Koshu

Neues Terroir in Japan

  • Koshu - Japans Weine
    Die neuen Regeln sind eine Herausforderung für Japans Weinindustrie (Foto: Château Mercian)
  • Koshu - Japans Weine
    Die neuen Regeln sind eine Herausforderung für Japans Weinindustrie (Foto: Château Mercian)

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 9. März 2019


JAPAN (Tokio) – Bis Ende letzten Jahres gab es nur wenige Regeln für die Kennzeichnung der in Japan produzierten Weine. Wein aus importierten Traubensäften, entweder rein oder manchmal vermischt mit im Inland geernteten Traubensäften, wurde als „Japanwein“ verkauft. Traditionell geben die Etiketten japanischer Weine nicht viel her. Der Konsument hat somit keine Chance zu erkennen, woher die Trauben stammen und schon garnicht aus welcher Weinlage die Trauben geerntet wurden. Mit Ausnahme der Distrikte Yamanashi und Nagano, wo man auf eine lange Weinbautradition zurückblickt und deren Weinlagen auf den Etiketten verzeichnet sind, gibt es bisher keine Lagendefinition in Japan.

Dieses Manko hat die Regierung erkannt und Ende letzten Jahres neue Regeln für die wachsende Weinindustrie Japans erlassen. Ein Appellationssystem musste her, ebenso eine eindeutige Kennzeichnung – fortschrittliche Ideen fürwahr, aber auch eine große Herausforderung für die japanischen Weingüter. Der neuen Gesetzgebung standen und stehen dabei drei grundlegende und markante Probleme gegenüber: 

(1) Die Trauben werden in Japan seit jeher in verschiedenen Regionen geerntet und die Weine gelangen ohne Lagenbezeichnung in den Handel.


(2) Die gebräuchlichen Bezeichnungen „Kokunai san“ (inländischer Wein) oder „Yunyu san“ (importierter Fasswein) sollen die Herkunft der Traubensäfte deklarieren. Darauf kann sich der Konsument aber nicht unbedingt verlassen, weil zum einen das Gros der in Japan produzierten Weine, dazu gehören auch Spitzenprodukte, meist Verschnitte mit geringem japanischem Anteil und mit großem Anteil aus Traubensäften bestehen, die aus Südamerika und Osteuropa importiert werden und zum anderen, weil mit den Anteilen getrickst wird. 



(3) Eine alternde Bevölkerung von Weinbauern bedeutet seit geraumer Zeit Rückgang der Anbauflächen, während die Nachfrage nach lokalen Weinen stetig wächst.

Neue Weinregeln, neue Komplikationen

Die neuen Vorschriften, erlassen von der nationalen Steuerbehörde und die Ende Oktober 2018 in Kraft traten, besagen, dass fortan nur Weine aus 100 Prozent heimischen Trauben als japanischer Wein bezeichnet werden dürfen. Mit den Regeln wird auch ein neues System der geografischen Angabe auf den Etiketten eingeführt, das nur dann Lagenbezeichnungen auf Etiketten erlaubt, wenn mindestens 85 Prozent Traubensaft aus einer Lage verwendet wurden. Außerdem müssen mehr als 85 Prozent einer einzigen Rebsorte im betreffenden Wein enthalten sein, um den Namen der Rebsorte auf dem Etikett zu vermerken.

Nun ist es so, dass sich japanische Weingüter immer nach dem Ort oder der Region benennen, wo sie produzieren, gleichzeitig wechseln sie die Quellen ihrer Traubensäfte nach Belieben. Nach den neuen Regeln für geografische Angaben müssten die Weingüter, sofern sie ihre wechselnden Bezugsquellen beibehalten wollen, praktisch jährlich ihre Etiketten neu gestalten. Zudem wünschten traditionell Hotels, Bars und Restaurants Eigenmarken, die von den Weinproduzenten gerne produziert werden. Auch dieses Procedere ist eine Hürde, die noch genommen werden muss, da nun generell die Herkunft der Trauben auf dem Etikett stehen muss. Das bedeutet dann, dass viele Weinproduzenten dem Wunsch ihrer Kunden rein aus Kostengründen und hinsichtlich des Aufwands nicht mehr nachkommen können.

