10 Regeln für eine erfolgreiche Weinsammlung

Ratgeber: Mein eigener Weinkeller

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 22. Oktober 2018


DEUTSCHLAND (Würzburg) – Sie stehen am Anfang, wollen einen Weinkeller aufbauen oder haben schon einen Weinkeller und möchten Ihre Weinsammlung erweitern? Sie brauchen Rat! Gerne. Seien Sie egoistisch. Kaufen Sie Weine, die Ihnen gefallen. Ob das nun der ätherische Charme eines Burgunder Pinot Noir, die höhlenartige Tiefe eines klassifizierten Cabernet aus Bordeaux, das exotische Säurespiel eines Moselrieslings, die Mokka und Schokoladenaromen eines Amarone aus dem Valpolicella, die blumig-würzige Verführung eines Sauvignon Blanc aus der Loire sein soll – es ist Ihre Entscheidung. Natürlich können Sie jedwede Weine sammeln, es steht ihnen frei. Es ist wie mit Aktien, es gibt sichere, wertvolle, es gibt unsichere, risikoreiche und es gibt noch die individuellen, unscheinbaren Werte. Wer weiss schon, was sich daraus entwickelt. Es hängt auch von Ihrem Budget ab. Wir sprechen fortan über ein mittleres, vertretbares Investment.

(1) Es ist eine Frage des Geschmacks

Die Vorliebe für bestimmte Speisen kann sich auf Ihren Geschmack für verschiedene Weine übertragen lassen. Nutzen Sie dies zu Ihrem Vorteil, indem Sie nur das suchen und kaufen, was Ihnen Freude macht, also auf die gleiche Weise zu trinken, wie Sie Grundprodukte Zutaten für bevorzugte Speisen kaufen und verwenden.

Sie mögen Sushi, dann sollten Sie vielleicht die Crus von Chablis oder einen Silvaner GG aus Franken erkunden. Sie lieben Saltimbocca, dann könnten Sauvignon Blancs aus Südtirol oder der Loire eine gute Wahl sein. Wenn Steaks auf dem Grill Ihnen besonders  munden, dann versuchen Sie es mit einem argentinischen Malbec. Wieso? Weil Weine normalerweise einen harmonischen «Duettpartner» haben: Sauternes zu Blauschimmelkäse, Champagner oder Franciacorta zu Austern, Syrah zu Wild und so weiter.

(2) Die Zahlen in Ihrem Kopf

Starke, stellare Jahrgänge machen den Unterschied. In Bordeaux zum Beispiel sind das die Jahrgänge 1982, 1986, 1989, 1990, 2000, 2005, 2009, 2010. Sie werden beim Kauf bemerken: die Preise entsprechen der hohen Qualität. Alternativ suchen Sie nach kleineren Jahrgängen wie 2008 oder 2012. Diese sind nicht so hochpreisig, die Weine verfügen aber immer noch über eine Menge an Konzentration und Komplexität.

Auch Ihr Geburtsjahr ist ein Argument. Und wenn Ihr Geburtsjahr ein guter Jahrgang war, dann schlagen Sie zu. Kaufen Sie weltweit was Sie kriegen können. In den kommenden Geburtstagsfeiern sind Sie der Weinkönig.

(3) Breite, Länge, differenzierte Jahre

Suchen Sie nach Breiten- und Längengrad in Bezug zur Herkunft des Weins. Für Enthusiasten bietet sich später die Möglichkeit, Parallelen gleicher Rebsorten in entfernt oder gegenüberliegenden Enden der Erde zu kosten. Oder ziehen Sie die Wirkung von Mutter Natur ins Kalkül und erwerben verschiedene Jahrgänge des gleichen Weins. Ihnen steht dann später eine geschmackliche Forschung zu Verfügung.

Beispiel gefällig? Also einen beliebten Wein zu finden ist eine spannende Angelegenheit und kann mitunter zu ungeahnten Entdeckungen führen. Wenn Sie einen Bordeaux des Jahrgangs 2009 ergattern, dann legen sie ihm einen Roten gleichen Jahrgangs aus dem Napa Valley, vorzugsweise von Shafer's Hillside oder Harlan Estate, dominiert von Cabernet und Merlot, nebenan ins Fach. Dazu noch einen starken Cabernet aus dem australischen McLaren Vale.

