Polwanderung

Riesling auf dem Weg gen Norden

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 07. Januar 2020


DEUTSCHLAND (Geisenheim) – Es geht nicht mehr zurück. Im 20. Jahrhundert war noch alles in Ordnung – in der deutschen Weinwelt und deren Weinbau. Es wurde sich gefreut, wenn mal die Trauben ausreiften durften und man keine Wetterkapriolen wie Frost oder Hagel über die Vegetationsperiode beklagen musste. Jahrgänge, die daneben gingen, wurden hingenommen. Im 21. Jahrhundert ist alles anders. In den ersten beiden Dekaden häufen sich vollreife Traubenjahre wie an einer Perlenreihe, aber auch die heraufziehenden Unbilden des sich ändernden Weltklimas. Geerntet wird immer früher – schon zu den Sommerferien und nicht mehr abschließend nach der Kartoffelernte oder zu den Herbstferien. Heute ernten die deutschen Winzer mehr als zwei Wochen früher als gewohnt, weil durch wärmere Vegetationsperioden die Trauben optimal reifen. Geblieben sind weniger die Angst vor Frost, sondern vielmehr die Angst vor heftigen Regenfällen und Hagel, Hitzewellen und Trockenheit.

Gerade die zweite Dekade unseres Jahrhunderts brachte die Erkenntnis, dass heisse Sommer zur Normalität werden und sich Trockenheit von Südspanien bis nach Skandinavien ausbreitet. Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881 herrschten in 2019, nach 2018, die höchsten Temperaturen in Deutschland. Wir müssen mittlerweile im langjährigen Mittel mit zwei Grad plus umgehen, was für Reben und deren Trauben gleichermaßen gilt. Das Herbstwetter ist heute eher ein Spätsommerwetter. Das war früher nicht so, wo man oftmals um die Reife der Beeren bangen musste.

Ist der deutsche Riesling verloren?

Es ist die deutsche Paradesorte, der Riesling, den es voll trifft. Es wird ihm in seinen angestammten Anbauzonen einfach zu heiß. Heute schon voraussehbar ist, dass wir seine Rasse, seine Kühle und seinen schlanken Körper in Zukunft vermissen werden. Schon jetzt ist der mit moderatem Alkohol ausgestattete Kabinett ein Verlierer des Klimawandels. All dem kann man auf Dauer letztlich nichts Wesentliches entgegnen, da sind sich Experten der Weinszene sicher. Andererseits wird deutscher Rotwein immer besser. Die Bedingungen für feine Pinot Noirs und Co. wandeln sich hierzulande zum Ideal, während in angestammten Weinzonen in Südeuropa die Rebflächen an die Bergflanken in höhere Regionen ausweichen müssen, wenn die Produzenten ihre Qualitäten weiterhin aufrechterhalten wollen.

„Der Jahrgang 2018 ist mit dem Durchschnittsjahrgang von 2050 vergleichbar, was unsere Modelle untermauern“, sagte Prof. Dr. Hans Reiner Schultz, Präsident der Weinuniversität Geisenheim, jüngst in einem Fernsehbericht des Senders Arte. „Besonders sorge ich mich um die Schnelligkeit des Klimawandels. Dennoch werden auch zukünftig Riesling haben, aber es wird schwer werden, ihn so zu erhalten wie wir ihn jetzt kennen. Vielleicht müssen wir uns auch von einer Sorte trennen, denn wenn wir zukünftig zwei oder drei Grad mehr auf dem Planeten haben, dann haben wir ganz andere Sorgen. Rebsorten, die bei diesen Bedingungen Schwierigkeiten haben sind das geringste Problem.“

CO2 und Bewässerung

Wie sieht der Weinberg in Deutschland von morgen aus? Wird uns Kohlendioxid (CO2) mehr zu schaffen machen, als wir uns heute vorstellen können? In Geisenheim macht man sich schon lange Gedanken über den Einfluss des Klimas. Kohlendioxid (CO2) ist eines der Themen, die dort hinsichtlich der Reben und Trauben untersucht werden. CO2 ist einer der Faktoren, die die Rebe mehr Wasser verbrauchen lässt. Gerade Bewässerung ist eines der großen Themen der Zukunft. Mancher Winzer fragt in Anbetracht seiner Unterstützungsmaßnahmen, ob er da noch ein natürliches Produkt in die Flasche bringt, wenn er an allen Ecken und Kanten mit technischen Methoden einwirken muss.

Als sei dies nicht genug nehmen auch die Sonnentage zu, was wiederum zu Sonnenbrand an den Trauben führt. Lange trockene Perioden, Starkwind, ja sogar Tornados tun das Übrige. Klimastress, nennen das die Experten in Geisenheim und fragen sich, was ist in 30 Jahren, wenn der Wandel sich fortsetzt? „In 2050 wird ein anderes Klima herrschen als heute. Der Zyklus des Rebalters wird nicht mehr so sein, wie wir es seit Jahrhunderten gewohnt sind. Wir müssen es akzeptieren und uns darauf einstellen“, heisst es auf dem Campus und ist ein zentrales Thema, das in der Weinuniversität diskutiert wird.

In die Höhe oder nach Norden

Höhe wäre für „klimaschwache“ Reben eine vorübergehende Lösung, jedenfalls für die nächsten Jahrzehnte. Eifel, Hunsrück und Westerwald, seit Jahrhunderten Schutzbegleiter des deutschen Riesling könnten im Weinanbau ergänzt werden von weiteren Mittelgebirgen wie Rhön oder Harz. Wie es sich mit dem Weinbau im Harz verhält lässt sich in meinen Artikel: „Harzer Winzer mit Herzblut“ nachlesen.

Ein Ausweichen nach Norden? Aber wohin? Schon seit Beginn dieses Jahrhunderts investiert die französische Weinindustrie in den Süden Englands. Sogar Champagner-Güter haben sich Rebflächen in Kent, Sussex oder sogar in Südwales gesichert oder sind Kooperationen mit dortigen Winzern eingegangen. Die Causa dahinter ist das dort noch herrschende kühlere Klima und damit einhergehend günstigeren Witterungsverhältnissen als es in Frankreich der Fall ist.

Unausweichlich werden sich die Weinbauzonen stark verändern, sie werden unaufhörlich in Richtung der Pole wanden. Der Norden Europas schickt sich an, die Weinzone der Zukunft zu werden. Diesbezüglichen Prognosen von Weinexperten scheinen sich zu bewahrheiten. So hat das Weingut Keller aus Dahlsheim bereits Rebflächen in Skandinavien im Ertrag. Gemeinsam mit einer Norwegerin, vor Jahren eine Praktikantin des Riesling-Spezialisten und verliebt in diese urdeutsche Rebsorte, hat Klaus Peter Keller ein Projekt im Süden Norwegens gestartet. Zusammen mit der Praktikantin hat er in der Hafenstadt Kristiansund Reben des Rieslings und Frühburgunders gepflanzt. Die Hoffnung war, irgendwann mal eine Ernte zu haben. Aus der Hoffnung wurde schon Gewissheit. 2018 war die erste erfolgreiche Ernte. Der Riesling erobert Norwegen. Wer hätte das gedacht …

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