Sozio-Chauvinismus

Die Omertà der französischen Weinnation

Text: Arthur Wirtzfeld | Im Interview: Rolf Bichsel | Veröffentlicht: 19. Januar 2019


SCHWEIZ (Zürich) – In meinem Intro-Artikel von gestern mit dem Titel 'Im Dunkeln gegen das Scheitern pfeifen' habe ich die Situation der französischen Weinnation auf wichtigen Märkten skizziert und den Blick von Europa und Übersee auf den immer noch amtierenden Champion im High-End-Bereich klassischer Weine gerichtet. Ob die geschilderten Probleme, Bewertungen und Einschätzungen in der Realität stand halten, möchte ich hinterfragen und habe daher meinen Vinum-Kollegen, Autor, Weinjournalist und begnadeten Kenner der französischen Weinnation, Rolf Bichsel, um ein Gespräch gebeten.

Rolf, hat die französische Weinnation ein Imageproblem?

Die kurze Antwort: eindeutig ja! Die lange Antwort: Das wäre ein Thema für eine Doktorarbeit über historischen Sozio-Chauvinismus. Dazu wäre ein tiefes Eintauchen in die abyssalen Gruften der urfranzösischen Seele notwendig.

FEIND NR. 1

Nun, die zweite Variante können wir hier nicht abhandeln. Aber lasse uns versuchen, für dein eindeutiges 'JA!' einen bordeauxroten Mittelweg zu finden.

Oui d'accord! Also, der erste Feind des französischen Weins ist der Franzose selber. Er ist felsenfest davon überzeugt, den besten Wein der Welt zu machen. Er glaubt auch zu wissen, dass das niemand wirklich glaubt.

Wieso das?

Weil der Franzose die Regel vorgibt, dass niemand was von Wein versteht, der nicht seit mindestens acht Generationen davon konsumiert hat, ein paar spleenige Briten ausgenommen, die ja seit der Schlacht von Hastings nichts andres sind als leicht degenerierte Franzosen.

Woran machst du das fest?

Anstatt von seinen Weinen zu sprechen, stellt sich der Franzose trotzig in die Ecke, schweigt und trinkt seine Tropfen lieber selber, als Märkte zu erobern, wie das seine Vorväter seit dem 18. Jahrhundert und auch noch bis ins 20. Jahrhundert erfolgreich getan haben.

SELTSAMES VERSTÄNDNIS VON MARKETING

Du meinst, die Franzosen haben ein Problem beim Marketing?

Ja, klar. Der Franzose schimpft auf das moderne Marketing, er bezeichnet dies als eine amerikanische Erfindung. Unter uns: wäre das so, würde man heute von Branding sprechen. Nur, dass er das Weinmarketing erfunden hat, hat der Franzose vergessen. Tief in seinem inneren schlummert die unwiderrufliche Überzeugung, dass allein der französische Weinmacher, der französische Weinhändler die Marke begründet hat. Das führt er zurück auf das 17. Jahrhundert, als Frankreich sich aufmachte, weinmässig die Welt zu erobern. 

Hat er recht damit?

Ja. Alle Weltmarken für Wein sind jünger als die französischen Weinmarken. Dazu zählen Haut-Brion, Clos Vougeot, Ruinart und viele andere. Ältere Marken sind nur Falerner-Wein aus dem antiken Italien oder Damaszener Stahl aus dem Siedlungsraum um das heutige Damaskus oder ähnliche.

Welche Tragik. Wir wissen, dass andere Nationen – allen voran Australien, längst äußerst professionell die Märkte erobern, wie ich schon im Intro erläutert habe. Worauf mag deiner Meinung nach der Erfolg anderer Nationen begründet sein?

Alle Welt hat die französische Kelterkunst kopiert und sich damit die Erfahrung von Jahrhunderten einverleibt. Sie haben es geschickt gemacht und die Technik sogar noch verbessert. 

Das erinnert mich an Caterina Maria Romula de’ Medici (1519 - 1589), die einst durch ihre Heirat mit Henri II. im Jahr 1547 Kö­ni­gin von Frank­reich wurde und die fortan großen Einfluss auf die französische Küche hatte. Sie war diejenige, die den Franzosen den Geschmack der Toskana vermittelte, ihnen die Pampe, die bis dahin auf den Tafeln gereicht wurde, ausgetrieben und ihnen Manieren beigebracht hatte. Catarina war willensstark und genoss zu ihrer Zeit großen Respekt. Sie gilt heute als die Mutter der fran­zö­sischen Kochkunst, die sich über die Jahrhunderte weiterentwickelt und bis heute bei Gourmets das Mekka des feinen Geschmacks symbolisiert.

