Königstein

Harzer Winzer mit Herzblut

  • Harzer Weingut Kirmann
    Der selbstbewusste Matthias Kirmann ist zu Recht überzeugt von seinen Weinen. (Foto: Harzer Weingut Kirmann)
  • Harzer Weingut Kirmann
    Frühling in der Top-Lage Westerhäuser Königstein (Foto: Harzer Weingut Kirmann)

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 22. April 2019


DEUTSCHLAND (Westerhausen) – Es zieht uns immer wieder in den nördlichen Harz nach Goslar, weil hier bei den Eltern jederzeit ein kulinarisches und seelisches Verwöhnprogramm auf uns wartet, weil wir die wilden Wälder, Bäche, Flüsse und Seen im Naturschutzpark Nordharz lieben und es hier teils herausfordernde Trails, aber auch landschaftlich reizvolle Routen für uns leidenschaftliche Mountainbiker gibt. Ausserdem erwandern wir gerne die mit 1.141 Meter höchste Erhebung des Harzes via den naturnahen Heinrich-Heine-Weg entlang der Ilse-Klamm von Ilsenburg aus, später durch Wälder und Hochheide. Auf dem Brocken angekommen, sind Erbsensuppe und Weizenbier obligatorisch.

Weinbau im Harz

Dass im nördlichen Harzvorland im Zentrum des Landkreises Harz, gewissermassen im Schatten des Brocken, Weinbau betrieben wird, mag so manchen Leser aufhorchen lassen – auch wir waren überrascht, als uns die Eltern jetzt beim Osterbesuch darauf aufmerksam machten. Gleich meldeten sich Zweifel an, ob der Machbarkeit eines solchen Unternehmens in einer vermeintlich rauen Landschaft, weitab jeder klassischen Weinregion. Aber das Gespräch mit dem sympathischen Winzer Matthias Kirmann und seine erstaunlichen Ergebnisse im Glas müssen vorurteilsfrei akzeptiert werden.

Sein Vater und Grossvater hatten noch den für Norddeutschland typischen Obstwein in Glasballons ausgebaut, als Matthias Kirmann im Jahr 1989 als 25-jähriger den Mut aufbrachte, dem traditionellen Obstwein den Rücken zukehren und fortan ausschliesslich Wein anzubauen. Noch vor der Wende legte er am markanten Königstein in Westerhausen einen ersten Weinberg mit 400 Rebstöcken an. Bis 1994 wurde das Lesegut zum Teil für den Eigenbedarf genutzt, in der Mehrheit aber an die Genossenschaft in Freyburg (Sachsen-Anhalt) abgetreten.

1995 wechselte der gelernte Vermessungstechniker vom hobbymässigen Traubenlieferanten zum Vollerwerbswinzer. Im gleichen Jahr wurde das komplett eingerichtete Weingut mit Kellerei, Lager, Flaschenweinverkauf, Verkostungsraum und Büro fertig gestellt. Ein Jahr zuvor hatte er die bereits angelegten Rebflächen erweitert, um langfristig eine solide Basis für eine Existenz als Winzer nach dem geplanten Ausscheiden aus seinem Beruf zu schaffen.

„Meine Frau und ich betreiben den Weinbau und -Ausbau als Handwerk mit Leib und Seele“, erzählt Kirmann. „Aber ohne Mengenreduzierung läuft es hier nicht. Unser Ertragsniveau beläuft sich  durchschnittlich auf 35 Hektoliter pro Hektar. Ein Problem ist zudem der richtige Umgang mit den geografisch bedingten höheren Säurewerten und der kürzeren Vegetationszeit. Unser Vorteil ist, dass unsere Region und damit auch unsere Lagen im Schatten des Brocken liegen. Das Wetter von Westen hält der Brocken ab, hier regnen sich die Wolken aus, auf dem Weg zu uns entwickelt sich oft ein Fön, sodass wir hier ein gemässigtes Klima gegenüber dem Westharz haben. Der Nachteil ist, dass wir weniger Regen bekommen, sodass wir in einer unseren Lagen bei heissen Sommern bewässern müssen, bei den anderen beiden ist es nicht nötig, da die dortigen Böden viel Wasser speichern können.“

Einzelkämpfer mit Einzellagen weit weg vom Kerngebiet

Die kleine Weinregion rund um Westerhausen und Quedlinburg, die mehr als 120 Kilometer vom Kerngebiet Saale-Unstrut entfernt liegt, wird diesem zwölften deutschen Anbaugebiet zugeordnet. Zum Eigentum des Weingutes Kirmann mit Sitz in Westerhausen gehören die im Alleinbesitz befindliche Toplage „Westerhäuser Königstein“ mit dem markanten Kamelfelsen, der mit etwas Phantasie als zwei liegende Kamele gedeutet werden kann und an dessen Südseite die Rebsorten Riesling, Spätburgunder, Dornfelder und Cabernet Mitos angebaut werden. Die markante Felskulisse hat Kirmann dann als Logo für sein Weingut gewählt, es ziert auch die Etiketten seiner Weine. Weitere Lagen sind der 1999 aufgerebte „Bornholzweinberg“ im rund fünf Kilometer entfernten Quedlinburg. Hier sind die Sorten Müller-Thurgau, Traminer und Weissburgunder im Anbau. Und die dritte Lage, wiederum nahe an Westerhausen, der „Kleine Westerhäuser Weinberg“, gelegen an der Südseite des Lästerbergs, direkt an der Autobahnabfahrt Thale/Westerhausen ist seit 2013 mit Müller-Thurgau, Weissburgunder, Grauburgunder und Cabernet-Mitos bestockt.

