Fokus Valpolicella

Die Veroneser Traubenruhe

Bilder: z.V.g.

Es ist ein Ritual, das im Herzen des Valpolicella die Jahrhunderte überdauert hat und heute für das Wesen des Gebiets und seiner Gemeinschaft steht: «Il rito della messa a riposo delle uve della Valpolicella.» Die Ruhephase der Trauben stellt eine entscheidende Phase in der Herstellung der grossen Weine der Valpolicella dar, wie Amarone und Recioto della Valpolicella. Dieses Ritual wurde über die Generationen und Jahrhunderte hinweg entwickelt und bewahrt. Es ist eher ein kollektives Ritual, das alle Beteiligten am Weinprozess einbezieht, als eine önologische Praxis.

Traditionelles Arbeiten

Nach der strikten Handlese erfolgt eine strenge Selektion der Trauben, die behutsam auf den traditionellen Unterlagen ausgelegt werden – entweder in den sogenannten «arele», den traditionellen Gestellen aus Schilfrohr, oder in Holzkisten oder flachen Behältern. Dies muss sehr sorgfältig erfolgen, damit die einzelnen Traubenbeeren keine Druckstellen bekommen und atmen können.

Danach werden die Behälter in die sogenannten «fruttai», landwirtschaftliche Gebäude, die sich durch eine natürliche Belüftung auszeichnen und Schutz vor Feuchtigkeit gewährleisten, gebracht. Hier ruhen die Trauben für mindestens 90 Tage. In dieser Zeit findet ein natürlicher Trocknungsprozess statt, bei dem die Trauben rund ein Drittel ihres ursprünglichen Gewichts verlieren, Zucker konzentrieren und besondere Aromen entwickeln. Dieser Prozess kann nicht künstlich beschleunigt werden, ohne sein Ergebnis zu verfälschen. Wind, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Geduld tragen ihren Teil zum Endresultat bei. Jeder Jahrgang ist einzigartig.

 

Das Wissen um dieses unabdingbare Ritual wird durch das gemeinsame Arbeiten weitergegeben und ist vor allem durch mündlich überlieferte Erfahrungen geprägt. Als Tradition spiegelt sich das Arbeiten auch in Liedern und Geschichten wider, die heute durch Social Media selbst die jüngere Generation erreichen und so weitergetragen werden. Neben der mündlichen, informellen Weitergabe haben sich strukturierte Ausbildungswege entwickelt, die das wissenschaftliche und kulturelle Bewusstsein stärken.

Vor mehr als einem Jahrzehnt wurde die Idee geboren, dieses «Ritual» als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkennen zu lassen. Es ging von kleinen Produzenten aus, denen sich nach und nach lokale Gemeinschaften, Institutionen, Verbände und die akademische Welt anschlossen. Die Bewerbung ist nicht nur eine symbolische Anerkennung, sondern ein Akt des Schutzes und der Bewahrung von Kultur und Tradition. Am 19. März hat die italienische UNESCO-Kommission auf Vorschlag des Kulturministeriums das Kandidaturdossier positiv bewertet und an das Welterbe­komitee in Paris weitergeleitet. Die endgültige Entscheidung der UNESCO wird für das Jahr 2027 erwartet.