Nebbiolo, Barbera & Co.
Das flüssige Gold des Piemont
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Das Piemont ist ohne Zweifel eine der grossen Weinbauregionen Italiens: Rund 45 000 Hektar sind mit Reben bestockt, in 41 DOC- und 19 DOCG-Gebieten werden Weine gekeltert. Aber es ist nicht die Quantität, sondern die Qualität, die den Weinbau des Piemont ausmacht: Barolo und Barbaresco, Roero und Nizza, Asti und Alto Piemonte – um nur einige zu nennen – spielen in der Klasse A, und das weltweit.
Die Einzigartigkeit eines Kerngebietes des Weinbaus, Langhe-Roero und Monferrato, wurde im Jahr 2014 von der UNESCO offiziell gewürdigt: Die Weinlandschaften des Piemont wurden in die Welterbeliste aufgenommen. Die Begründung der Jury trug der tiefen historischen Verwurzelung Rechnung: Es handelt sich um ein herausragendes Beispiel für die Interaktion des Menschen mit seiner natürlichen Umwelt. Die sanft hügeligen Weinberge, die historischen Weinkeller von Canelli – als «unterirdische Kathedralen» bezeichnet – und die ländlichen Strukturen zeugen von einer jahrhundertelangen Kontinuität: Die Landschaft selbst wird durch den Weinbau zu einem Kunstwerk geformt.

Im Zentrum dieses Kunstwerks steht eine Rebsorte: der Nebbiolo. Über seinen Ursprung erfährt man immer mehr Details. Die Wissenschaftlerin Anna Schneider (Universität Turin, Istituto per la Protezione sostenibile delle piante) und ihr Kollege José Vouillamoz (University of California, Davis und Fondazione Edmund Mach in San Michele all’Adige) haben mikrobiologische DNA-Analysen an über 1500 Rebsorten durchgeführt. Auf der Suche nach dem genetischen Ursprung des Nebbiolo sind sie zu der Überzeugung gelangt, dass die Elternrebsorten wahrscheinlich ausgestorben sind und sich seine Abstammung somit nicht mehr feststellen lässt. Es steht aber weitgehend ausser Zweifel, dass die Rebsorte in Norditalien geboren wurde, die ersten Spuren fand man um 1266 im Castello di Rivoli vor den Toren von Turin.
Nebbiolo reift spät, ist durch langlebiges Tannin geprägt und sehr terroirempfindlich. Das prädestiniert die Rebsorte für Einzellagenweine. Der Vergleich mit dem Burgund liegt daher auf der Hand und wird für die Langhe und das nordwestlich gelegene Roero gerne bemüht. Um dieser Lagenempfindlichkeit Rechnung zu tragen, wurden für Barolo, Barbaresco und Roero geografische Zusatzbezeichnungen eingeführt: 181 Menzioni Geografiche Aggiuntive sind bei Barolo eingetragen, 66 bei Barbaresco und 135 bei Roero.
Aus ihr werden die unbestrittenen Könige der italienischen Weinwelt gekeltert, der Barolo und der Barbaresco. Diese Weine spiegeln das Terroir des Piemont par excellence wider. Doch die piemontesische Weinvielfalt ist breiter aufgestellt: Die Barbera-Traube liefert einerseits alltagstaugliche, fruchtbetonte Begleiter, andererseits grosse, langlebige Kreszenzen, der Dolcetto besticht durch viel Frucht, und weisse Rebsorten wie Arneis, Timorasso oder Cortese (im Gebiet des Gavi DOCG) setzen elegante Kontrapunkte. Dazu kommen noch Grignolino und Freisa, Erbaluce und Favorita – um nur einige zu nennen.
Die Küche zum Keller

Egal, was man auch trinkt oder wohin man kommt: Diese Weine sind ideale Partner einer reichhaltigen und bodenständigen Kulinarik. Die piemontesische Küche war stets zweigeteilt, geprägt von der bäuerlichen Tradition der Landarbeiter und der opulenten Hofküche des Hauses Savoyen im nahen Turin. Das Resultat ist eine Gastronomie, die vor Aromen und handwerklicher Präzision nur so strotzt.
«Es ist kein Wunder, dass im Piemont die Slow-Food-Bewegung gegründet wurde, um das Essen und die Traditionen zu verteidigen.»
Carlo Petrini, kulinarischer Vordenker
Ein klassisches piemontesisches Menü verlangt förmlich nach Begleitung: Die berühmten Antipasti wie Vitello tonnato (hauchdünnes Kalbfleisch mit Thunfisch-Kapern-Sauce) oder Carne Cruda (frisch gehacktes Rinderfilet) harmonieren perfekt mit einem eleganten Arneis oder einem frischen Barbera. Wenn die reichhaltigen Pastagerichte auf den Tisch kommen – etwa die handgemachten Tajarin (dünne Eiernudeln) oder die gefüllten Agnolotti del Plin –, schlägt die Stunde des Nebbiolo. Die kräftige Säure und Struktur des Weins schneidet elegant durch die Reichhaltigkeit der Butter- und Fleischsaucen. Und wenn im Spätherbst die weisse Trüffel aus Alba über die Gerichte gehobelt wird, findet sie in einem gereiften Barolo ihren idealen Konterpart. Beim deftigen Schmorbraten Brasato al Barolo wird der Wein sogar selbst zur essenziellen Zutat.
Slow Food
Dass dieses reiche kulinarische und önologische Erbe heute so lebendig und vor globalisierter Uniformität geschützt ist, verdankt das Piemont nicht zuletzt Carlo Petrini. Der im Mai 2026 im Alter von 76 Jahren verstorbene Publizist hat den Blick auf die Kulinarik revolutioniert. Als Petrini im Jahr 1986 aus Protest gegen die Eröffnung einer Fast-Food-Filiale an der Spanischen Treppe in Rom die Slow-Food-Bewegung gründete, setzte er auch einen Meilenstein für den Erhalt regionaler Identitäten. Und sein Erbe lebt fort: Die von ihm gegründete Università degli Studi di Scienze Gastronomiche im piemontesischen Pollenzo zieht bis heute junge Menschen aus aller Welt an, um den interdisziplinären Wert von Ernährung und Ökologie zu studieren.

Der Weinbau im Piemont ist somit weit mehr als ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor. Er ist das emotionale und kulturelle Bindeglied einer Region, die stolz auf ihre Vergangenheit blickt, ihre Landschaft als UNESCO-Weltkulturerbe schützt und dank Vordenkern wie Carlo Petrini verstanden hat, dass die Schönheit in der Langsamkeit, im Handwerk und im respektvollen Genuss liegt.