Und wenn Sie sich gegen Horizontalen und Vertikalen entscheiden, gibt es noch eine Möglichkeit, einer weiteren raffinierten Sammelart für Kenner. Allerdings brauchen Sie hierbei schon Kontakt zu gleich mehreren renommierten Gütern oder Negociants, indem Sie verschieden Weine von ausgewählten Châteaus des gleichen Jahrgangs sammeln, um die Variation gewisser Zonen zu vergleichen. Auch eine Möglichkeit: eine Vertikale an Jahrgängen eines bestimmten Weins, beispielsweise eines Rieslings von der Vordermosel oder eines Amarone aus dem Valpolicella. Alle diese Möglichkeiten bieten höchste Spannung, wenn Sie sich dann später mal dem Genuss widmen.

(4) Suchen Sie sich einen Vertrauten

Weine sammeln ist nicht so einfach wie es sich anhört. Allein sind Sie mitunter nicht in der Lage, Schätze zu finden oder auszuwählen. Es gab Zeiten, da waren nur wenige vertrauenswürdige Weinkritiker zu finden. Heute haben Sie die Qual der Wahl. Fakt ist: es wird sich auszahlen, wenn Sie Empfehlungen erhalten, die Ihren eigenen Vorlieben entsprechen.

Doch Obacht. Der Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Geschmack ist meist gravierend. Der Erstgenannte, der ganz klar von Robert Parker verkörpert wird, neigt zu Rotweinen mit höherem Alkoholgehalt, robusteren und konzentrierteren Tropfen. Der Europäer neigt eher zu Weinen mit höherer Säure, leichterem Alkohol sowie zu Weinen mit Komplexität, Eleganz und Struktur.

(5) Wo, wie lagern?

Also, einen Keller sollte es im Idealfall schon sein. Er ist die beste Räumlichkeit, um ein langes Leben Ihrer Weine zu garantieren. Ein perfekter Keller sollte kühl sein, zwischen 11°C und 14°C, wobei 12°C die ideale Temperatur wäre. Schwankungen in der Temperatur beeinflussen auf Dauer den Geschmack Ihrer Weine – zu heiss und der Wein wird schneller seine Aromen verwischen und früher altern. Wenn der Keller zu kalt ist, leidet der Korkverschluss unter zu geringer Luftfeuchtigkeit und beginnt zu trocken, was zum Durchsickern von Sauerstoff und zu einem oxidativem Geschmack führt.

Wein mag am liebsten im Dunklen schlummern und reifen. Sonnenlicht wird die Moleküle im Wein negativ beeinflussen und der Wein wird fade im Geschmack und seine Farbe verliert sich. Zu viel Licht lässt die Etiketten verblassen.

Tipps: Lagern Sie Ihre Tropfen mit Korkverschluss möglichst horizontal. Und wenn die Lichtverhältnisse nicht passen, dann lagern Sie die Weine verschlossen im Originalkarton.

(6) Reisen bildet – bewegen Sie sich

Weinsammlern begegnen Sie beispielsweise auf den Terrassen im Douro, oder in den Weinbergen der Champagne, der Valpolicella oder beim Wandern in den steilen Hängen des Moseltals. Neue Weine finden, mit Gleichgesinnten Erfahrungen austauschen und Wissen aneignen, geht am besten, wenn Sie Ihren Koffer packen und in den nächsten Weinberg jetten.

Auch eine sehr empfehlenswerte Erfahrung sind Tourangebote von Weingütern oder von Händlern. Meist für kleines Geld lassen sich bei geführten Aufenthalten direkt im Herzen der Weinproduktion Erfahrungen sammeln. Besonders begehrt sind spezielle Verkostungen bei den Weingütern. Hier müssen Sie sich im Laufe der Zeit ein Weinnetzwerk aufbauen – es ist anfänglich mühsam, aber sind Sie erst mal als ernster Weinsammler erkannt, öffnen sich Türen, Tore und Flaschen wie von selbst.

(7) Führen Sie ein Kellerbuch

Notieren, notieren, notieren. Was für ein Schatz, was für ein Rückblick bieten Ihnen Ihre Reise- und Weinnotizen, wenn Sie diese nach Jahren einmal nachblättern. Es sind unvergleichliche Werte. Zugegeben es scheint mühsam, aber nichts bilanziert Ihr Wissen besser und authentischer.