Ja, guter Vergleich, denn auch die heutigen aufstrebenden Weinnationen sind kompromisslos, sie haben kein schlechtes Gewissen, sie gehen zielgerichtet in den Märkten vor, sie bauen dort ein Image auf, unter Einbezug aller Tricks modernen Marketings. Dazu gehört insbesondere, echtes Sympathiepotential beim Konsumenten zu bewirken, nicht kalten Respekt.

Hält man diese Tatsache einem durchschnittlichen französischen Winzer unter die Nase, rümpft er diese zuerst und schaut verlegen weg …

… so ist es. Das wird ihm dann als Arroganz ausgelegt. Dabei handelt es sich zuerst und vor allem um Verlegenheit und manchmal regelrecht um Verlorenheit in einer Welt, in der Frankreich nicht mehr, wie im 18. und 19. Jahrhundert, das kulturelle und kulinarische Zentrum der Welt darstellt. Verlegenheit mündet in Trotz und Aggressivität, deren mildeste From die Arroganz darstellt.

ERFOLGREICHE SIND LOOSER

Nun gibt es in Frankreich unter den rund 87.000 Wein produzierenden Betrieben durchaus weltgewandte, erfolgreiche, tüchtige, marketingerfahrene Winzer – sicher mehr als man vielleicht denken mag …

… richtig, doch über die Engagierten spricht man lieber nicht, denn Franzosen mögen Looser. Erfolgreiche  Geschäftemacher sind ihnen grundsätzlich ein Gräuel. Darum steht auch Bordeaux im Zentrum der Kritik, sind die Champenois, sowieso alle Pariser oder expatriierte Deutsche mit dem Teufel im Bund. Dazu zählen sie auch generell die Genossenschaftler, denn Kooperativen werden als links eingestuft, sie siedeln sie in der Nähe des russischen Revolutionärs und Anarchisten Michail Alexandrowitsch Bakunin an. Doch gleichzeitig sind sie die ersten, die sich bei den so genannten "foire aux vins", den französischen Weinaktionen der Supermärkte, auf die infam teuren Grands Crus aus Bordeaux stürzen. Die, die das tun, sind gerade die Winzer, die jahraus, jahrein auf Bordeaux schimpfen.

FEIND NR. 2

Das kann aber nicht alles sein?

Nein, es gibt da noch zwei spezielle Feinde. Einer von Ihnen ist schwer zu besiegen. 

Und der wäre?

Es sind die unendlichen Mäander französischer Bürokratie, die seit 500 Jahren laufend nach Reformen schreit, um solche akkurat zu vermeiden. 

Worin äußert sich das heute?

Ganz konkret äussert sich das etwa in der Tatsache, dass heute kaum ein französischer Winzer weiss, wie er erfolgreich zu EU-Subventionen kommt. Im besten Fall sind die Verantwortlichen der Winzervereinigung im Bild, der er angehört. Im schlechtesten Fall auch die nicht.

Spanien und Portugal haben mit EU-Hilfe moderne Kellereien aus dem Boden gestampft, Italien ein sonniges Image aufgebaut und die Franzosen?

Die Franzosen zucken resigniert mit den Schultern, wenn Millionen und Abermillionen im trockenen Boden der Verwaltung versickern, um, beträchtlich vermindert, an den unmöglichsten Orten als Pilze in die Luft zu spriessen, die Puff machen und zu Staub zerfallen, wenn man sie nur etwas schräg anschaut. Schafft es eine Region doch mal zu einer Subvention zu kommen, wartet jene Jahre, bis diese ausbezahlt wird. 

Daraus folgt?

Die Tatsache, dass französische Weinwerbung etwa so modern und effizient ist wie ein Seilzug zum Bau eines Wolkenkratzers.

Ups, das sitzt! Gibt es noch einen weiteren Feind?

FEIND NR. 3

Ja, leider. Der dritte Feind ist - wie sollte es auch anders sein - der lachende Dritte.

Und der wäre?

In unserem Fall der Rest der weinproduzierenden- und konsumierenden Nationen. Die kratzen die Wunde französischer Selbstverstümmelung akribisch immer wieder auf, so ganz nach dem Rolling Stones-Motto 'let it bleed"'. Sie konstatieren: Französische Winzer sind arrogant, französische Weine sind teuer, französische Weine sind elitär, intellektuell, veraltet – eben so, wie du schon in deinem einführenden Artikel mit dem schönen Titel Im Dunkeln gegen das Scheitern pfeifen die Lage treffend skizziert hast.

