Hochprozentiges Gel

Spirituosenindustrie im Kampf gegen die Corona-Pandemie

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 22. März 2020


DEUTSCHLAND (Würzburg) – Laut Angaben des Robert Koch-Instituts haben sich bis dato weltweit knapp 260.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, über 11.000 Menschen sind daran verstorben, die meisten in Italien, etwas über 87.000 Menschen sind genesen. Immer noch ist die Ansteckungsgefahr sehr gross. In einigen Regionen der Welt verbreiten Infizierte bis zu drei weitere Menschen. Ein Horrorszenario für die Gesellschaften. Mittlerweile gaben die Gesundheitsbehörden auch pragmatische Empfehlungen und rieten zur Nutzung von Handdesinfektionsmitteln als eine der einfachsten Möglichkeiten, die Ausbreitung der Krankheit verhindern zu helfen. Dieser Rat führte dazu, dass regional antibakterielle Gels in Apotheken, Drogerien und Supermärkten weitgehend nicht mehr zu erhalten sind.

Daraus folgend riet die Weltgesundheitsorganisation (WHO), selbst zu Hause ein Desinfektionsmittel aus Spirituosen herzustellen. Die dazu verwendbaren Spirituosen müssten allerdings über mindestens 60 Volumenprozent verfügen, um wirksam zu sein. Diese Empfehlung hat danach Dutzende von Spirituosen- und Kosmetikhersteller auf den Plan gerufen, ihr Know-How anzuwenden und einen Teil ihrer Produktion zur Herstellung von flüssigen Desinfektionsmitteln für Hände umgestellt. Schon sind diese quasi mittels „zweckentfremdeten“ Spirituosen beziehungsweise mit Alkohol entwickelten Produkte im örtlichen Handel erhältlich, andere versorgen damit die Landesbehörden oder auch direkt die nahe Region, wiederum andere verschenken diese Mittel an wohltätige Initiativen oder an Bedürftige.

Nachfolgend habe ich eine Übersicht der bisher bekanntesten Aktionen der Kosmetik- und Alkoholindustrie zur Eindämmung der Covic-19-Pandemie zusammengestellt. Ich beziehe mich dabei auf jüngste Meldungen der jeweiligen regionalen Medien sowie internationale Presseberichte.

LVMH / Louis Vuitton Moet Hennessy, Frankreich

Der Luxusgüterkonzern LVMH hat seine Parfüm- und Kosmetikabteilung beauftragt, seine Anlagen zur Herstellung „erheblicher Mengen“ von hydroalkoholischem Gel für die französischen Behörden vorzubereiten. Die LVMH-Marken, darunter Dior, Guerlain und Givenchy, haben Mitte März mit der Produktion des Produkts begonnen. Das Gel wird dann kostenlos an die Gesundheitsbehörden geliefert. LVMH sagte, dass sie diese Aktion „solange es notwendig ist“ aufrechterhalten werden.

Pernod Ricard, Frankreich

Der Spirituosen-Konzern Pernod Ricard hat jüngst verkündet, 70.000 Liter reinen Alkohol zur Herstellung von Handdesinfektionsmitteln zu spenden. In Zusammenarbeit mit dem französischen Pharma-Unternehmen Laboratoire Cooper sollen die Desinfektionsmittel dann an die Apotheken verteilt werden. Pernod Ricard reagierte mit dieser Spende prompt, nachdem die französischen Behörden gewarnt hatten, dass durch die Abriegelung des Landes, es zu Engpässen von grundlegenden Ressourcen kommen könnte. Weiterhin wurde bekannt, das Pernod Ricard seine technischen Produktionsanlagen inklusive Personal in Frankreich und Spanien wie auch die Irisch Distillers in Irland, zur Herstellung von Desinfektionsmitteln zu Verfügung stellen.

BrewDog, Aberdeenshire, Schottland

Die in Ellon (Council Area Aberdeenshire) in Schottland ansässige BrewDog ist eine Brauereigruppe, die auch stark in der Systemgastronomie engagiert ist. Ein Teil seiner Produktion hat BrewDog nun auf Handdesinfektionsmittel umgestellt. Laut Firmenchef und Mitbegründer James Watt, will das Unternehmen die Mittel nicht mit Gewinn verkaufen, sondern „es an diejenigen verschenken, die es brauchen“.

Absolut Wodka, Schweden

Auch die schwedische Tochtergesellschaft von Pernod Ricard, Absolut Wodka, engagiert sich in Sachen Covid-19. Das Unternehmen stellt Spiritus zur Verwendung für Handdesinfektionsmitteln zu Verfügung. Der Spiritus wird den Behörden überstellt, die dann die Verteilung an produzierende Betriebe regelt oder auf Anweisung der Behörden liefert Absolut Wodka direkt an Produzenten. Zum Projekt sagt Paula Erikson, Kommunikationsmanagerin bei Absolut Wodka: „Wir helfen, zivile Notfälle zu vermeiden“.