„Wir haben insgesamt rund 3,2 Hektar im Ertrag und produzieren je nach Jahrgang durchschnittlich 15.000 Flaschen. Damit ist meine Familie ausreichend beschäftigt, zumal wir unseren Wein gut verkaufen können“, sagt Kirmann. „Bedauerlich ist nur, dass die Harzer Gastronomie zum Teil unsere Weine nicht schätzen will. Eine jüngst erneut geführte Akquise bei rund 20 Gastronomen ergab kein Ergebnis. Demgegenüber erfolgt unser Absatz zu 80 Prozent ab Hof, 15 Prozent ordern Gastronomen, die sich von selbst bei uns gemeldet haben und fünf Prozent gehen in den Fachhandel.“

Für einen Winzer, der weitab vom Schuss in einer Region mit schöner Natur, Tourismus und Gastronomie – letztere lehnt seine und ebenso die Weine aus Saale-Unstrut zumeist eher ab als diese zu propagieren – scheint mir Matthias Kirmann sehr ausgeglichen, mit sich im Reinen und zu Recht, überzeugt von seinen Weinen. „Ich gehöre rechtlich zum Weinbaugebiet Saale-Unstrut“, erzählt Kirmann. „Unterstützung erhalte ich, weitab von den bekannten Gütern um Freyburg, praktisch keine und deshalb bin ich auch kein Mitglied des Verbandes.“

Mehrmals hat Kirmann seine Weine zu bekannten Weinführern gesendet. Resonanz hat er keine erhalten. Erstaunlich bei den ausgewogenen, körperreichen und fruchtigen Weissen, den feinen, eleganten Auslesen, den satten Roten (vinifiziert teils in neuen teils in gebrauchten Barrique von der Büttnerei Assmann aus dem fränkischen Eussenheim), die regelmässig bei Blindverkostungen durch ihre ausgewogene Tanninstruktur den Weinen aus Südeuropa zugeordnet werden. „Die Starverkoster etablierter Weinführer haben uns nicht auf dem Schirm und gerade die, die für das Gebiet Saale-Unstrut verantwortlich sind, verstehen unsere Weine nicht. Ich habe mich schon entschieden, keine Weine mehr einzusenden. Meine Kunden sind zufrieden und immer mehr Weinliebhaber fragen meine Weine an. Alles ist gut, so wie es ist.“

Kirmanns Weine aus der Ferne zu beurteilen, ist schändlich. Man muss nach Westerhausen fahren. Jetzt im Frühjahr begleiten einen die sanften Hügel mit blühenden Obstbäumen, immer den Brocken zur Seite. In Westerhausen führt der Weg zum Weingut über alte gepflasterte Dorfstrassen. Das aufgeräumte Weingut mit dem „Jugendstil-Fenster“ über dem Tor, dem gemütlichen, ja familiären Innenhof, lassen Persönlichkeiten erwarten. Und so ist es auch. Die an den Ausläufern des Harzes hier auf lehmigen Böden, teils mit mehr Sandanteil, teils mehr steinig, wachsenden Reben, der gewollte niedrige Ertrag, die Handschrift des selbstbewussten Winzers, die einfache aber funktionale Verkostungsstube – all dies als Summe von gesundem Selbstbewusstsein findet man im Glas: Qualitätsweine mit erstaunlichem Charakter, die den Reigen spielen über sanfte bis spritzige, fruchtige bis kräftige Körper, die Trinkspass bereiten aber auch dem Weinkenner schöne Facetten zeigen. Vor allem Kirmanns Riesling, Traminer und Pinot Noir, auch der Müller-Thurgau, wissen auf besondere Art zu überzeugen.

Die Geschichte von Mond und Sonne

Matthias Kirmann ist anfangs der Jahrtausendwende auf dem Weg zum Königstein. Es ist später Abend, der Mond steht fast voll. Da kommt ihm die Idee, die Hälfte der Trauben einer Parzelle nach dem Mondkalender zu ernten und am folgenden Tag die zweite Hälfte. Der Gedanke lässt ihn nicht los und die Gelegenheit ergab sich erstmals in 2006. Meine Frage: „Schmeckt ein Wein aus Trauben, die bei nächtlichem Vollmond gelesen wurden gegenüber einem Wein, dessen Trauben tagsüber bei Sonne geerntet wurden anders oder ist dies einer suggerierten Meinung geschuldet?“ „Das wissen wir gleich, wenn Sie beide verkostet haben“, sagt Kirmann.

Das Procedere hat Kirmann akribisch durchgeführt, letztmalig im Erntejahr 2017. Nachts wurde jede zweite Rebenreihe gelesen, am gleichen Tag die übrigen Rebenreihen, identisch und so exakt wie möglich wurden beide Ernten getrennt gepresst und vinifiziert. In meinen Gläsern habe ich die Traminer-Brüder je als Mond- wie als Sonnenwein. Die Farbe des Mondweins ist heller, sein Geschmack filigraner, der Sonnenwein ist körperreicher, aber nicht so elegant wie der Mondwein, dafür satt, fruchtig, reichhaltig. Der Mondwein fesselt mich, weil er zurückhaltend, irgendwie subtil seine Stärken ausspielt. Erstaunlich, denn es gibt den feinen Unterschied.

Chapeau! Matthias Kirmann.

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