C-14 als Waffe

Fake-Whisky infiltriert die Märkte

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 28. Dezember 2018


SCHOTTLAND (Glasgow) – Die Meldung schockiert die Whisky-Branche, Liebhaber und Sammler, Handel und Produzenten gleichermassen: von 55 getesteten «seltenen» schottischen Whiskys sind 21 gefälscht. Vermeldet wurde dies jüngst von der Scottish University Environmental Research Center (SUERC) mit Sitz in Glasgow. Das Institut hatte zuvor die Spirituosen auf dem freien Markt erworben. Nach Analyse im Labor stellte sich heraus, dass mehr als ein Drittel der untersuchten Whiskys nicht in dem angegebenen Jahr destilliert wurden, darunter vor allem Raritäten, die angeblich um 1900 oder noch davor destilliert sein sollten.

Die Ergebnisse, die jetzt der Öffentlichkeit mitgeteilt wurden, deuten darauf hin, dass das Problem mit gefälschten seltenen schottischen Whiskys weitaus umfangreicher ist als ursprünglich angenommen und alle wichtigen Marktwege für seltene Whisky, insbesondere deren «Oldtimer» betreffend, unterwandert sind.

Ziel der Fälscher: ‚antik‘ destillierte Whisky

David Robertson, Mitbegründer von Rare Whisky 101* (RW101), einer Institution, die Marktwerte für Whisky analysiert und eine verlässliche Informationsquelle für Sammler ist, kommentiert die Analyse: «Wir waren sehr enttäuscht, als festgestellt wurde, dass ausnahmslos jeder einzelne ‚antik’ destillierte Whisky aus der Zeit vor 1900, der von der SUERC analysiert wurde, sich als Fälschung erwiesen hat. Wir sind der festen Überzeugung, dass jede Flasche vor 1900, vor allem die noch älteren, als Fälschung gelten müssen, bis sie sich als echt erwiesen haben, vor allem, wenn die zu betrachtende Flasche angeblich ein malziger Scotch Whisky ist.»

Besonders hervorzuheben sind drei Flaschen seltener Whiskys aus unterschiedlichen Quellen. Eine Flasche Ardbeg 1885 stammte von einem privaten Eigentümer, eine Flasche seltenen Thornes Heritage, die einst zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem Auktionator erworben wurde und sich im Portfolio der RW101 befand, und wiederum eine in den 1960er Jahren abgefüllte Flasche Ardbeg, gekauft von einem Einzelhändler. Alle drei wurden der SUERC zur Analyse und Bewertung zu Verfügung gestellt und erwiesen sich als Fälschungen. Hätten sich diese und die 18 weiteren der 21 beim Test als Fälschungen entlarvten Flaschen als echt erwiesen, dann hätten diese einen Marktwert in der Summe von rund 710.000 Euro. Einzelne Destillate davon repräsentieren heute einen eher niedrigsten Wert von knapp 2.800 Euro, andere einen weit höheren Wert, die älteste und wertvollste Flasche unter ihnen hätte heute auf dem freien Markt einen Wert von rund 170.000 Euro.

Andy Simpson, Mitbegründer von RW101, konstatiert: «Wie wir immer gesagt haben, muss sich jeder Käufer um die Echtheit und Wahrhaftigkeit im Vorfeld einer möglichen Übernahme bemühen. Die explodierende Nachfrage nach seltenen Whiskys zieht zwangsläufig Schurken in diesem Sektor an. Obwohl wir wissen, dass die grosse Mehrheit der seltenen Whisky-Anbieter nicht wissentlich gefälschten Whisky an ahnungslose Käufer verkauft, würden wir Auktionshäuser, Einzelhändler, Markeninhaber und Käufer dazu auffordern, keinen destillierten schottischen Whisky aus der Zeit vor 1900 zu verkaufen oder zu kaufen, ohne das diese Spirituose ein professionelles Zertifikat des Destillationsjahres durch ein Kohlenstoffdatierungslabor nachweisen kann.»

C-14: Effektive Waffe gegen Fälschungen

Der Prozess, den die SUERC hauptsächlich verwendete, um die Echtheit der untersuchten Whiskys zu prüfen, basiert auf der entwickelnden Wissenschaft zur Identifizierung von Konzentrationen an Radiokohlenstoff (kurz: C-14) in Flüssigkeiten. Radiocarbon wird in der oberen Atmosphäre kontinuierlich mit praktisch konstanter Geschwindigkeit produziert, so dass alles, was lebt, ungefähr den gleichen Anteil an Radiocarbon aufweist. Während des Industriezeitalters, also in der Zeit als die beanstandeten Whiskys angeblich produziert sein sollten, wurden bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe grosse Mengen an nicht radioaktivem Kohlenstoff freigesetzt, wodurch der Gehalt an Kohlenwasserstoffen reduziert wurde. In der Folge während der fünfziger Jahren änderte sich mit dem Beginn des ‚Kalten Krieges‘ und dem Beginn atmosphärischer Atomwaffentests die Zusammensetzung des Radiocarbon, was zu einem Anstieg der Werte in der Atmosphäre führte, die wiederum von allen lebenden Organismen absorbiert wurden. Diese Werte stiegen bis 1963 weiter an bis das Abkommen für Verbote solcher Tests dafür sorgte, dass das Kohlenwasserstoffniveau in den folgenden Jahrzehnten kontinuierlich wieder abnahm. Dies hört sich eher grob an, aber mit Vergleichen lassen sich sehr differenzierte Werte in Bezug zu bestimmten Jahren eindeutig definieren.

