Weinweekend

UNESCO-Weltkulturerbe Langhe-Roero und Monferrato

Fotos: GettyImages / Fani Kurti, GettyImages / StevanZZ, z.V.g., MASSIMILIANO STICCA

Wer im Piemont unterwegs ist, lernt, dass sich diese Region dem Besucher nicht gleich in die Arme wirft, sondern einnehmend und hintergründig ist – eine harmonische, facettenreiche Landschaft für Kenner und Liebhaber exzellenter Weine, eigenständiger Küche und Kultur. Nicht zuletzt deshalb sind die Weinlandschaften von Langhe- Roero und Monferrato seit 2014 UNESCO-Weltkulturerbe.

Zwischen Turin und den Ausläufern der ligurischen Alpen ziehen sich Hügelketten durch die Landschaft, überzogen mit Weinbergen, Haselnusshainen und kleinen Dörfern, die wie selbstverständlich auf den Kuppen thronen. Die Langhe, das Roero und das Monferrato gehören zu jenen Gegenden Italiens, die man weniger besichtigt als vielmehr erlebt.

Schon früh am Morgen liegt Nebel über den Reben. Besonders in den Langhe scheint er Teil der Identität zu sein. Nicht zufällig leitet sich der Name der Nebbiolo-Traube vom italienischen «nebbia», dem «Nebel», ab. Die Traube reift spät im Herbst, wenn allmorgendlich grauer Dunst die Hügel und Täler fest im Griff hat.

Die Langhe mit ihrer Hauptstadt Alba sind die Heimat von Barolo und Barbaresco, letzterer wird sogar im Stadtgebiet von Alba hergestellt. In den elf Gemeinden des Barolo und in den vieren des Barbaresco versteht man schnell, dass Wein die Landschaft, die Architektur und den Lebensrhythmus bestimmt – und natürlich auch die Küche.

Die Küche des Piemont gilt als eine der raffiniertesten Italiens – gerade weil sie auf Effekte verzichtet. In den Trattorien kommen Tajarin auf den Tisch. Die hauchdünnen Eiernudeln werden mit Butter, Ragù oder in der Trüffelsaison mit weissem Trüffel aus Alba serviert. Dessen Duft erfüllt im Herbst nicht nur die Osterien und Restaurants, sondern auch die Städte und Dörfer selbst. Auf der internationalen Trüffelmesse in Alba taxieren Händler die knollenförmigen Kostbarkeiten ernst- und gewissenhaft. Die Preise für manches Exemplar erreichen stellare Höhen.

«Der Wein verleiht der Freundschaft ein Lächeln und der Liebe einen Funken.»

Cesare Pavese

Dabei lebt die piemontesische Küche von ihrer Schlichtheit. Vitello tonnato, Carne Cruda oder Agnolotti del Plin wirken auf den ersten Blick unspektakulär. Doch hinter den Gerichten steckt Handwerkskunst und gelebte Tradition: Agnolotti – kleine gefüllte Teigtaschen – werden in vielen Familien bis heute von Hand gefertigt. Agnolotti, Tajarin und Trüffel dominieren auch die Küche des Roero. Dazu kommen noch Kaninchen, gefüllte Paprika oder Robiola-Käse aus kleinen Dorfkäsereien. Aber das Roero, nur wenige Kilometer weiter westlich von Alba, ist anders. Hier verändert sich die Landschaft abrupt. Das Gebiet auf der anderen, der linken Seite des Tanaro, wirkt wilder und ursprünglicher. Die Hügel sind steiler, die Wälder dichter, die Erde sandiger. Zwischen Weinbergen öffnen sich plötzlich tiefe Schluchten, die Rocche, bizarre Erosionslandschaften aus hellem Gestein.

Während die Langhe in den Händen der roten Rebsorten liegen, hat das Roero zwei Weinseelen: einerseits – wie in den Langhe – elegante Nebbioli, die sich schon in jungen Jahren öffnen, andererseits frische und oft überraschend langlebige Weine aus der autochthonen weissen Rebsorte Arneis.Im Monferrato schliesslich, dem dritten Teil des Weltkulturerbes, öffnet sich die Landschaft erneut. Die Hügel werden sanfter, weiter, vieles wirkt ursprünglicher, alltäglicher, näher am wirklichen Leben. In Casale Monferrato oder Nizza Monferrato bestimmen Arkadengänge, kleine Cafés und Wochenmärkte das Bild.