Rabbit Hole, Smooth Ambler, TX Whiskey, USA

Auch die Tochterbetriebe von Pernod Ricard in den USA sind im Rahmen der Pandemie mit Covid-19 aktiv. So stellen die Produktionsstätten und Destillerien Rabbit Hole (Kentucky), Smooth Ambler (West Virginia) und TX Whiskey (Texas) Mittel für Handdesinfektion zu Verfügung oder produzieren selbst.

Psychompomp Microdistillery & Circumstance Distillery, Bristol, Grossbritannien

Aber es sind nicht nur die Big Player der Industrie, die ihre Dienste den Behörden im Kampf um die Pandemie mit Coronavirus zu Verfügung stellen. Auch kleinere, unabhängige Brennereien und Brauereien auf der ganzen Welt nehmen Anteil zur Versorgung ihrer Gemeinschaften. Nachdem Panikkäufe die Supermärkte, Drogerien und Apotheken in der Region Bristol geleert hatten, sah sich die Psychompomp Microdistillery & Circumstance Distillery in der Pflicht, Handdesinfektionsmittel zu produzieren. Anstatt das Mittel gewinnbringend zu verkaufen, hat sich die Destillerie für einen unkonventionellen Vertrieb entschieden. Jeder Gin-Bestellung wird eine Flasche Desinfektionsmittel beigelegt. Regionale Kunden haben ausserdem die Möglichkeit, eigene wiederbefüllbare Flaschen mitzubringen und in der Destillerie auffüllen zu lassen. Jeder, egal ob Käufer eines Gin oder Empfänger des Handdesinfektionsmittels, obliegt es, eine Spende zu geben, verlangt wird diese nicht.

Annex-Ale-Projekt, Alberta, Raft Beers, Calgary, Kanada

Auch jenseits des Atlantiks werden Getränkeunternehmen aktiv. In Kanada hat die örtliche Brauerei Annex Ale ein Projekt aufgelegt und ist zuversichtlich, in Zukunft annähernd 10.000 Flaschen Handdesinfektionsmittel zu produzieren und in den Handel zu bringen. Die Produktion berücksichtigt die WHO-Empfehlungen. Für das Handdesinfektionsmittel von Annex werden neben anderen Rohstoffen auch Wasserstoffperoxid, Glycerin und 80 Prozent Ethanol verwendet. Das Produkt ist zum Nachfüllen konzipiert, sodass Kunden ihre Seifenspender oder andere im Haushalt benutzte Spender damit füllen und sich erneut bei Annex abholen können. Die Brauerei arbeitet zusammen mit Raft Beer Labs, einem in Calgary ansässigen Unternehmen, das die Qualitätssicherung für Brauereien betreibt. Gemeinsam wollen beide Unternehmen ein Produktionspaket schaffen, das sie mit anderen kanadischen Destillateuren und Brauereien teilen können, die gesetzlich berechtigt sind, Handdesinfektionsmittel herzustellen.

Corby Spirit and Wine Limited und Hiram Walker & Sons Distillery, Windsor, Ontario

Weiterhin haben die Corby Spirit and Wine Limited und die zu ihr gehörende Hiram Walker & Sons Distillery in Windsor, Ontario, damit begonnen, Handdesinfektionsmittel herzustellen. Die Walker & Sons Distillery ist eine historische Distillery, die seit über 160 Jahren am Ufer des Detroit River die bekannte kanadische Marke J.P. Wiser's Whisky produziert. In Abstimmung mit den örtlichen Behörden werden die Handdesinfektionsmittel entweder gespendet oder dort bereitgestellt, wo sie von der Bevölkerung am dringendsten benötigt werden.

New Yorker Destillierunternehmen, New York, USA

Weiter engagiert in der Unterstützung von Massnahmen gegen die Corona-Pandemie sind eine ganze Reihe von Destillerien in den USA. Eine davon ist die im New Yorker Stadtteil Williamsburg (Brooklyn) ansässige New York Distilling Company, die ihren unverdünnten Perry's Tot Navy Strength Gin zur Herstellung von Handdesinfektionsmitteln verwendet. Der Ethanolgehalt des Mittels liegt bei hohen 85 Prozent, ausserdem sind pflanzliche Wirkstoffe wie etwa Alora Vera mit eingearbeitet. Das Handdesinfektionsmittel von Distilling steht allerdings vorerst nicht zum Verkauf, sondern wird den Handelspartnern und Kunden des Unternehmens zu Verfügung gestellt.

Zurück zur Übersicht

VINUM-Newsletter

Erhalten Sie das Neuste von VINUM direkt in Ihre Inbox!

JETZT ABONNIEREN