Jedenfalls notieren Sie Ihre Käufe: wann, bei wem, zu welchem Preis und ergänzen Sie dies mit persönlichen Eindrücken. Und ein Kellerbuch sollte Pflicht sein. Eingänge, Ausgänge und Verkostungsnotizen sind Pflicht für einen ernsthaften Sammler.

(8) Planen nach dem Weinkalender

Der Weinhandel hat seine spezielle Saison, die zu kennen und zu verfolgen sich lohnen kann. Anfang des Jahres bieten die Händler Burgund En Primeur an. Es sind Weine, die Sie ordern können und zwei bis drei Jahre später nach Ihrer Reife erhalten. Im März und April veranstaltet Bordeaux die eigene En Primeur in ähnlicher Form. Es ist die Zeit für Sammler, um die Châteaux zu besuchen und Kaufentscheidungen zu treffen. Im Mai starten die Verkostungen von Barolo und Brunelli. Im September stellt der VDP die Grossen Gewächse vor. Im November konzentrieren sich der Handel und die Weinliebhaber auf das Rhônetal und die Versteigerung der Fässer des Hospizes de Beaune. Dies sind nur einige von wichtigen Meilensteinen eines Weinkalenders für Weinsammler.

Auch die grossen Messen wie die ProWein, VinItaly oder Vinexpo sind Schlüsseltermine, die beachtet werden sollten. Viele kleinere Messen sind ebenso interessant. Bei allen Messeterminen gilt, sich vorab genau zu informieren und sich einen Tagesplan zu erstellen. Vereinbaren Sie Termine, nur so haben Sie die Aufmerksamkeit des Winzers oder Händlers.

(9) Jung oder alt

In der Jugend sind feine Weine wie Menschen in der Regel robust, vital und dennoch eindimensional in ihrer Attraktivität. Zugegeben, ihnen mag die Reife fehlen, die Finesse und Struktur, aber das kann man generell so nicht sagen. Sicherlich haben Weine eine gewisse Reifezeit und die sollen oder müssen sie auch haben. Nur, Sie müssen darauf achten – Sie wissen ja, notieren und korrekt aufbewahren.

Junge, frische Weine können aber ebenso spannend sein. Es gibt da eine Weisheit: wenn Weine ein bestimmtes Alter erreicht haben, dann kann es vorkommen, dass es nicht mehr große Weine, sondern nur noch große Flaschen sind. Letztlich gemeint ist, dass es nichts Tragischeres gibt, wenn beispielsweise Korken durch nicht fachgerechte Lagerung einen einst glorreichen Wein oxidieren lassen.

Was also ist die Antwort: Jugendweine können eine Vitalität zeigen, die eine Flasche, die sich ihrem halben Jahrhundert nähert, schwer aufbringen kann. Aber ein perfekt gelagerter und gealterter Wein offenbart Nuancen, Charme und einen einzigartigen Charakter, den Jungweine nie haben können. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.

(10) Weingut, Handel, Internet, Versteigerung

Nun, wir sind alle bequem. Ein Klick am Laptop oder Handy und schon kommt ein, zwei Tage später ein Paket vom Internet-Weinshop. Das Öffnen des Paketes mag ja noch ganz nett sein, aber was ist das gegen authentische Informationen, gegen ein Gespräch mit dem Erzeuger, dem erfahrenen Händler, dem gerade getroffenen Weinsammler bei der Auktion?

Der Handel schrumpft, dem Internetversand geschuldet. Es gibt immer weniger erfahrende Händler. Das liegt aber auch am Konsumenten selbst. Tun Sie sich um, suchen Sie sich einen erfahrenen Händler, der Sie mit Informationen bereichert und auch zu ungeahnten Treffen und Erlebnissen führen kann. Auch ein Besuch beim Erzeuger ist empfehlenswert. Hier erhalten Sie allumfassende Eindrücke, Geschmack und Gerüche, die sich einprägen.

Scheuen Sie sich nicht vor Versteigerungen. Falls Ihr Budget nicht reichen sollte und ein begehrter Tropfen wandert zu Ihrem Nachbarn – es ist nicht tragisch. Sprechen Sie den «Kollegen» an. Kommunizieren Sie im Kreis der Bieter. So manches Mal sind gerade hier Besonderheiten oder auch Geheimnisse zu erfahren – es sind wertvolle Informationen, die sie hierbei erhalten können.

Epilog

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Start oder Erweiterung Ihres eigenen Weinkellers. Denken Sie daran, es ist Ihr Keller, es ist Ihr Gusto, was zählt.

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