Hier gedeiht die Barbera-Traube, deren Weine zugänglicher und fruchtbetonter wirken als die oft strengen Nebbiolo- Gewächse. Dazu passen Bollito Misto, langsam gekochtes Fleisch mit verschiedenen Saucen, oder Bagna Càuda – eine warme Sauce aus Knoblauch, Sardellen und Olivenöl, in die Gemüse getunkt wird und die man meistens gemeinsam in einer Runde mit Familie und Freunden geniesst.

Hier gedeiht die Barbera-Traube, deren Weine zugänglicher und fruchtbetonter wirken als die oft strengen Nebbiolo- Gewächse. Dazu passen Bollito Misto, langsam gekochtes Fleisch mit verschiedenen Saucen, oder Bagna Càuda – eine warme Sauce aus Knoblauch, Sardellen und Olivenöl, in die Gemüse getunkt wird und die man meistens gemeinsam in einer Runde mit Familie und Freunden geniesst.

Erlebnis & Natur

In den Weinlandschaften des UNESCO-Weltkulturerbes Langhe-Roero und Monferrato kommen Geniesser und Naturliebhaber gleichermassen auf ihre Kosten.

Infos

Unterirdisch 
Alba Sotterranea 

Seit den Zeiten der römischen Stadt Alba Pompeia haben sich im Untergrund des heutigen Alba Schichten um Schichten mit Überresten früherer Zivilisationen angesammelt. Gemeinsam mit einem Archäologen kann man diese Schichten im Rahmen eines Spazierganges durch das unterirdische Alba entdecken.

ambientecultura.it

Weingeschichte 
WiMu – Museo del Vino 

Will man mehr über Barolo und Co. erfahren, kommt man um das moderne Weinmuseum im Schloss der Falletti in Barolo nicht herum. 

wimubarolo.it

Wandern

Ecomuseo Rocche del Roero

Die Rocche del Roero sind ein labyrinthischer Hügelkamm aus Schluchten, Wänden, Türmen und Sandgipfeln, die sich über 30 Kilometer von Pocapaglia bis Cisterna d’Asti erstrecken. Das Ökomuseum der Rocche del Roero hat für Wanderer ein Netzwerk thematischer Rundwege geschaffen – Naturpfade, auf denen man in die Naturschönheiten und Geheimnisse des Gebiets eintauchen und mehr über die Kultur vor Ort erfahren kann. 

ecomuseodellerocche.it

Erlebnis

Den Trüffeln auf der Spur

Neben Barolo, Barbaresco oder Barbera sind ohne Zweifel Trüffel ein Aushängeschild unter den Produkten der Kulturerbe-Landschaft. Einen ersten Einblick in die Geschichte und Kultur der Knolle bietet Albas Trüffelmuseum Mudet in der Nähe des Domes. Vier Themenbereiche widmen sich dem gesamten Spektrum des Trüffels bis zum Einsatz in der Küche und natürlich der Bedeutung für das bäuerliche Leben (visitalba.eu/luogo/ mudet/). Seine Kenntnisse kann man dann bei einer Caccia al Tartufo, einer organisierten Trüffeljagd, auf die Probe stellen. 

getyourguide.com

Sterneküche

Piazza Duomo, Alba

Seit Jahren vom «Guide Michelin» mit drei Sternen dekoriert, ist das Restaurant der Winzerfamilie Ceretto ein kulinarischer Fixpunkt im Herzen Albas. In der Küche schwingt Enrico Crippa seit zwei Jahrzehnten den Kochlöffel und kreiert eine sinnliche Reise durch Zeit und Raum, in die er die Einflüsse des Piemont mit den grossen Küchen der Welt verbindet. Die Weinkarte ist international und bietet viel Champagner sowie Weine aus dem Burgund. 

piazzaduomoalba.it

Köstlichkeiten auf Rädern

Del Belbo – Da Bardo

Seit 1884 verköstigt man im Herzen des Monferrato Hungrige mit Agnolotti del Plin al Burro e Salvia oder einem saftigen Kaninchenbraten. Auf dem Carello, dem Servierwagen für die Fleischgerichte, tummeln sich darüber hinaus Köstlichkeiten wie Trippa, Stinco oder die Finanziera (ein Potpourri aus allerlei geschmorten Innereien). Tadellos ist die Weinauswahl an Nizza DOCG und Barbera.

