August-Weine

Bordeaux unter der Sonne

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 16. September 2020


FRANKREICH (Bordeaux) – Der neueste Titel der globalen Erwärmung – aktuell in Bezug auf die Weinberge von Bordeaux – lautet: „Bordeaux unter der Sonne“. Dieser Titel ist aber auch zugleich eine „wiederkehrende Frage, die in den letzten Jahren immer dringlicher geworden ist“, schreibt mein französischer Kollege Jean-Pierre Stahl, Journalist, Weinkenner und Blogger, der über dieses Thema jüngst einen Aufsatz geschrieben hat und auf den ich mich hier stellenweise beziehe.

Fakt ist: Temperaturen und Trockenheit werden von den Winzern im Bordelais wie auch von den Forschern des Institut Supérieur de la Vigne et du Vin (ISVV), Bordeaux Sciences Agro und dem Institut National de la Recherche Agronomique (INRAE) immer stärker in den Fokus gestellt – gerade jetzt, da die 2020er Ernte zu den drei frühesten der letzten 20 Jahre gehört, ist der Druck groß, den Winzern zukunftsweisende Richtlinien anhand zu geben.

Es gilt: „Des einen Freud ist des anderen Leid – oder umgekehrt“, schreibt mein Kollege Rolf Bichsel eingangs seiner neuesten Ausgabe von „World of Bordeaux“ (Vinum), wobei er dies auf die Preis- und Qualitätsentwicklung im Bordeaux bezieht, was aber auch ohne Frage auf das Klima und die davon betroffenen Rebsorten gleichermaßen gilt. Letzteres Thema betrachten wir nachfolgend etwas genauer.

Rückblick über die Vegetationsperiode

Die Vegetationsperiode des Jahrgangs 2020 begannen mit einem viel zu warmen Winter. Im Februar lagen die durchschnittlichen Temperaturen bei 12 °C, damit weit über dem Normalwert. Der Frühling war mild. Es folgte ein heißer Sommer und die Reben entwickeln sich unter diesen vegetativen Bedingungen erneut früher, als es der Durchschnitt aufzeigt. In Bordeaux erreichten die Temperaturen im Juli und Anfang August Werte von fast 40 °C und kratzten damit nahe an den Rekord von 42,6 °C, gemessen als Höchstwert im Sommer 2019. Diese Temperaturen und die Sonneneinstrahlung hatten zur Folge, dass die jungen Reben unter ihrem noch schwachen Wurzelsystem litten, ganz zu schweigen von dem Phänomen des „Grillens“ der Beeren, das hier und da nicht übersehen werden konnte und Sonnenbrand auf die Trauben wie gleichermaßen Sorgenfalten auf die Stirn so manchen Winzers zeichnete. Es ist der neue Standard, seit in den letzten Jahren die Sommer extrem heiß waren und die Klimaerwärmung weiter fortschreitet.

Für die roten Sorten begann die Lese im Bordeaux am 7. September im Pessac-Léognan und am Mittwoch, dem 9. September bei Château Smith Haut-Lafitte. Nur in 2011 und in 2003 waren die Lesestarts früher. „Es sind die jungen Reben im Alter zwischen drei und fünf Jahren, die im Zusammenhang mit Dürre am meisten leiden“, konstatiert Fabien Teitgen, Direktor, Technikmanager und Weinmacher von Château Smith Haut Lafitte. „Weiterer Grund hierfür ist deren fehlende Wurzeltiefe. In den jungen Anlagen werden die Blätter bei solchen Bedingungen oft gelblich, sie sind kraftlos, neigen zu fallen, bieten keinen Schatten und als Ergebnis haben wir Beeren, die sehr klein sind und schwach in ihrer aromatischen Ausbildung – ganz klar, ihnen fehlt einfach Wasser. Ganz anders verhält es sich bei den alten Rebkulturen. Überblickt man diese Rebflächen, so sind sie ziemlich grün, die Beeren sind dort dieses Jahr recht groß. Die rund 60 Millimeter Niederschlag im August, den wir in unseren Anlagen gemessen haben, hat den alten Reben geholfen, denn diese kommen mit weniger Wasser aus und sie funktionieren sehr gut, auch eben bei diesen Bedingungen.“

