TEIL I: Châteaux sind Motor für die Modernisierung der chinesischen Weinindustrie

21.10.2013 - arthur.wirtzfeld

CHINA (Peking) - Die Traditionen europäischer Güter, allen voran die der Châteaux in Bordeaux, beflügeln den Weinmarkt in China. Führende chinesische Produzenten, Händler und Investoren erbauen neuerdings schlossartige Repräsentanzen und Kellereien in einem furiosen Tempo. Anscheinend wollen sie in wenigen Jahren das aufholen, was die Premium-Erzeuger der klassischen Weinnationen in den letzten Jahren an Weinprodukten und Weinkultur ins Land der Mitte gebracht haben.

 

Mittlerweile gibt es bereits mehr als 160 Châteaux in China - weitere 200 sind im Bau. Niemand macht sich aufgrund des Hypes Gedanken, ob das gut gehen kann - als ob es darauf ankäme, dass Premium-Weine nur in prunkvollen Gemäuern hergestellt werden könnten. Typisch China ist dann auch das Statement von Zhou Hongjiang, General Manager der Changyu Pioneer Wine Co. Ltd. (kurz: CPW), der feststellt: "Châteaux sind die Grundvoraussetzung für Premium-Weine." Sein Unternehmen hat bereits sechs Châteaux in verschiedenen Regionen in China fertig gestellt beziehungsweise in Bau. Ziel von CPW ist es, Marktführer in der Produktion aber auch in Sachen Weinkultur in China zu werden.

Dagegen sieht Wang Yancai, Leiter der Vereinigung China Alcoholic Drinks Industry, den Bauboom übergroßer Kellereien im Stil herrschaftlicher europäischer Häuser differenzierter und meint in augenfälliger Zurückhaltung: "Nun ja, die Châteaux spielen eine wichtige Rolle bei der Modernisierung der chinesischen Weinindustrie."

Das neueste Château im Reigen der imposantesten Kellereien ist die im Schlossstil jüngst eröffnete Anlage der Changyu Pioneer Wine Co Ltd. (CPW) in der autonomen Region Xinjiang Uygur im äußersten Nordwesten Chinas. Hier im Stammland der Uiguren hat die CPW eine Summe von 630 Millionen Yuan (rund 76 Millionen Euro) investiert. Entstanden ist damit das "Château Changyu Baron Balboa" in Shihezi mit einer Kellerei, die 6.000 Quadratmeter umfasst, weiteren Produktionsanlagen und einem Weinmuseum. Die gesamte Anlage hat eine Größe von 37 Hektar und man erwartet hier zukünftig eine Produktion von mindestens 1.000 Tonnen Wein pro Jahr.

"Château Changyu Baron Balboa wird die Fähigkeit haben mit den Top-Châteaux aus Europa zu konkurrieren. Es wird nicht mehr lange dauern bis unsere Weine aus Xinjiang weltweit Aufmerksamkeit bekommen", ist sich Zhou Hongjiang sicher. Neben der Weinproduktion will man Dienstleistungen rund um den Wein integrieren wie beispielsweise diverse Weinseminare, Weinkonferenzen bis hin zu einem Weinhandelszentrum für die Region. Außerdem plant das Unternehmen eine komplette Stadt im europäischen Stil rund um Changyu Balboa zu errichten - und das nicht irgendwann sondern bis 2016. Bei dem Anspruch und Tempo kann einem schon schwindelig werden.

Seit 2009 hat Changyu Pioneer Wine rund um Shihezi über 4.600 Hektar an Rebflächen anbauen lassen. Das Klima für Wein in der Region Xinjiang Uygur ist denn auch eines der interessanteren in China. Es gibt viele Sonnenstunden im Jahr und große Unterschiede der Temperaturen von Tag und Nacht. Die Oenologen von Changyu Balboa sind sich sicher, dass man hier ein Gebiet gefunden hat, wo die Trauben viel Zucker bilden können, die Weine mineralisch und fruchtig zugleich sein können - das also letztlich beste Traubenqualität liefern wird.

