Ben Ichinose

Weinsammler in einer eigenen Liga – Teil-I

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 13. Juli 2020


UK (London) – „Es war reine Perfektion, was mir in den Sinn kam, als ich den Weinkeller von Ben Ichinose sah. Ich erkannte sofort, dass es sich um eine der größten und außergewöhnlichsten Weinsammlungen weltweit handelt und das in jeder Hinsicht.“ Wer das konstatierte, war der verstorbene Michael Broadbent MW, legendärer Weinkritiker und Weinautor, der Mann, der vor mehr als 50 Jahren die Weinauktionen bei Christie´s begründete. Lesen sie dazu auch mein Porträt über diesen legendären Weinkenner: „Michael Broadbent“ und meinen Nachruf: „Die Weineminenz hinter Christie´s

Komplimente

Erstmals in 1972 besuchte Broadbent den amerikanischen Sammler, dessen Familie aus Japan stammt. Überliefert ist, dass Broadbent von der Weinsammlung und den Kellerräumen äußerst beeindruckt war. Er sagte zu Ichinose beim Besuch: „Ihr Keller ist so prächtig, wie man zwar erzählte, ich doch so nicht erwartet hatte. Ich wünschte nur, dass mehr Leute so engagiert und gewissenhaft bei der Lagerung und Sammlung ihrer Weine wären.“

Aus 1973 ist eine Hommage an Ichinose von Henri de Villaine, dem mittlerweile ebenfalls verstorbenen Miteigentümer der Domaine de la Romanée-Conti, bekannt, der sagte: „Man kann Ben Ichinose zu seinem reichen Weinwissen und Sammlung von edlen Tropfen nur gratulieren“. Drei Jahre zuvor hatte Harry Waugh, ein weiterer einflussreicher Weinhändler und Weinkenner, in seinem Buch „Pick of the Bunch“ darüber nachgedacht, ob es „irgendwo auf der Welt einen besseren, privat bestückten und außergewöhnlichen Weinkeller geben könnte“.

Von der Kieferorthopädie zum Weinkenner

Geboren auf einer Farm auf Kauai, in der hawaiianischen Stadt Koloa, erlebte Ben Ichinose eine unbeschwerte Kindheit. Nach der High School besuchte er die Universitäten in Berkeley und San Francisco, wo er einen Abschluss in Zahnmedizin machte. Danach kam er zum Militär und wurde im Rang eines Captain der US-Armee als Mediziner 1959 in Yokohama (Japan) stationiert. Zurück in San Francisco lernte er Anfang der sechziger Jahre seine spätere Frau Mayon kennen und mit dieser Beziehung entwickelte sich parallel sein Interesse für Wein. Ichinose begann damit, soviel wie möglich über Wein zu lernen. Sein Eifer führte dazu, dass er „Wein kaufte wie ein Verrückter“, wie er Freunden gerne verriet.

So richtig in Schwung kam seine Weinleidenschaft dann, als er zu Berkeley Wine & Food Society stiess, einer Gruppe von Weinenthusiasten, die auch einen gemeinsamen Weinkeller führten und sich bei ihren Treffen anspruchsvollen Weinen widmeten. In der Folge nahm ihn die Society of Medical Friends of Wine als Mitglied auf und er wurde auch zur Confrérie de la Chaine des Rôtisseurs berufen, wo er als Vertreter den pazifischen Nordwesten betreute. Im Jahr 1980 ernannte ihn die Bacchus-Gesellschaft zum Gourmet des Jahres.

Spätestens seither hatte sich Ben Ichinose in der westlichen Welt als Weinkenner einen Namen gemacht. Mit der Entwicklung von Ichinoses Weinsammlung begann auch seine Freundschaft zu Michael Broadbent. Das Fachwissen und die Kenntnisse des Londoner Spezialisten über edle Weine in seiner Rolle als Wein-Connisseur bei Christie’s erwiesen sich für den leidenschaftlichen Weinsammler Ichinose als perfekte Ressource, um sein eigenes Wissen und die Qualität seines Kellers zu erweitern. Broadbents Sohn, Bartholomew, selbst ein angesehener Weinexperte, erinnert sich an die Familie Ichinose, die seine Eltern in den 1970er Jahren in England besuchten. „Die Kinder wurden zum Spielen zurückgelassen, während die Eltern Gourmet-Abendessen genossen“, erzählt Bartholomew Broadbent heute.

Erst der Weinkeller, dann das Haus

Wie spektakulär die Sammlung Ben Ichinose schon damals war, erfuhr Bartholomew, als er kurz nach seinem Umzug nach Kalifornien in 1986 zu einem Besuch eingeladen wurde. „Das Haus der Familie Ichinose, in dem die Familie seit mehr als 50 Jahren lebte, wurde im Schatten von hoch aufragenden Mammutbäumen errichtet, unter denen Ben einen makellosen japanischen Garten angelegt hatte und seine Weinkeller beherbergte“, erinnert sich Bartholomew. „Die Weinkeller wurden zuerst entworfen, gebaut und die Weine eingelagert, bevor die Familie in das erst anschließend erbaute neue Heim einziehen durfte“, erinnert sich Bartholomew.
In den frühen 1980er Jahren war begann die glorreiche Zeit des amerikanischen Weinkritikers Robert Parker, der mit seiner Lobrede auf den Bordeaux-Jahrgang 1982 begann, die Wertschätzung des Trinkens und Sammelns von Wein in den Vereinigten Staaten zu verändern. Als Gegenpart, praktisch als renommierter Weinkenner Europas, wurde Michael Broadbent von den produktivsten Weinsammlern Amerikas eingeladen, um Verkostungen zu leiten, zu denen sie andere Sammler einluden. Dabei öffneten sich wertvolle Weinkeller, es wurden seltene Tropfen verkostet und es wurde gefachsimpelt.

Bartholomew Broadbent, der damals in den USA lebte, war oftmals unter den Gästen im Hause Ichinose, zusammen eingeladen mit seinem Vater, an diesen elitären Verkostungen teilzunehmen. Meist als einer der beisitzenden Verkoster, manchmal wurde Junior Broadbent zum Öffnen, Dekantieren und Einschenken der Weine gebeten. Diese Zeit umschreibt Bartholomew Broadbent als „historisch“. Im Rückblick sagt er heute: „Damals gab es nur sehr wenige Weinsammler. Grund hierfür war der noch nicht entwickelte Sammelmarkt für edle Weine. Dort wo wir eingeladen waren, gab es die spektakulärsten Sammlungen und mein Vater konnte ohne allzu grosse Konkurrenz Weinschätze für seine Auktionen bei Christies zusammengetragen.“

Zum zweiten Teil ...

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