Beaujolais
Trinken, kochen, essen: Andouillette, Saucisson en Brioche, Cervelle des Canuts – und so viel mehr!
Text: Ursula Heinzelmann, Foto: GettyImages / mage Professionals GmbH
Es war einmal ein adliger Herr aus dem Geschlecht derer von Beaujeu, der sein Schloss am Rande der grossen Berge errichten liess. An den östlichen Ausläufern des Massif Central waren die Felder vor den rauen Winden des Rhônetals geschützt, die Saône milderte die kalte Luft von Osten und liess an den Hügeln die Trauben reifen – die Anfänge des Beaujolais klingen wie im Märchen.
Doch lassen sich die Trauben von ebendiesen Hügeln heute mehr denn je mit jedem Schluck erleben. Sicher, jene von Beaujeu, dem Bellojovium, dem «schönen Hügel» sind längst ausgestorben, das Schloss ist zerstört, der Lebensmittelpunkt der Region hat sich ins Zentrum nach Villefranche-sur-Saône verlagert. Aber der kleine Ort hat seine trutzige Art bewahrt, mit Kirchen und gedrungenen Rundtürmen, die aus vielen Steinen aufgeschichtet sind, mit malerischen Fachwerkfassaden und Fensterläden. Die Weinberge geben heute noch viel mehr den Ton an als damals, vor zehn Jahrhunderten. Die echten Ursprünge des Beaujolais, dieses Landstrichs zwischen Mâcon im Norden und Lyon im Süden, gehen noch viel weiter zurück, denn die Reben haben hier bereits vor nahezu zwei Jahrtausenden mit den Römern Fuss gefasst. Damals gründeten die Eroberer vom Mittelmeer Lugdunum (Lyon). Die Hauptstadt Galliens am Zusammenfluss von Rhône und Saône entwickelte sich schnell zu einem Verkehrsknotenpunkt. Von dort führte ein Zweig der Via Agrippa nach Norden Richtung Metz und Köln, entlang der «schönen Hügel» nördlich der Stadt, bestens geeignet, um die durstigen Bewohner Lugdunums mit Wein zu versorgen. Brulliacus, Brouilly und Morgon entstanden wohl als Erstes.
«Blumig, fruchtig und mit feiner Bitternote gefällt Gamay eigentlich allen – und auf den Granitböden der Crus können die Weine sogar eine burgundische Tiefe entwickeln.»
Alice Feiring, US-amerikanische Weinautorin
Wie vielerorts, nicht nur entlang der Rhône, der Saône und ihren vielen Nebenflüssen, sollten diese Reben in der Folge viel Kommen und Gehen erleben. Auf die Römer folgten die gleichermassen durstigen – und arbeitswilligen – Benediktiner sowie Adlige, jene von Beaujeu waren nur der Auftakt einer ganzen Reihe mehr oder weniger bedeutender Familien. Das Leben derer, die sich tatsächlich und tatkräftig um Felder und Hänge kümmerten, war kein einfaches. Allen mildernden und schützenden Einflüssen zum Trotz waren die «schönen Hügel» auch wind- und regengepeitscht, die Böden karg und die Reben eine wirtschaftliche Randerscheinung. Erst ab dem 17. Jahrhundert wurde alles etwas einfacher, auch steuerlich, und in der Folge brach sich ein wahrer Strom den Weg nach Süden in die Bouchons von Lyon, die einfachen Gaststätten der Marktleute: Der Beaujolais galt fortan als Hauswein, als «dritter Fluss» der Stadt. Auch nach Norden erweiterten sich erst mit Kanälen, dann mit der Eisenbahn die Handelsmöglichkeiten: Bis heute stillt Paris seinen Durst gerne mit dem Wein aus den «schönen Hügeln».
Dort wächst seit den Anfängen des 15. Jahrhunderts, als der auf Qualität bedachte Herzog Philipp den Anbau dieser «schlechten» und «unehrenhaften» Sorte im eigentlichen Burgund untersagt hatte, vor allem Gamay. Die Weinbauern auf den «schönen Hügeln» im Süden hingegen hatten nichts gegen die zuverlässig und reichlich tragenden Reben, die sich noch dazu auf den von Granit geprägten Böden deutlich wohler fühlten als auf dem Kalk der Côte d’Or. Das lässt sich bis heute – oder heute wieder erst recht – keineswegs nur bei grossem Durst feststellen, sondern auch ganz genüsslich erschmecken. Und wenn sie nicht gestorben sind…
Weingeschichte

Von Nouveau zu Natural
Eigentlich ist Gamay aus dem Beaujolais ein leichter Wein, doch heisse Jahrgänge mit hitzigen Weinen verführten in der Nachkriegszeit zu exzessivem Anreichern mit Zucker, moderne Chemie in den Weinbergen sorgte für hohe Erträge, industrielle Hefe und reichlich Schwefel im Keller ergaben belanglose «Nouveau»- Schnelldreher. Bis Ende der 1970er fanden einige Winzer, indem sie auf den Zusatz von Hefe, Schwefel oder Zucker verzichteten, wieder zum «nackten Wein» zurück – ein Auslöser der weltweiten Natural-Bewegung.
Klassische Mariage: Andouillette

Andouillette, diese Wurst aus Därmen und Kutteln, gibt es nicht nur im Beaujolais und im Burgund. In Lyon steht sie gar symbolisch für die kulinarische Seele dieser Stadt, die sich als «capitale mondiale de la gastronomie » bezeichnet, als Welthauptstadt der Gastronomie.
Die Andouilette ist ein sehr traditionelles Gericht der Bouchons, der kleinen Wirtschaften, in denen sich einst die durchgefrorenen, übernächtigten Marktleute von Lyon stärkten. Der kräftige Geschmack der Andouillette – eine wirklich gute Quelle ist wichtig, damit «kräftig» nicht in penetrant abgleitet – wird gerne durch eine cremigkörnige Senfsauce (Dijon ist nicht weit) sowie Sauerkraut ergänzt und, wie könnte es anders sein, natürlich mit Beaujolais hinuntergespült.
Dazu passt: Beaujolais Villages
Die Rotweine der Dorf-Appellationen bieten viel Frucht, aber auch Struktur und Konzentration, unterlegt von diskretem Gerbstoff und harmonischer Säure – und das verleiht der Andouillette ein wenig Eleganz.
Klassische Mariage: Pizza Margherita

Die für heutige Begriffe schlichteste Form der Pizza und für viele die liebste: Tomatensauce, Mozzarella, Basilikum und Olivenöl auf dünnem Teig mit knusprig-wulstigem Rand. Ob sie tatsächlich exakt 1889 und für die italienische Königin Margherita kreiert wurde, ist stark anzuzweifeln, köstlich schmeckt sie allemal.
Jedenfalls, vom richtigen Pizzaiolo zubereitet, mit den allerbesten Zutaten und frisch aus dem Ofen! Beaujolais Blanc harmoniert hier ganz hervorragend, denn die weisse Stein- und Zitrusfrucht kommt bestens mit Käse und Tomatenfrische zurecht, dazu sind die Weine schön süffig, also erfrischend zu Teig und Olivenöl.
Dazu passt: Beaujolais Blanc
Ganze vier Prozent der Beaujolais-Weine sind das, was in Lyon gerne «un petit Chardonnay» genannt wird: fruchtig, mineralisch und unkompliziert – was Pizzaduft und -geschmack wunderbar erfrischend begleitet.