Du meinst, die Branche suggeriert, sie verhilft mit Desinformation zur Meinungsbildung?

Ja, eindeutig und gerade aus unseren Kreisen. Denn, verbreitet wird diese Mär nicht zuletzt von all den hunderten von echten oder selbsternannten Weinjournalisten und Weinkritikern, die, nachdem sie von den grossen Produzenten eingeladen, verköstigt, ausgiebig getränkt und logiert wurden, mit der Selbstverständlichkeit einer fünften Kolonne ihre Unabhängigkeit unter Beweis stellen, indem sie ausgiebig auf die Gastgeber schimpfen, deren Weine sie sich ohnehin nicht leisten können – und die nehmen das noch als Grund, um im nächsten Jahr wiederzukommen.

SO ODER SO – ES BRAUCHT EINE REVOLUTION

Was folgern wir aus alledem?

Es gibt zwei mögliche Konklusionen. Eine negative – Frankreich wird endgültig in der dritten Liga der Weinnationen verstaut. Eine positive – die tüchtige, aktive, weltoffene und sprachgewandte Minderheit setzt sich durch und wird zur Gotthardlokomotive, die den Zug wieder schneller rollen lässt und die anderen mitreißt.

Das ist es? Ich sehe dir an, dass du noch was dazu sagen möchtest, oder?

Nun ja, aber bitte in Klammern.

Okay, ich stelle dies in Klammerform dar.

( … Die dritte Möglichkeit wäre eine totalitäre, weinfaschistische Revolution: die Grenzen werden geschlossen, alle ausländischen Weine in Frankreich, das europäische Weinland, das am meisten ausländischen Wein importiert, wird verboten und alle Franzosen müssen ab dem 15. Altersjahr täglich einen Liter Wein konsumieren … )

Sicher, in Revolutionen sind Franzosen ja geübt. Hoffen wir, dass die Gelbwesten nicht auf so eine Idee kommen. Aber im Ernst, du glaubst an die positive Variante, oder?

Ja, klar. Ich bin konvertierter Vollblutfranzose und gelte als alter Linker. Meine naive Schweizerseele ist aber noch nicht ganz unter Baguettebrosamen begraben. Also  habe ich Hoffnung.

DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT

Was ist deine Hoffnung?

Die Hierarchie der grossen Weine der Welt, also Weine mit Stil, Komplexität, Eleganz und was immer das heissen mag – Terroircharakter – werden bis heute von wenigen Ausnahmen abgesehen, darunter grosse deutsche Weissweine und ein paar Norditaliener, von französischen Kreszenzen dominiert. Was leider dazu geführt hat, das Burgunder Grand Crus und Premier Crus und einige wenige grosse Bordeaux und Lagenweine aus dem Norden der Rhone praktisch unbezahlbar geworden sind. 

Worin liegt hierbei das Positive?

Eben der Erfolg der Grossen hat unzählige Winzer dazu motiviert, besser zu arbeiten, zu investieren, im Rebberg wie im Keller. Französische Weine waren noch nie so gut wie heute, es gab noch nie so viel davon. Jetzt müssen die Franzosen nur noch lernen, richtig darüber zu sprechen, mit Erfolg die volle Wahrheit zu kommunizieren, statt mit Kuhmist zu düngen und so lang auf verstaubten Weisheiten zu kauen, bis sie zu Brei geworden sind und nach nichts mehr schmecken. 

Nun ja, Erfahrung kann man den Weinmachern in Frankreich nicht absprechen …

… gewiss. Der Umgang mit grossen Weinen, auch denen aus Frankreich, braucht natürlich Erfahrung. Doch – dies als Beispiel – das Eintauchen in die Welt des Jazz auch. Statt mit Coltrane oder Steve Coleman zu beginnen, höre man sich erst Ellington an oder von mir aus auch Ray Charles oder Barbra Streisand. 

Erkläre das bitte mal an einem Weinbeispiel.

Ich will sagen: Ein Beaujolais Villages oder ein Touraine Gamay sind so fruchtig wie ein australischer Syrah, aber weit bekömmlicher. Das Languedoc ist voll von IGP-Weinen, die so gut wie nichts kosten und jedermann munden. Den Weinen aus der Jura und Savoyen wird so reichlich zugesprochen, dass sie meist dem Export vorenthalten bleiben – und sie sind nicht teuer. Rosé de Provence gehen weg wie warme Semmeln, im Inland wie im Export, die preislich unverschämt günstigen IGP-Weissweine der Gascogne finden reissenden Absatz.