Suche nach hitzebeständigen Reben

In Villenave d’Ornon in Gironde, Sitz der ISVV, untersuchen die Wissenschaftler zusammen mit Kollegen der INRAE seit 2009 das Verhalten von 50 Rebsorten in Bezug auf Hitze und Sonneneinstrahlung. Dass auch hierzu die Veränderung des Klimas konstatiert wird, ist längst ein alter Hut, aber die Sensibilität der Reben bringt neue Erkenntnisse. Für die Zukunft wollen die Institute mit ihren Messungen Empfehlungen für geeignete Rebsorten geben. „Alles läuft darauf hinaus, die Rebsorten zu selektieren, die am besten mit höheren Temperaturen auskommen“, kommentiert Cornelis Van Leeuwen, Professor für Weinbau am ISVV und Bordeaux Sciences Agro, die Bemühungen.

Nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa verschieben sich die traditionellen Reifetermine, denn mit der globalen Erwärmung erreichen die Trauben ihre physiologische Reife immer früher, was mitunter zu Lasten der Qualität geht. „Wir erhalten bessere Ergebnisse, wenn die Trauben Ende September reifen, als im August“, sagt Van Leeuwen. „Sogenannte August-Weine sind oftmals unausgeglichen und alkoholisch. Auch daher forschen wir, um die Reife gegen Ende September aufrechtzuerhalten.“

„Innerhalb der in Bordeaux existierenden Rebsorten haben wir eine relativ spät reifende Sorte, nämlich Cabernet Sauvignon“, referiert Van Leeuwen.“ Ein Lösungsansatz besteht darin, den Anteil von Cabernet Sauvignon an den Bordeaux-Sorten zu erhöhen. Aber es ist wahrscheinlich, dass dies über die Mitte dieses Jahrhunderts hinaus nicht ausreichend sein wird. Deshalb müssen wir jetzt schon über die Einführung noch später reifender Rebsorten nachdenken, die für noch höhere Temperaturen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts geeignet sein könnten. Wir testen im Besonderen Rebsorten aus dem Mittelmeerraum, die heute unter heißen und trockenen Bedingungen wachsen, wie beispielsweise die portugiesische Rebsorte Tourigua Nacional, eine Sorte, die in der Region Douro verwendet wird und Hitzeperioden gut verträgt.“

Der vorherrschende Merlot in Bordeaux hat ausgedient

Zwischen dem Labor, in dem die Reifegrade der verschiedenen Rebsorten sorgfältig untersucht werden, und dem Gewächshaus schreitet die Forschung voran. Beobachtet wird das Problem der Trockenheit junger Pflanzen, die in Töpfen gezogen und mit mehr oder weniger Wasser sowie der Sonneneinstrahlung und der Hitze ausgesetzt werden. „Wichtig bei der Auswahl geeigneter Rebsorten ist das Verständnis über deren Wurzelstock, denn gerade hier gibt es bei den Sorten gravierende Unterschiede bei der Resistenz gegen Trockenheit“, erklärt Van Leeuwen.

Draußen in den Anlagen passen die Weinbergstechniker die Ergebnisse ständig den Forschungen der Wissenschaftler an. „Wir fühlen uns angesichts der Herausforderungen noch ein wenig hilflos, weil es trotz aktueller Forschung eine Dimension hat, die über das, was wir kennen, hinausgeht“, sagt Fabien Teitgen. „Dennoch haben wir Hoffnung, denn erste Erfahrungen stellen sich ein. Zum Beispiel haben wir bis vor zehn Jahren noch 30 Zentimeter über den oberen Drähten und Pfählen geschnitten. Die Überzeugung war, dass die Blätter eine gute Photosynthese geben, um dann mehr Traubenreife zu haben. Wir wissen nun, dass die Rebe mit ihren Blättern schwitzt, also haben wir die Höhe reduziert und schneiden seither ungefähr zehn Zentimeter über dem Draht, um weniger Blattfläche zu haben, die Rebe daher weniger schwitzt, somit auch weniger Wasser verliert. Zudem verwenden wir Kräutertees wie Kamille, um Rebeb mit Wasserstress zu beruhigen.“

Eines scheint sicher zu sein: Im Jahr 2050 werden die Weinberge von Bordeaux nicht mehr unbedingt die gleiche „Physiognomie“ aufweisen. Alle sind sich einig, dass der vorherrschende Merlot in Bordeaux durch Cabernet und sogar andere mediterrane Rebsorten zukünftig ersetzt wird.

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