Einfach ausgedrückt kann man festhalten: winzige nachweisliche Mengen an Radiocarbon wurden von der Gerste absorbiert, als sie wuchs, und jeder Whisky erhielt dadurch seine eigene radioaktive Datumsunterschrift. Dies bedeutet vereinfacht, dass die Wissenschaft nachweisen kann, dass Whisky mit niedrigem Radiocarbon-Gehalt vor der Atomzeit destilliert worden sein muss und jeder Whisky mit höheren Radiocarbon-Spiegeln nach 1955 destilliert worden sein muss. Der Prozess so genau, dass die SUERC die voraussichtlichen Destillationsjahre innerhalb von zwei bis drei Jahren nach den 1950er Jahren bestimmen kann. Für Muster, die vor den 1950er Jahren datiert wurden, bietet die Technik eine breitere Jahresbestimmung.

Die SUERC rät jeden alten Whisky analysieren lassen

Professor Gordon Cook, Chef des SUERC Radiocarbon Labors, stellt fest: «Wir hatten bedeutende Unterstützung von den grossen Destillerien, die vergleichende Whiskyproben mit bestätigtem Alter zur Verfügung stellten, die es uns wiederum ermöglichten, mit dieser Arbeit zielgerecht zu beginnen und darauf basierend auch eindeutige Vergleiche anzustellen. Durch unsere Zusammenarbeit mit RW101 und die Bereitstellung von wirklich alten und seltenen Whiskys haben wir es geschafft, unsere Analysen zu beschleunigen. Letztlich sind die Ergebnisse enttäuschend zu bewerten, weil ein grosser Prozentsatz an Oldtimer-Whiskys gefälscht ist. Als Positivum ist festzustellen, dass wir eine sehr leistungsfähige Technik entwickelt haben, um Betrügern ihr Handwerk zu erschweren. Abgesehen davon würde ich jedem raten, der einen Whisky um 1900 und älter verkaufen oder kaufen will, diesen vorher analysieren zu lassen.»

Parallel zur Testphase mit den schottischen Whiskys hat die SUERC vier Flaschen alten Whiskys aus einer USA-Produktion analysiert, die angeblich zwischen Mitte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts für die breite Öffentlichkeit destilliert wurden. Von diesen waren drei echt. Cook resümiert: «Man kann also auch annehmen, dass es wirklich alte, seltene und damit echte Whiskys gibt. Aber Vorsicht!»

Kein Ende in Sicht

Der Handels- wie der Auktionsmarkt für seltenen Whisky ist ohne Frage ein lukratives Geschäft. RW101 prognostiziert, dass allein in Grossbritannien im Jahr 2018 mehr als 100.000 Flaschen Whisky den Eigentümer wechseln, die in Summe einen Wert von über 40 Millionen Euro erreichen. Anhand Verkaufszahlen des Handels und der Ergebnisse von Auktionen kann man sich die Werte der Märkte anderer Länder hochrechnen. «Es ist erschreckend, wie bisher so Millionen mit gefälschten Whiskys umgesetzt wurden und damit auch Fälschungen im Umlauf sind», sagt Robertson. «Im Zuge der immer steigenden Preise für Whisky-Raritäten befürchte ich, dass dieses Problem sogar noch zunehmen wird.»

Rare Whisky 101 (RW101)

*Rare Whisky 101 (RW101) ist das erste und einzige Unternehmen, das umfassende Informationen und Erkenntnisse an den Whiskysammler und -investor veröffentlicht. Von der Rangliste der Brennereien nach Volumen und Wert, über die Indexe Rare Whisky Apex 1000, 250 und 100 bis hin zu einer Reihe branchenführender zusammengesetzter Leistungsindexe. Weiterhin bietet RW101 Bewertungen in Echtzeit, branchenspezifische Geschäftsberichte zur Orientierung und jegliche Beratung zum Kauf oder Verkauf von Whisky. Vom Markendesign über die Konstruktion und Entwicklung bis hin zur Unterstützung des Brennereidesigns können auch Produzenten in jeder Phase Dienste abrufen. Anfragen, egal ob eine Whiskysammlung aufgebaut oder entsorgt werden soll oder auch nur um einen Preis zu checken, werden prompt und diskret behandelt.

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