Tel. +39 0141 83 13 40

Raritätenkeller

Il Centro di Priocca, Priocca

Das «Centro» im Roero-Ort Priocca ist weit über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt für seine schnörkellose piemontesische Küche. Elide und Enrico legen den Fokus auf regionale Spezialitäten und saisonale Highlights wie das berühmte Fritto Misto alla Piemontese. Im Herbst ist natürlich Trüffelzeit, die Trüffel kommen in verschiedensten Interpretationen auf den Tisch. Um die passende Begleitung zu finden, lohnt ein Blick auf die gut bestückte Weinkarte. 

ristoranteilcentro.com

Essen & Trinken

Von Agnolotti del Plin bis zu Vitello tonnato: Die Küchenklassiker findet man auf jeder Karte in den Osterien, oft auch neu interpretiert.

Tipps

Meer und Berge
Osteria Lalibera, Alba

Die «Osteria Lalibera» ist nicht nur ein Hort für Trüffelköstlichkeiten, sondern geht auch fantasievoll mit der Verwendung von Zutaten aus Meer und Bergen um. Hervorragend sind die hausgemachten Tajarin sowie die Finanziera und die Trippa (Kutteln). Zum Dessert lockt der Schokoladenkuchen Bonet. 

lalibera.com

Perlen des Piemont 
Osteria dell’Arco, Alba 

Weinbergschnecken, Pasta oder eine Tagliata der piemontesischen Rinderrasse Fassona, dazu noch hervorragende Fischgerichte: Wer Abwechslung zu einem guten Preis will, wird direkt an der Piazza Michele Ferrero in Alba fündig. 

osteriadellarco.it

Vinothek mit Stern 
All’Enoteca, Canale

Chef Davide Palluda ist seit Jahren ein kulinarischer Fixpunkt im Herzen von Canale. In einem historischen Palast aus dem 13. Jahrhundert wird authentische und zugleich moderne Küche der Langhe und des Roero serviert, begleitet von den besten Etiketten des Gebietes. 

davidepalluda.it 

Speisen im Gewölbe 
Radici Mura Mura, Costigliole d’Asti 

Inmitten von Reben kann man im «Le Marne Relais in Costigliole d'Asti» wohnen und vor allem vorzüglich speisen. 

radiciristoranteinvigna.it

Übernachten

In den Hügeln der UNESCO ist es meist nicht weit zum nächsten Rebberg: Nicht selten kann man inmitten von Nebbiolo und Barbera auch übernachten.

Tipps

Il Villaggio Narrante, Serralunga d’Alba 
Zwischen Weinen und Geschichte

Einst im Besitz des piemontesischen Königshauses wurden auf dem Weingut Fontanafredda vier historische Gebäude renoviert und in elegante Unterkünfte umgewandelt – in die «Case dei Conti Mirafiore», die «Cascina Galarej» oder die «Foresteria» –, hinzukommen ein Schwimmbad, ein Spa und alle Annehmlichkeiten, die man sich nur wünschen kann. 

hotel.villaggionarrante.it

Locanda del Pilone, Alba 
Blick auf die Alpen 

In diesem Hotel der Winzerfamilie Boroli im Weiler Madonna di Cuomo nahe Alba kann man nicht nur komfortabel übernachten: Speisesäle mit gewölbten Ziegeldecken, der Salle Napoléon oder das Wohnzimmer mit Blick auf die Weinberge der Langhe, auf Monviso und Monte Rosa werden durch das Restaurant mit Michelin- Stern ergänzt, in dem Federico Gallo seiner Fantasie freien Lauf lässt. 

locandadelpilone.com 

Villa Tiboldi, Canale 
Zimmer mit Roero 

Die Villa Tiboldi thront über den Weinbergen von Canale im Roero und wird von der Besitzerfamilie Damonte (den Besitzern des Gutes Malvirà) als Wine Resort mit Restaurant geführt. Die Villa verbindet historische Architektur mit modernem Komfort, sonnigem Panoramagarten und Pool inmitten der Reben. 

villatiboldi.com

Il Boscareto Resort & Spa, Serralunga d’Alba

Luxus in den Langhe

Die Familie Dogliani ist nicht nur Besitzer des Weingutes Batasiolo, sondern verbindet im Boscareto-Resort in Serralunga d’Alba Luxus mit kulinarischen Genüssen und viel Natur: Mit 49 Zimmern und Suiten, dem Drei-Sterne-Restaurant «La Rei Natura» (von Michelangelo Mammoliti mit viel Engagement geführt), dem «Bistrot Il Sunsì» mit Küchenchef Alessandro Capalbo und dem Spa La Sovrana bleiben kaum Wünsche offen.