Heute hat Changyu Pioneer Wine eine breite Basis an Rebflächen von insgesamt 20.000 Hektar, verteilt auf sechs weit auseinander liegenden Provinzen: Shandong (Ostküste), Shaanxi (südwestlich von Peking) und Liaoning (Nordosten) sowie auf die autonomen Provinzen Xinjiang Uygur (Nordwesten) und Ningxia Hui (Zentral China) sowie rund um Peking. Das Management des Unternehmens betreut mittlerweile sechs Châteaux, von denen vier bereits Weine produzieren, zwei Kellereien sind noch im Bau. Die beiden letzten sind Château Changyu Moser XV in Ningxia Hui und Chateau Changyu Reina in der Provinz Shaanxi, die allerdings noch in diesem Jahr eröffnen sollen.

"Die Weine, die wir in den sechs Schlössern produzieren, werden eine breite Palette abdecken, mit der wir die Wünsche der Verbraucher erfüllen wollen. Ein Teil der Weine eignet sich, um zu Hause zu genießen, ein weiterer Teil wird für nationale Bankette geeignet sein und der restliche Teil kann als Investition gesammelt werden", erklärt Li Jiming, Chef-Oenologe bei CWP und Sun Jian, stellvertretender Generalmanager der CPW, ergänzt: "Unsere Changyu Château-Weine können durchaus mit internationalen Weinen konkurrieren. Mit diesen Premium-Weinen erzielen wir seit vier Jahren ein durchschnittliches Wachstum von 45 Prozent."

Neben dem schon seit 2002 währenden Joint Venture von CPW mit der französischen Castel Groupe - (wir berichteten ausführlich unter dem Titel: "Chinesen lieben Schlossweine") - gründete die CPW in 2007 ein weiteres Joint Venture mit einer Erzeugergruppe aus Frankreich, USA, Italien und Portugal. Dazu spendierte CPW 500 Millionen Yuan (circa 60,3 Millionen Euro), um Chateau Changyu AFIP Global in der Region Miyun nahe Peking zu etablieren. Ebenfalls seit 2007 gründete Changyu Pionier Wines ein Eiswein-Château in der Provinz Liaoning im Nordosten Chinas in Kooperation mit der Aurora Eiswein Co. Ltd., dem größten kanadischen Eisweinproduzenten.

Ein weiteres Joint Venture der CPW, genannt "Chateau Changyu Moser XV", mit dem österreichischen Winzer Lenz Moser, dessen Familie auf eine Weinbautradition von 15 Generationen zurückblickt, hat vornehmlich das Ziel, auch europäische Konsumenten außerhalb Frankreichs zu erreichen.

Als weiteren Schritt hat die CPW mit der britischen Supermarktkette Waitrose Ltd. eine Kooperation geschlossen, um zukünftig speziell den Markt in Großbritannien zu bedienen. Obwohl Waitrose mittlerweile die Châteaux-Weine der CPW wieder aus dem Sortiment genommen hat, war die kurze Zusammenarbeit für die Chinesen erfolgreich. "Unsere Weine wurden auf dem britischen Markt stark nachgefragt und waren schneller ausverkauft, als wir uns das vorgestellt haben. Die Kunden in Britannien waren von den neuen und unbekannten Weinen sehr beeindruckt, vor allem nach einer Ankündigung um Decanter", heißt es in einer Pressemeldung der CPW.

Seit dem Frühjahr dieses Jahres führt die renommierte und älteste britische Weinhandlung Berry Brothers & Rudd vier Weine der Changyu Chateaux. Es sind dies ein Wein aus der Kooperation mit Lenz Moser und drei Eisweine aus dem Joint Venture mit den Kanadiern.

Die Gründung und Führung von sechs Châteaux scheint der CPW noch nicht zu genügen. Was die Großen der chinesischen Weinindustrie bereits umgesetzt haben, was Sie gerade bauen und planen, dass lesen Sie dann morgen im zweiten Teil...

 

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