Und das Problem?

Ganz einfach, über diese positiven Tatsachen spricht der Franzose nicht, hält dicht und akzeptiert die Omertà, denn das sind Regionen, die nicht in das offizielle Bild der französischen Weinnation passen wollen. 

DIE WEINWELT UNTERHALB DER 100 EURO-GRENZE

Das Verschweigen ist ein Kardinalfehler.

Korrekt. Französische Weine besitzen das beste Preis-/Spass-Verhältnis der Welt. Wer das nicht glaubt, tippe vor jeder Bestellung, jedem Einkauf den Namen der Marke in seinen Handy-Suchmotor. Findet er sie nicht, ist sowieso was faul. Ist der Preis im Laden doppelt so hoch auch. 

Gilt das generell für den französischen Wein?

Ja, und gerade auch für grosse Bordeaux. Im Segment zwischen 30 und 50 Euro sind zahlreiche Marken angesiedelt – die ominöse 100 Euro-Grenze überschreiten nur wenige Crus. Die kann man getrost links liegen lassen, wenn man nur am Inhalt interessiert ist und nicht an der Marke als Gesamtes – das heisst: ihrem Ruf, dem historischen oder spekulativen Wert, dem Prestige, etc. 

Wieso hat das die Weinwelt nicht auf dem Schirm?

Nun, wer vor 30 Jahren einen echten Spitzenbordeaux kaufen wollte, hatte nur wenig Auswahl. Die damalige Auswahl beschränkte sich auf 20 Marken. Heute sind es deren 100 und mehr – und nicht alle kosten ein Vermögen.

IM SCHATTEN VON BORDEAUX

Warum konzentriert sich alle Welt auf Bordeaux?

Ja, das frage ich mich auch. 

Hast Du eine Antwort?

Bordeaux trinken ist ein Sport für Geduldige. Es gibt doch auch grosse Weine in Châteauneuf-du-Pape mit einer durchschnittlichen Preisspanne von 20 bis 50 Euro. Ebenso aus dem Norden und Süden der Rhone und dem Languedoc generell bepreist mit 15 bis 40 Euro, der Loire mit 15 bis 50 Euro oder den weniger bekannten Burgunder Gemeinden mit 20 bis 50 Euro, gefolgt von der Provence und besonders Bandol mit 20 bis 50 Euro. Preiswertere Weine finden sich in ganz Frankreich, selbst in Bordeaux. Basisweine und Côtes bekommst du schon für 5 bis 20 Euro, welche aus der Loire für 4 bis 20 Euro sowie welche aus dem weiten Süden und Südwesten schon ab 3 Euro.

Wieso kommunizieren die Franzosen das nicht?

Einfach weil es nicht Mode in einer Epoche ist, wo Berichterstattung sich nur zu oft auf das beschränkt, was ein Leser hören will, der ohnehin nur hören will, was er bereits zu wissen glaubt. So sind wir letztlich alle ein bisschen mitschuldig am Schlamassel des Imageproblems des französischen Weins. Ich als sippenhaftender Franzose, Weinschreiber und Weintrinker gleich doppelt und dreifach. Ich nehme das auf mich und ende böse mit Schiller: "Schande, Schande über dieses Kastratenjahrhundert!"

EIN ENDE OHNE ENDE?

Also, böse enden lassen wollen wir es nicht. Und eine Schuld trägst Du natürlich nicht. Ich gehe davon aus, dass wir beide dafür stehen, fair und ehrlich nach bestem Wissen aufzuklären. 

Ja, hört sich gut an.

Ich denke, dass Du unseren Lesern die Augen öffnen konntest, auch wenn wir keine Doktorarbeit hiermit abliefern. Enden können wir á la Marcel Reich-Ranicki, der seine Erleichterung zur Einstellung des literarischen Quartetts tief atmend, seufzend und damit merklich spürend mit den Worten kundtat: "So, das war´s"

Ja, schöner Schluss. Wir haben es ausgesprochen, das Thema ist öffentlich und kann nun kontrovers diskutiert werden.

D’accord! Dem schließe ich mich gerne an. Danke Rolf.


Lesen Sie auch den Intro-Artikel zu diesem Interview:

Im Dunkeln gegen das Scheitern pfeifen

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