ilboscaretoresort.it

Palas Cerequio Barolo Cru Resort, La Morra

Träumen von Barolo

Wer gerne mitten in den Barolo-Rebbergen – und dort sogar noch in einer der renommiertesten MGA des gesamten Barolo-Gebietes – nächtigen möchte, wird im «Palas Cerequio Barolo Cru Resort» der Familie Chiarlo fündig: Man schläft wie in Morpheus’ Armen, nachdem man die Köstlichkeiten im hauseigenen Restaurant genossen hat, und natürlich ist der Weinkellerbesuch Pflicht. 

palascerequio.com

Almaranto, Calamandrana

Übernachten beim Nizza DOCG

Ob im Restaurant «Adagio» oder im Bistrot «Anima»: Die kulinarischen Genüsse kommen in diesem Boutique- Hotel nicht zu kurz. Dazu bietet das Relais im Anbaugebiet des Nizza DOCG einen Wellnessbereich, eine gemütliche Cocktailbar, dazu einen Pool und eine einzigartige Lage über dem Tal – und das inmitten von Barbera- und Moscato-Rebbergen und Haselnussbäumen.

villaalmaranto.it

Fiera Internazionale del Tartufo Bianco d’Alba, Alba

Trüffelfest

Der weisse Trüffel (Tuber magnatum) wird auch als Alba-Trüffel bezeichnet und ist der aus Südeuropa stammende echte Trüffel. Er wird zwischen September und Januar gesammelt, zu dieser Zeit ist die Stadt Alba die Trüffelhauptstadt der Welt. Dann ist Alba Schauplatz von Folklore, Kochshows, Spitzenköchen und Laboratorien, in denen die Beziehung der Knolle zum Wein gepflegt wird. 

fieradeltartufo.org

5

5

Kernzonen umfasst das UNESCO-Kulturerbe: Die Langa del Barolo, die Hügel von Barbaresco, Nizza Monferrato und das Barbera-Gebiet, Canelli und das Gebiet Asti Spumante sowie das Monferrato degli Infernot. Ferner das Castello die Grinzane Cavour.

Palio di Asti, Asti

Reiterspiele

Der Palio di Asti Anfang September ist eines der ältesten und emotionalsten Pferderennen Italiens. Die Wurzeln des Spektakels reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Dabei geht es um Ehre und Prestige zwischen den historischen Stadtvierteln (Rioni), den Gemeinden und den Borghi der Region. Zum Auftakt marschieren mehr als tausend Darsteller in Samt- und Seidenroben durch die Gassen. Das Rennen selbst, bei dem die Fantini ohne Sattel rund um die Piazza Alfieri galoppieren, dauert nur wenige Minuten. Der Sieg bringt dem Gewinner das begehrte Palio, ein kunstvoll bemaltes Samtbanner. Der Trostpreis ist traditionell eine Sardelle.

visit.asti.it

Feste Feiern

Vom Pferderennen in Asti über das Fasstreiben in Nizza Monferrato bis zur Trüffelmesse in Alba: Im Herzen des Piemont kommen die Feste nicht zu kurz.

Tipps 

Corsa delle Botti, Nizza
Fasstreiben 

Jedes Jahr Anfang Juni findet in Nizza Monferrato der Corsa delle Botti statt, das traditionelle Fasstreiben, bei dem verschiedene Mannschaften – meist Vertreter der Weingüter – ihre Fässer durch die Stadt treiben. Zur gleichen Zeit ist Nizza auch Schauplatz des Genussfestivals Monferrato in Tavola. 

corsadellebottinizza.com

Unterirdische Kathedralen, Canelli 
Bollicine für die Welt 

Canelli ist durch die lange Tradition seiner Schaumweinherstellung, die im 19. Jahrhundert ihren ersten Höhepunkt erreichte, ein wichtiger Teil des UNESCO-Weltkulturerbes: Die Cattedrali Sotterranee (unterirdische Kathedralen) von Canelli wurden zum Teil labyrinthisch in die Hügel gegraben. Schaumweinhersteller wie Contratto, Gancia, Bosca und Coppo pflegen bis heute das Erbe von Carlo Gancia, das nach dessen Aufenthalt in Reims begann. 

bosca.it/cantine

Palazzo del Gusto, Nizza Monferrato 
All’Enoteca, Canale

Im Palazzo del Gusto in Nizza Monferrato wird man audiovisuell in die Welt der Genüsse des Monferrato eingeführt. Ein eigener Raum ist den lokalen Weinen gewidmet: Moscato, Barbera und Brachetto. Und schliesslich erfährt man noch einiges über kulinarische Spezialitäten wie Cardo Gobbo, Robiola di Roccaverano, Mostarda oder Amaretti di Mombaruzzo. 

davidepalazzodelgusto.at