Von Weintrauben zu Tafeltrauben und zurück

Die Veränderungen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Zahl der Weinbauern abnimmt. In den letzten 10 Jahren hat die japanische Weinbaufläche laut Regierungsstatistik um 3.600 Hektar abgenommen, was einem Rückgang von rund 8 Prozent entspricht. Ein Paradoxon ist, dass, obwohl die Zahl der Weingüter steigt, die Zahl der Weinbauern aufgrund der alternden Bevölkerung abnimmt. Es gibt auch Berichte, dass sich einige ältere Weinbauern weigern, Land zu verkaufen, das sich seit Generationen im Besitz ihrer Familien befindet, obwohl sie keine Nachfolger haben.

Ein anderes Kuriosum ist: Vor etwa zehn Jahren bauten viele Weinbauern ihre Weinberge neu an und wechselten von Koshu, einer der beliebtesten japanischen Rebsorten, zu Tafeltraubensorten, die zu höheren Preisen verkauft werden konnten. Dann begann aber der Koshu-Wein an Popularität zu gewinnen, der von den Konsumenten als einzigartig japanisch bewertet wird. So stieg wiederum der Druck auf die Produzenten, vermehrt Weine aus Koshu herzustellen. Koshu ist eine weiße Rebsorte, leicht rosa und wird hauptsächlich in Yamanashi (eine Präfektur in der Region Chūbu auf der Hauptinsel Honshū) angebaut. Als Hybrid aus Vitis vinifera und asiatischen Reben gilt diese Sorte als in Japan heimisch. 

Eigene Blaupause

Während die neuen Gesetze erst einmal in der Umsetzung viele Probleme bereiten, zeigen zwei historische Weinregionen, die seit mehr als 15 Jahren schon ähnliche Regeln haben, dass die langfristigen Auswirkungen für die Weinindustrie gut sein können. Yamanashi ist Japans älteste und berühmteste Weinregion – die erste Aufzeichnung der dort produzierten Weine stammt aus dem 19. Jahrhundert. Es ist die Heimat von Produzenten von Qualitätsweingütern wie beispielsweise das berühmte Château Mercian. In Yamanashi gibt es eine Konzentration von vielen weiteren Gütern rund um die Stadt Koshu, nach der auch die Rebsorte benannt ist. Die hier ansässigen Produzenten verwenden überwiegend lokale Trauben, die Vermischung mit importieren Säften ist hier eher gering. 

In der benachbarten Region Nagano, ebenfalls auf der japanischen Hauptinsel Honshu gelegen, ist Shiojiri eine weitere Weinbauzone, benannt nach der gleichnamigen Stadt. Hier hat man die Rebflächen in vier Weingebiete aufgeteilt. Deren Namen klingen eindeutig nach Nihongo, der Muttersprache Japans: Chikumagawa, Kikyogahara, Nihon Alps und Tenryugawa. Hier in Nagano wird nicht nur der Weinbau gefördert, sondern auch parallel der Weintourismus. In beiden Regionen, in Yamanashi und in Nagano, nehmen trotz des Rückgang von Weinbauern die bewirtschaftenden Flächen zu. Grund hierfür sind Ausbildungsprogramme für Jungwinzer und parallel staatliche Unterstützung beim Erwerb von Rebflächen, Modernisierung im Keller und im Weinberg.

Wandel steht in Frage

Japans Weinindustrie und Weinliebhaber hoffen im Zuge der neuen Gesetze gemeinsam auf einen Aufschwung. Dafür sind neben der Sicherstellung der Anbauflächen, Unterstützung der Weinbauern auch gezielte Informationen an die Verbraucher nötig. Doch noch weiß keiner, ob die neuen Vorschriften schützen oder hinderlich sind – so ringt die japanische Seele jetzt mit sich und den neuen Gesetzen. Es bleibt zu hoffen, dass die den Japanern eigene Disziplin und Gelassenheit kongenial mit intelligenten, zukunftsweisenden Maßnahmen im Bereich Weinbau und Weinproduktion wirken. Wir werden sehen …

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