfähigkeit der Weine. So wusste bereits die Journalistenlegende Luigi Veronelli: «Trink Deinen Lugana jung, sehr jung und geniesse seine Frische. Trink ihn nach zwei oder drei Jahren und geniesse seine Komplexität.»

Das beweisen auch die Lugana-Produzenten immer wieder durch Verkostungen alter Jahrgänge. «Langlebige Weine gedeihen vor allem auf den dichten lehmigen Böden  zwischen dem See und den Moränenhügeln», sagt der Winzer Paolo Fabiani. Die Reben sind durch die Dichte des Bodens genötigt, in die Tiefe vorzudringen und gewinnen dabei Mineralsalze, die massgeblich zur Komplexität der Weine beitragen. Paolo Fabiani: «Gereifte Lugana zeichnen sich durch Noten von Petrol und heissem Stein aus, verlieren aber nicht ihre Finesse und Fruchtigkeit.» Die besten Ergebnisse bringen Turbiana-Pflanzen mit mit mehr als dreissig Jahren, meint Fabiani, mit wenig Hektarertrag und in Jahrgängen, mit einer langen warmen Reifeperiode im September und Oktober, in der die Trauben perfekt ausreifen können. Wie 1996, für Paolo Fabiani einer der grossen Lugana-Jahrgänge der Geschichte. Ambra Tiraboschi hat hingegen der Jahrgang 2001 überzeugt, der sich gerade jetzt auf dem Höhepunkt zeigt. «Aber wichtig ist, dass man dem Lugana Zeit zum reifen lässt», meint sie, «noch immer wird er viel zu jung getrunken, dabei hat schon eine gute Annata eine Reifepotenzial von drei, vier Jahren und mehr.»

Und das fast überall im Lugana-Gebiet, das fünf Gemeinden (Peschiera, Sirmione, Desenzano,  Pozzolengo und Lonato) umfasst, die einzigartige pedoklimatische Bedingungen im Inneren einer mediterranen Perle inmitten Norditaliens geniessen. «Es ist dieser Einfluss des Sees, der sich ganz stark auf den Weinbau auswirkt», sagt der Weinbauer Paolo Consolini, «aber nicht nur die kühlen morgendlichen Nord- und warmen Südwinde am Nachmittag, die für die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sorgen, sondern auch das Licht, das durch die Wasserfläche gespiegelt wird: Das wirkt sich stark auf die Photosynthese der Pflanzen aus.» Und gerade diese Nähe des Weines zum See sieht man auch in den Speiseempfehlungen. Für Paolo Consolini, der 13 Hektar Rebberge in San Benedetto bei Peschiera bewirtschaftet und seine Trauben an renommierte Lugana-Produzenten verkauft, ist Gardasee-Fisch der perfekte Begleiter zum Wein. Das sei schon historisch bedingt, sagt er: «Einst haben die Fischer den frischen Fisch gegen Wein der Weinbauern aus dem Hinterland eingetauscht. Schon damals wussten die Leute, das ein weisser Lugana bestens zu gegrillten Felchen oder Forellen passt.» Und das ist noch heute so, wie man in zahllosen Restaurants und Trattorie zwischen Peschiera del Garda und Desenzano ausprobieren kann.

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