Hotspot München

Österia & Ösiwein

Schon die Taxifahrt gerät zum anarchistischen Abenteuer. Der Fahrer versteht «Osteria» statt «Österia», kutschiert uns ans falsche Stadtteilende, verflucht alle Fahrradfahrer Münchens, überrollt beinahe einen und landet mit Verspätung an der Taubenstrasse 2. Dafür gibt der tätowierte Dauerstudent Rabatt. Nette Geste. Erleichtert nimmt uns «Österia»-Besitzer Nickel Fischer vor seinem Mercedes, ein Rundhauber Baujahr 1965 mit Taufnamen «Susie», in Empfang. Mit dem alten Krankenwagen hole er regelmässig Weine aus Österreich, «aber lossen’s erst moi in die Stum gehn», mundartet der Mittvierziger und führt uns in ein Wiener Edel-Beisl in Münchens Trendviertel Au. Beisl-Stimmung, also österreichisch gewürzte Wirtsstuben-Atmosphäre, herrscht hier.

Der Werbespot für das Musical «Elisabeth» wurde hier kürzlich gedreht. Sissy-Porträts, Schank, Stuck und abgewetztes Fischgrätparkett umrahmen gut durchmischtes Gästevolk. Auch die Speisenkarte liest sich wie importiertes Lokalkolorit aus dem siebten Bezirk von Wien: Nudeln mit Steinpilzfüllsel auf rahmigen Dotschen oder marinierte Schwammerl. Da muss erstmal ein Magenöffner her, den Nickel als Rosé-Schaumwein vom Kamptaler Weingut Bründlmayer an den Tisch balanciert.

Fast alle Regionen der Alpenrepublik mit Schwerpunkt Steiermark und Burgenland finden sich in 120 Offerten wieder, ein Repertoire vom Grünen Veltliner vom Neusiedlersee bis zum Zweigelt aus Carnuntum, von Erwin Sabathi bis Pitnauer. Die Wachau sei ihm zu teuer. Zu den Schmankerln schlägt Nickel eine vinophile Brücke, weil er viele Jahre als Koch (u.a. bei Heinz Winkler im «Tantris») arbeitete, bevor er den Weinhandel ums Eck ins Leben rief. «Der Shop platzte irgendwann aus allen Nähten, und österreichische Weine brauchen kulinarischen Gegenstoff», sagt er. Als der Vorbesitzer, der in der Jugendstilkulisse ein lateinamerikanisches Tanzlokal betrieb, Nickel die Räumlichkeiten zum Verkauf anbot, konnte der seine Ideen dingfest machen.

Statt Caipi für 5 D-Mark gibt es seitdem Menüs mit alpiner Weinbegleitung. Das geräucherte Zweierlei vom Lachs mit Käferbohnen-Salat wird vom Weissburgunder aus dem Kremstal flankiert. Zitronig, üppig, aber keineswegs barock treibt der in alten Akazienfässern Ausgebaute den Meerrettich-Noten der Fischspeise die Schärfe aus. Für 14 Euro Stöpselgeld gibt’s die Weinchen auch flaschenweise. Und zum Mitnehmen ohne Stöpselgeld. «Aber unsa Backhendl vom Poltinger kriegn’s dahoam auf kaon Foi so hi», entlässt uns Nickel in die Nacht.